Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen

Der Hund von Baskerville — Erster Teil

An einem nebligen Morgen stand Sherlock Holmes spät auf, wie es seine Art war, und ich, Doktor Watson, hatte mich schon ans Frühstück gesetzt. Auf dem Tisch lag ein Spazierstock, den ein Besucher am Abend zuvor vergessen hatte, ein schöner, kräftiger Stock aus dunklem Holz mit einem dicken Knauf. Nun, Watson, sagte Holmes, der mir den Rücken zukehrte, was halten Sie von dem Stock unseres Besuchers? Sehen Sie ihn sich einmal genau an und sagen Sie mir, was für ein Mann ihn trägt. Erfreut über die Gelegenheit, einmal selbst die Methode meines Freundes zu erproben, nahm ich den Stock zur Hand.

Mir scheint, sagte ich, der Besitzer ist ein angesehener, älterer Landarzt, der viel zu Fuß geht. Gut, sagte Holmes. Ausgezeichnet. Und ich glaube, der Stock wurde ihm von Freunden geschenkt, denn hier ist eine Inschrift eingraviert, für James Mortimer von seinen Freunden, mit ein paar Buchstaben dazu und einer Jahreszahl. Holmes lächelte. Wirklich, Watson, Sie übertreffen sich selbst. Ich muss gestehen, dass Sie, wann immer Sie meine kleinen Erfolge schildern, Ihr eigenes Können stets zu niedrig veranschlagt haben. Mag sein, dass Sie selbst kein Leuchtfeuer sind, aber Sie sind ein vortrefflicher Leiter des Lichts. Manch einer ohne eigenes Genie hat doch die bemerkenswerte Gabe, es bei anderen zu wecken.

Dann nahm Holmes selbst den Stock und betrachtete ihn eine Weile mit bloßem Auge. Ein Landarzt, ja, und einer, der viel zu Fuß geht, das ist gewiss richtig, sagte er. Die Inschrift verrät überdies, dass die Freunde, die ihm den Stock schenkten, einem Krankenhaus angehörten; die Buchstaben deuten darauf. Vermutlich gab man ihm den Stock zum Abschied, als er aus der Stadt aufs Land zog. In einem Punkt aber muss ich Sie berichtigen, Watson: Ein älterer Herr ist er gewiss nicht. Wer eine Anstellung an einem Stadtkrankenhaus aufgibt, um sich aufs Land zurückzuziehen, der steht meist noch am Anfang seines Weges. Ich vermute einen liebenswürdigen, etwas zerstreuten jungen Mann, kaum über dreißig, ohne großen Ehrgeiz. Und sehen Sie hier, die Bissspuren in der Mitte des Stocks: Unser Doktor hat einen Hund, der ihm den Stock zu tragen pflegt. Den Zähnen nach ist es ein mittelgroßer Hund, vermutlich ein gelockter Jagdhund.

Während er noch sprach, war er ans Fenster getreten. Und wie es der Zufall will, fügte er hinzu, kommt unser Mann gerade die Straße herauf, und, ja, ein gelockter Spaniel trottet brav hinter ihm her. Wenige Augenblicke später trat der Besucher ein: Doktor James Mortimer, ein hochgewachsener, schmaler Mann mit freundlichem, etwas zerstreutem Wesen und neugierigen, blinzelnden Augen hinter einer Goldbrille. Er war, wie sich zeigte, nicht nur Landarzt, sondern auch ein Mann der Wissenschaft, der sich für allerlei Studien begeisterte. Sichtlich erfreut, seinen Stock wiederzufinden, kam er rasch zur Sache.

Herr Holmes, sagte er, ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich vor einem höchst seltsamen und ernsten Rätsel stehe, einem Rätsel, das mir Sorge bereitet und das ich allein nicht zu lösen vermag. Und da ich Sie für den zweitklügsten Mann in Europa halte. In der Tat, sagte Holmes mit einem Anflug von Spott. Und wer, wenn ich fragen darf, ist der klügste? Einem Mann von streng wissenschaftlichem Geist erscheint das Werk gewisser anderer Forscher unübertroffen, sagte Mortimer höflich. Holmes verbeugte sich leicht. Dann sollten wir wohl gleich zur Sache kommen. Bitte, schildern Sie mir Ihr Problem.

Doktor Mortimer zog ein vergilbtes, zusammengefaltetes Schriftstück aus der Tasche. Es geht um die Familie Baskerville, begann er, und um eine alte, düstere Überlieferung, die seit Generationen über diesem Geschlecht liegt. Vor wenigen Wochen ist Sir Charles Baskerville unter rätselhaften Umständen gestorben, und ich fürchte um das Leben seines Erben. Doch um Ihnen die Sache verständlich zu machen, muss ich Ihnen zunächst eine alte Sage vorlesen, die ich hier in meiner Tasche trage. Holmes lehnte sich in seinem Sessel zurück, schloss die Augen und legte die Fingerspitzen aneinander, ganz Aufmerksamkeit. Ich höre, sagte er ruhig.

Doktor Mortimer entfaltete das alte, brüchige Papier und las mit ruhiger Stimme vor. Es war eine Aufzeichnung aus längst vergangener Zeit, niedergeschrieben vor vielen Generationen, und sie erzählte von dem Ursprung jenes Fluches, der über dem Geschlecht der Baskervilles liegen sollte. Höret denn, las Mortimer, die Geschichte vom Hund der Baskervilles, wie sie von Vater zu Sohn weitergegeben wurde.

Vor langer, langer Zeit, so hieß es in der alten Schrift, lebte auf dem Stammsitz der Familie ein gewisser Hugo Baskerville, ein wilder, gottloser und zügelloser Mann. Dieser Hugo fasste eine unselige Leidenschaft zu der Tochter eines einfachen Landmannes, der unweit des Gutes wohnte. Das Mädchen aber, sittsam und voller Scheu vor dem berüchtigten Mann, mied ihn. Eines Abends nun, als Hugo wusste, dass Vater und Brüder abwesend waren, entführte er die Jungfrau und sperrte sie in eine Kammer des Herrenhauses, während er unten mit seinen ausgelassenen Zechgesellen ein wüstes Gelage hielt. In ihrer Angst aber gelang es dem Mädchen, aus dem Fenster zu klettern und über das weite, einsame Moor zu fliehen, der Heimat zu.

Als Hugo bemerkte, dass seine Gefangene entkommen war, geriet er in rasende Wut. Er schwang sich auf sein schwarzes Pferd, ließ die Hunde von der Kette und jagte hinaus in die mondhelle Nacht, dem fliehenden Mädchen nach über das Moor. Seine erschrockenen Zechkumpane folgten ihm in einigem Abstand. Und als sie über die dunkle Heide ritten, fanden sie zuerst das Pferd Hugos, herrenlos umherirrend, und dann, in einer Senke, das arme Mädchen, das vor Erschöpfung und Furcht sein Leben ausgehaucht hatte. Doch nicht ihr Anblick war es, der den Männern das Blut in den Adern gerinnen ließ.

Denn dicht daneben kauerte etwas Großes, Dunkles über der reglosen Gestalt Hugos, ein gewaltiges, schwarzes Tier, geformt wie ein Hund, doch größer als jeder Hund, den je ein Sterblicher gesehen hatte, mit glühenden Augen. Als die Männer es erblickten, wandte das Untier den Kopf, und sie flohen schreiend über das Moor davon. So, schloss die alte Schrift, sei der erste Hund der Baskervilles erschienen, und seither, so warnte der Verfasser seine Nachkommen, gehe ein höllischer Hund um auf dem Moor und bringe jedem aus dem Geschlecht der Baskervilles Verderben, der bei Nacht die einsame Heide betrete. Meidet das Moor in jenen dunklen Stunden, endete die Aufzeichnung, in denen die Mächte des Bösen erhoben sind.

Doktor Mortimer legte das alte Papier beiseite und sah Holmes über seine Brille hinweg an. So weit die alte Sage, sagte er. Sie mögen das für ein Märchen halten, Herr Holmes, für den Aberglauben vergangener Zeiten. Auch ich tat das lange. Doch nun hören Sie, was sich in unseren Tagen zugetragen hat. Er zog einen Zeitungsausschnitt hervor und berichtete vom kürzlichen Tod des Sir Charles Baskerville, des letzten Herrn auf dem alten Gut.

Sir Charles, erzählte Mortimer, sei ein gütiger, doch nervöser und kränklicher Mann gewesen, der die alte Sage ernst genommen und das Moor bei Nacht stets gemieden habe. Eines Abends sei er, wie es seine Gewohnheit war, in die lange Eibenallee seines Parks hinausgegangen. Dort, am Ende der Allee, beim Tor zum Moor, habe man ihn am Morgen tot aufgefunden. Sein Gesicht sei zu einer Maske des Entsetzens verzerrt gewesen, und die Ärzte sprachen von einem Herzversagen, von einem tödlichen Schreck. Aber das ist nicht alles, sagte Mortimer und senkte die Stimme. Ich war einer der Ersten am Ort. Und im weichen Boden, ganz in der Nähe des Toten, sah ich Spuren. Nicht die Spuren eines Mannes, Herr Holmes. Nicht die Spuren einer Frau. Er beugte sich vor und flüsterte: Es waren die Fußabdrücke eines riesigen Hundes.

Ein Schweigen folgte diesen Worten. Holmes saß reglos, die Augen geschlossen, ganz Aufmerksamkeit. Und sonst hat niemand diese Spuren gesehen, fragte er schließlich leise. Nur ich, sagte Mortimer. Ich erwähnte sie keinem. Wie schade, murmelte Holmes, dass wir nicht früher davon erfuhren. Doch erzählen Sie weiter. Sir Charles hatte, sagten Sie, an jenem Abend am Tor gewartet? So scheint es, sagte Mortimer. Die Asche seiner Zigarre lag dort; er muss eine Weile gestanden und auf jemanden oder etwas gewartet haben. Und seine Fußspuren auf dem Weg veränderten sich von dieser Stelle an, als sei er von dort an gerannt, in höchster Angst, dem Haus zu. Gerannt, wiederholte Holmes nachdenklich. Ein kranker, ältlicher Mann, der bei Nacht über das Moor flieht, bis sein Herz versagt. Wovor, Doktor Mortimer? Das ist die Frage.

So lag das Rätsel vor uns: eine alte Sage von einem höllischen Hund, ein toter Mann mit einem Gesicht voller Entsetzen, und die Spuren eines riesigen Tieres im weichen Moorboden. War es wirklich der uralte Fluch, der sich erfüllt hatte? Oder verbarg sich hinter dem Schrecken eine menschliche Hand und ein irdischer Plan? Sherlock Holmes saß lange still und sann. Eine sehr hübsche Sammlung von Rätseln, sagte er endlich leise. Doch fahren wir morgen fort. Für heute habe ich genug gehört, um nachzudenken. Draußen liegt der Nebel weich über London, im Kamin knistert das Feuer, und drinnen sitzen drei Männer beieinander, bereit, einem alten Geheimnis nachzuspüren.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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