Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 18 Minuten zu lesen

Der Hund von Baskerville — Dritter Teil

Bald kamen wir zu Stapletons Wohnsitz, dem einsamen Merripit House. Und dort trat uns eine junge Frau entgegen, deren Schönheit mich überraschte: dunkles Haar, dunkle, ausdrucksvolle Augen, eine schlanke, anmutige Gestalt — Fräulein Beryl Stapleton, die Schwester des Naturforschers, wie er sie mir vorstellte. Doch kaum hatte Stapleton sich für einen Augenblick entfernt, da trat sie rasch und mit gedämpfter, dringlicher Stimme an mich heran. Gehen Sie zurück, flüsterte sie eindringlich. Gehen Sie zurück nach London, sofort, und betreten Sie dieses Moor nie wieder. Ich war verblüfft und fragte, warum. Still, mein Bruder kommt, flüsterte sie hastig. Kein Wort davon. Und als Stapleton wieder herzutrat, sprach sie mit gänzlich verwandelter Miene leichthin über die Orchideen des Moors, als sei nichts gewesen.

Erst später, als sich die Gelegenheit ergab, klärte sich das Missverständnis. Fräulein Beryl hatte mich für Sir Henry gehalten, den neuen Herrn von Baskerville; ihm hatte ihre verzweifelte Warnung gegolten. Als sie erfuhr, dass ich nur sein Freund und Begleiter war, wurde sie verlegen und wollte ihre Worte fast zurücknehmen. Doch eines blieb deutlich: Diese junge Frau lebte in Furcht, und sie fürchtete um den, der das Erbe der Baskervilles angetreten hatte. Es liegt ein Schatten über diesem Haus, sagte sie nur leise, und über jedem, der den Namen Baskerville trägt. Mehr darf ich nicht sagen.

Stapleton selbst aber gab sich überaus liebenswürdig; er lud Sir Henry herzlich zu sich ein und schien ein freundlicher, harmloser Nachbar zu sein, ein Mann, der seine Tage zwischen Schmetterlingen und Blumen verbrachte. Ich kehrte nachdenklich nach Baskerville Hall zurück. So vieles gab mir zu denken: das unheimliche Heulen über dem Moor, das tückische Grimpener Moor, der freundliche Naturforscher und seine schöne, ängstliche Schwester mit ihrer rätselhaften Warnung. Ich setzte mich noch am selben Abend hin und schrieb Holmes einen ausführlichen Bericht, in dem ich ihm alles getreulich schilderte, jede Begegnung, jedes Wort.

Mögen es nur Bruchstücke sein, dachte ich; Holmes wird die Fäden zu verknüpfen wissen. Denn ich spürte deutlicher denn je: Hinter all diesen einzelnen, scheinbar harmlosen Dingen verbarg sich ein Muster, ein Plan, und irgendwo auf diesem weiten, stillen Moor wartete er auf seine Stunde. Für diesen Augenblick aber ist alles ruhig. Der Abend senkt sich friedlich über die Heide, das Heulen ist verklungen, und in der warmen Stube brennt die Lampe. Das weite Moor liegt still und fern, und keines seiner Rätsel reicht bis hierher.

In den stillen Nächten auf Baskerville Hall fiel mir bald etwas Sonderbares auf. Mehr als einmal hörte ich, wenn alles schlief, leise Schritte auf dem Gang, verstohlen und vorsichtig. Eines Nachts stand ich auf und folgte ihnen heimlich. So sah ich, wie der Butler Barrymore mit einer Kerze in der Hand in ein leeres Zimmer im Westflügel schlich, die Kerze ans Fenster hielt und sie dort eine Weile bewegte, als gebe er ein Zeichen hinaus in die Dunkelheit des Moors. Und tatsächlich: Weit draußen, irgendwo auf der schwarzen Heide, antwortete ein winziges Licht, das aufleuchtete und wieder erlosch. Hier wurden also heimliche Botschaften getauscht, mitten in der Nacht, zwischen dem Haus und jemandem auf dem Moor.

Am nächsten Tag weihte ich Sir Henry ein, und gemeinsam stellten wir den Butler zur Rede. Lange wich Barrymore aus, doch endlich, als seine Frau hinzukam, brach diese unter Tränen ihr Schweigen. Die Wahrheit war menschlich und traurig: Der entflohene Sträfling Selden, jener gefürchtete Mann, der sich auf dem Moor verbarg, war Frau Barrymores jüngerer Bruder. So sehr er gefehlt haben mochte, er blieb ihr Bruder, das Kind, das sie einst gehütet hatte.

Aus Mitleid hatten die Barrymores ihn heimlich mit Speise und Kleidung versorgt und ihm mit der Kerze das Zeichen gegeben, wann es sicher sei, sich Essen zu holen. Verurteilen Sie uns nicht zu hart, schluchzte die Frau. Er ist ein verlorener Mensch, aber er ist mein Bruder. Sir Henry, ein gutherziger Mann, war gerührt und versprach, sie nicht anzuzeigen; was in jener Nacht geschehen sei, solle unter uns dreien bleiben.

Und doch beschlossen Sir Henry und ich, hinauszugehen und den Flüchtigen zu fassen, nicht aus Härte, sondern weil ein so gefährlicher Mann nicht frei auf dem Moor umgehen durfte. In der nächsten Nacht, als das Signal erschien, zogen wir aus, hinein in die finstere, windige Heide. Bald erspähten wir Seldens Kerze, die zwischen den Felsen flackerte, und sahen für einen Augenblick sein wildes, verzerrtes Gesicht im Schein des Lichts. Doch der Mann war flink und kannte jeden Stein; ehe wir ihn erreichten, war er in die Dunkelheit entwischt und über das nächtliche Moor entkommen. Wir kehrten unverrichteter Dinge um. Doch in jener Nacht sollte ich noch etwas weit Beunruhigenderes sehen.

Denn als ich mich umwandte, fiel mein Blick auf einen fernen Felsturm, einen jener schroffen Gipfel, die sich gegen den mondhellen Himmel abzeichneten. Und dort oben, hoch aufgerichtet und vollkommen reglos, stand die Gestalt eines Mannes. Es war nicht Selden; diese Gestalt war hochgewachsen, schlank, und sie stand still wie eine Statue, die Arme verschränkt, das Gesicht der weiten Heide zugewandt, als überblicke und bewache sie das ganze Moor. Im fahlen Mondlicht hob sich ihre dunkle Silhouette scharf vom Himmel ab. Einen langen Augenblick stand sie so. Dann, als sei sie sich beobachtet, trat sie zurück und verschwand im Dunkel des Felsens.

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Wer war dieser geheimnisvolle zweite Mann, der bei Nacht über dem Moor Wache hielt? Nicht der Sträfling, das war gewiss, sondern ein Fremder, dessen Anwesenheit ich mir nicht erklären konnte. Lange lag ich in jener Nacht wach und dachte an die reglose Gestalt auf dem Felsen. So vieles drängte sich zusammen: das heimliche Signal der Barrymores, der flüchtige Sträfling, die schöne, ängstliche Beryl Stapleton mit ihrer Warnung, und nun dieser unbekannte Wächter. Ein Fremder lebt auf dem Moor, schrieb ich an Holmes, und ich bin entschlossen, herauszufinden, wer er ist.

Denn ich spürte, dass dieser geheimnisvolle Wächter ein wichtiges Stück des großen Rätsels war, vielleicht sogar sein Mittelpunkt. Doch für diesen Augenblick ist die Jagd vorüber und das Moor wieder still. Der Mond steht ruhig über der weiten Heide, der Wind hat sich gelegt, und im Haus brennt warm das Feuer. Die nächtlichen Bilder ziehen sanft vorüber und verlieren sich; sie sind nur Teil einer alten Geschichte, und die Nacht draußen ist friedlich und leer.

Je länger ich auf dem Moor verweilte, desto mehr lose Fäden sammelten sich in meiner Hand, und ich bemühte mich, sie geduldig zu entwirren. Ein wichtiger Hinweis kam mir vom Butler Barrymore. Aus Dankbarkeit für Sir Henrys Nachsicht vertraute er mir etwas an, das er über den Tod des alten Sir Charles wusste. An jenem verhängnisvollen Abend, so berichtete er, habe Sir Charles am Tor zum Moor auf jemanden gewartet, auf eine Frau. Man habe später die Reste eines verbrannten Briefes in seinem Kamin gefunden, und darauf seien noch die Worte zu lesen gewesen, man möge doch um zehn Uhr ans Moortor kommen. Unterzeichnet sei der Brief gewesen mit zwei Buchstaben: L und L. Wer, fragte ich mich, mag das sein?

Meine Nachforschungen führten mich bald zu einer Antwort. In dem nahen Städtchen Coombe Tracey lebte eine junge Frau namens Laura Lyons, die Tochter eines wunderlichen, streitsüchtigen alten Herrn der Gegend, eines gewissen Frankland. Laura Lyons hatte ein unglückliches Leben: Früh und schlecht verheiratet, von ihrem Mann verlassen, vom eigenen Vater verstoßen, schlug sie sich mühsam als Schreibkraft durch. Die Anfangsbuchstaben stimmten, und so suchte ich sie auf. Es war eine schöne, aber bekümmerte Frau, die mir nur zögernd Rede stand.

Schließlich gestand sie, sie habe tatsächlich an Sir Charles geschrieben und ihn um jenes Treffen gebeten; sie habe seine Hilfe erbitten wollen, denn der gütige alte Herr war bekannt für seine Wohltätigkeit, und sie war in großer Not. Doch ich bin nicht hingegangen, beteuerte sie. In letzter Stunde kam mir Hilfe von anderer Seite, und so blieb ich dem Treffen fern. Wer ihr geholfen habe, wollte sie jedoch durchaus nicht sagen, und ihre Verlegenheit zeigte mir, dass hier noch etwas verborgen lag.

Ein zweiter Faden führte mich zu jenem geheimnisvollen Fremden, den ich auf dem Felsen gesehen hatte. Ich erfuhr ihn von dem alten Frankland, Lauras Vater, einem schrulligen Mann, der seine Tage damit verbrachte, durch ein großes Fernrohr das ganze Moor abzusuchen, teils aus Langeweile, teils aus Streitlust. Voller Stolz erzählte er mir, er habe durch sein Fernrohr entdeckt, dass ein Junge regelmäßig Brot und Bündel über das Moor zu einem einsamen Versteck trage, zu jemandem, der dort draußen in der Wildnis hause. Frankland hielt es für den entflohenen Sträfling und frohlockte über seine Entdeckung.

Ich aber dachte sogleich an den hochgewachsenen Fremden auf dem Felsturm und begriff, dass jener Unbekannte sich auf dem Moor eingerichtet hatte und heimlich mit Vorräten versorgt wurde. Frankland zeigte mir durch sein Fernrohr sogar die Richtung, in der der Junge verschwand. So wusste ich nun ungefähr, wo das Versteck des Fremden lag. Ohne lange zu zögern, machte ich mich auf den Weg. Über Stock und Stein wanderte ich tief hinein in die einsamste Gegend des Moors, dorthin, wo zwischen grauen Felsen die uralten Steinhütten längst vergangener Völker standen, runde, dachlose Behausungen aus der Vorzeit.

Und richtig: Eine dieser alten Hütten war bewohnt. Im Inneren fand ich ein Lager aus Decken, einen Vorrat an Lebensmitteln, ein paar Gebrauchsdinge, und Zeichen, dass hier jemand planvoll und nicht ohne Mittel lebte. Das war kein Versteck eines flüchtigen Sträflings, der sich vor Hunger und Kälte verkroch. Hier hauste jemand mit Bedacht, jemand, der das Moor beobachtete. Auf einem Stein fand ich gar einen beschriebenen Zettel, eine knappe Notiz, die mein eigenes Tun betraf, als hätte der Unbekannte auch mich im Auge behalten. Da lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich beschloss, in der Hütte zu warten, bis der geheimnisvolle Bewohner zurückkehre, und ihn endlich zur Rede zu stellen. So setzte ich mich in eine dunkle Ecke, die Hand am Revolver, und lauschte auf jeden Laut von draußen. Die Sonne sank, lange Schatten krochen über das Moor, und mein Herz schlug schneller, je näher die Stunde rückte, in der ich dem Unbekannten gegenüberstehen würde. Wer war dieser Mann? Ein Feind? Ein zweiter, verborgener Gegner im Spiel um die Baskervilles? Ich wusste es nicht, aber ich war entschlossen, es zu erfahren.

Für diesen Augenblick aber verharren wir in der stillen Dämmerung. Das Moor liegt friedlich im Abendlicht, kein Laut stört die Ruhe, und nichts droht. Die Spannung der Geschichte zieht sanft vorüber wie der Abendwind über das Heidekraut, und über den grauen Felsen wird der Himmel langsam dunkel. Es ist die ruhigste Stunde des Tages, die Stunde, in der alles zur Ruhe kommt, weit draußen auf der Heide und ebenso hier.

Ich saß reglos in der dämmrigen Steinhütte und wartete, die Hand am Revolver, während draußen die letzten Lichter über dem Moor verglühten. Endlich hörte ich, was ich erwartet hatte: das Knirschen von Schritten auf dem steinigen Pfad, näher und näher. Ich hielt den Atem an und drückte mich in den Schatten. Ein Stiefeltritt vor der Hütte, ein kurzes Innehalten. Mein Herz schlug bis zum Hals. Und dann fiel eine ruhige, gelassene, mir über alles vertraute Stimme durch die Stille: Es ist ein wunderbarer Abend, mein lieber Watson. Ich glaube wirklich, draußen sitzt es sich angenehmer als in dieser dumpfen Hütte.

Einen Augenblick lang saß ich wie versteinert, dann sprang ich auf, und da, im Eingang, stand Sherlock Holmes. Lebendig, ruhig, mit jenem feinen Lächeln, das ich so gut kannte. Holmes, rief ich und ergriff seine Hand. Sie hier? Auf dem Moor? Und ich glaubte Sie die ganze Zeit in London. Das sollten Sie auch glauben, sagte er freundlich, und mit Ihnen alle anderen. Verzeihen Sie mir die Täuschung, alter Freund. Es war nötig. Ich gestehe, dass ich ein wenig gekränkt war, so im Dunkeln gelassen worden zu sein. Doch Holmes legte mir begütigend die Hand auf die Schulter. Hören Sie mich an, und Sie werden verstehen.

Hätte unser Gegner gewusst, dass ich auf dem Moor bin, erklärte Holmes, so wäre er auf der Hut gewesen, und ich hätte ihn niemals überführen können. So aber glaubt er mich fern in London und geht arglos seinen Plänen nach, während ich ihn aus der Nähe beobachte. Und Ihre Hütte hier, fragte ich. War mein Beobachtungsposten, sagte er. Ihre ausführlichen Berichte, Watson, haben mich getreulich erreicht; ein Junge brachte sie mir, derselbe, der mich mit Brot versorgte. Sie waren mir von unschätzbarem Wert. Wirklich, Sie haben die Sache vortrefflich geführt; Sie haben mir alle Fäden in die Hand gespielt. Dieses Lob aus seinem Mund versöhnte mich augenblicklich, und meine Kränkung war vergessen.

Dann wissen Sie also bereits, wer hinter alldem steckt, fragte ich gespannt. Holmes nickte ernst. Ich weiß es, Watson. Unser Gegner ist näher, als Sie denken; es ist der freundliche Naturforscher Stapleton. Ich starrte ihn an. Stapleton? Der Schmetterlingssammler? Eben der. Hinter der harmlosen Maske des Naturkundlers verbirgt sich ein kalter, berechnender und höchst gefährlicher Mann. Und noch etwas, das Sie überraschen wird, fuhr Holmes leise fort. Die junge Dame, die er als seine Schwester ausgibt, die schöne Beryl, ist in Wahrheit gar nicht seine Schwester. Sie ist seine Frau.

Seine Frau, rief ich verblüfft. Nun verstand ich mit einem Schlag ihre Angst, ihre verzweifelte Warnung, ihren stummen Kummer. Sie war gefangen in dem Spiel ihres Mannes und wagte nicht, es offen zu verraten. Und damit ist auch die arme Laura Lyons nur ein Werkzeug, sagte Holmes. Stapleton hat ihr die Ehe versprochen, sie hält ihn für einen ledigen Mann, und er benutzt sie. Er hat sie dazu gebracht, jenen Brief an den alten Sir Charles zu schreiben und ihn ans Moortor zu bestellen, an jenem Abend seines Todes. Im letzten Augenblick aber hielt er sie davon ab, selbst hinzugehen. So blieb der alte Herr allein am dunklen Tor zurück, in der Nacht, auf dem Moor.

Und dort, sagte ich schaudernd, geschah das Entsetzliche. So ist es, sagte Holmes. Was genau, das werden wir bald beweisen. Doch eines ist sicher, Watson: Stapleton wird es nicht bei Sir Charles belassen. Sein nächstes Ziel ist Sir Henry. Wir müssen rascher sein als er. Das Netz ist beinahe geknüpft; nur noch ein, zwei Maschen fehlen, dann ziehe ich es zu. Kaum hatte Holmes diese Worte gesprochen, da zerriss ein furchtbarer Laut die Stille der einbrechenden Nacht.

Über das weite, dunkle Moor hallte ein langer, gellender Schrei, ein Schrei voller Entsetzen und Todesangst, der uns beide erstarren ließ. Mein Gott, rief Holmes und sprang auf. Was war das? Schnell, Watson, schnell, wir kommen vielleicht schon zu spät. Und schon stürzten wir hinaus in die Dämmerung, über Felsen und Heidekraut, dem schrecklichen Laut entgegen, das Herz voller böser Ahnung. Was auch immer in dieser alten Erzählung vom Moor geschieht, es bleibt in ihr; hier ist es still und warm und sicher, und die Dunkelheit des Zimmers hat nichts mit jener Heide gemein.

Über Stock und Stein eilten Holmes und ich durch die Dämmerung, dem furchtbaren Schrei nach, der über das Moor gehallt war. Mein Herz war schwer von böser Ahnung, denn ich fürchtete, es könne Sir Henry sein, den wir doch beschützen sollten. Da, am Fuße eines schroffen Felsens, sahen wir im letzten Tageslicht eine reglose Gestalt am Boden liegen. Wir stürzten hinzu. Ein Mann lag dort, das Gesicht nach unten, in einem groben Anzug aus rötlichem Tweed, und mit Entsetzen erkannte ich diesen Stoff. Holmes, stieß ich hervor, das ist Sir Henrys Anzug. Einen schrecklichen Augenblick lang glaubten wir beide, der junge Baskerville sei tot.

Doch Holmes beugte sich nieder und drehte behutsam das Gesicht des Toten ins Licht. Dann atmeten wir beide auf und schauderten zugleich. Es war nicht Sir Henry. Es war ein wildes, hartes Gesicht, das wir wiedererkannten: der entflohene Sträfling Selden. Gott sei Dank, es ist nicht unser Freund, sagte Holmes leise. Aber wie kommt dieser Mann zu Sir Henrys Kleidern? Da begriff ich. Die Barrymores, sagte ich. Sie haben dem armen Selden abgelegte Kleider von Sir Henry zugesteckt, um ihm in seiner Not zu helfen. Darum trug er Sir Henrys Anzug.

Holmes nickte ernst. Und sehen Sie, welch furchtbares Missverständnis daraus erwuchs. Das Untier, das man auf Sir Henrys Spur gehetzt hatte, auf seinen Geruch, von dem gestohlenen Stiefel, jagte in der Dunkelheit den falschen Mann. Den armen Selden, der diese Kleider trug, ereilte das Verhängnis, das Sir Henry zugedacht war. Wir standen schweigend bei dem Toten, während die Nacht herabsank. Selden war auf seiner Flucht vor dem Schrecken, der ihn verfolgte, gestürzt und ums Leben gekommen, ein böser Mensch, gewiss, und doch ein bedauernswertes Ende.

Ein dunkler Plan ist hier am Werk, Watson, sagte Holmes leise. Ein Plan, der schon ein unschuldiges Opfer fordern wollte und stattdessen ein anderes traf. Doch noch fehlt mir der letzte Beweis, um die Hand zu fassen, die ihn lenkt. In diesem Augenblick hörten wir Schritte, und aus dem Dunkel des Moors trat eine Gestalt auf uns zu, eine Laterne in der Hand. Es war Stapleton. Er kam rasch heran, mit einem Ausdruck froher Erwartung. Doch als der Schein seiner Laterne auf das Gesicht des Toten fiel, da sah ich, wie er für einen winzigen Augenblick zusammenzuckte, wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich.

Er hatte einen anderen erwartet, das war nur zu deutlich; das Untier hatte versagt, und nicht der erhoffte Sir Henry lag hier, sondern ein Fremder. Doch Stapleton war ein Mann von eiserner Beherrschung. Im Nu hatte er sich gefasst und gab sich überrascht und betroffen wie jeder unbeteiligte Nachbar. Mein Gott, was ist geschehen, rief er. Wer ist das? Es ist Selden, der entflohene Sträfling, sagte Holmes ruhig und gelassen, ohne mit einer Miene zu verraten, was er wusste. So standen die beiden Männer einander gegenüber, im Schein der Laterne über dem Toten, der eine ahnungslos überführt, der andere kühl verbergend, dass er längst alles durchschaut hatte.

Wir trennten uns bald; Stapleton ging in die Dunkelheit zurück, aus der er gekommen war. Haben Sie sein Gesicht gesehen, Watson, sagte Holmes leise, als wir allein waren. Diesen einen Augenblick, ehe er sich fasste? Das war das Gesicht eines Mannes, dessen sorgsamer Plan misslungen ist. Nun wissen wir mit Gewissheit, woran wir sind. Aber warum verhaften wir ihn nicht sogleich, fragte ich. Weil wir keinen Beweis haben, den ein Gericht annähme, sagte Holmes. Was wissen wir denn wirklich? Dass ein Hund einen Sträfling zu Tode jagte? Davon hängt kein Strick. Wir müssen ihn auf frischer Tat fassen, und dazu brauche ich noch ein, zwei Tage und einen kühnen Plan.

Bis dahin aber, fügte er ernst hinzu, schwebt Sir Henry in höchster Gefahr, und wir müssen über ihn wachen wie nie zuvor. So endete jene dunkle Nacht auf dem Moor, mit einem traurigen Tod, einem entlarvenden Augenblick und der Gewissheit, dass der Gegner nun bald gestellt werden würde. Doch für diesen Augenblick ist die Nacht vorüber. Das Moor liegt wieder still unter den Sternen, alles Schwere ist fern, und über der weiten Heide steht die Ruhe wie eine dunkle, warme Decke.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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