Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Der Herr ist mein Hirte (Psalm 23)

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebten Menschen, die ihre tiefsten Gedanken in Worte fassten, Worte, die sie sangen, wenn die Nacht kam und die Sterne sich über den Hügeln entzündeten. Eines dieser Worte, eines der schönsten, die je ein Mensch gesprochen hat, kam von einem Hirten, der als Kind auf den Feldern um Bethlehem seine Schafe gehütet hatte.

Er kannte das weite Land, er kannte die Stille der Nächte und die Hitze der Tage, er kannte den Durst und die Erschöpfung und die Freude, wenn ein kühler Quell am Wegesrand auftauchte wie ein kleines Wunder. Und aus all diesem, aus dem ganzen gelebten Leben, formten sich in ihm Worte, ruhig und klar wie das Wasser, das er selbst so oft gesucht hatte.

Stell dir vor, du liegst in der Abenddämmerung auf einer weichen Wiese, irgendwo in diesem alten, sonnendurchglühten Land. Das Gras unter dir ist frisch und feucht vom letzten Regen, und die Luft riecht nach Erde und Thymian und dem leisen Rauch ferner Herdfeuer. Die Schafe um dich her grasen still, ihre kleinen Schritte kaum zu hören im Abendwind. Du bist nicht allein. Du warst nie allein. Das ist das erste, was dieser alte Hirte uns sagen wollte, und er sagte es so einfach, dass es sich tief ins Herz senkt: Es gibt einen, der mich führt.

Wie ein Hirte seine Herde kennt, jedes einzelne Tier, jedes zögernde Lamm, jeden alten müden Bock, so ist auch dieser Mensch gekannt und geführt worden. Der Hirte kennt den Weg zu den Weiden, wo das Gras weich und reich ist, wo man satt wird, ohne suchen zu müssen. Er kennt die stillen Gewässer, die flachen Stellen im Bach, wo die Schafe trinken können ohne Angst vor der Strömung. Und so, dachte jener Hirte aus Bethlehem, so werde auch ich geführt. Nicht durch tosende Ströme, nicht durch reißende Fluten, sondern zu den ruhigen Ufern, dorthin, wo das Herz sich öffnen und atmen kann.

Es gibt Tage, da spürt ein Mensch, wie etwas in ihm schwach geworden ist. Nicht der Körper allein, sondern tiefer, die Seele, dieser verborgene innerste Ort. Vielleicht hast du solche Tage gekannt: Tage, an denen die Last schwer wurde und die Kraft nachließ und alles ein wenig grauer wirkte als sonst. Der alte Hirte kannte diese Tage auch. Und er hatte erfahren, dass die Kraft zurückkehren kann, leise, wie der Morgen zurückkehrt, wie das erste Licht sich langsam über die Hügel schiebt und die Schatten weicht. Er nannte es: die Seele wird erneuert. Es geschieht nicht auf Befehl und nicht durch Anstrengung, sondern wie das Einatmen, man lässt es geschehen, und es kommt.

Und dann ist da der Weg durch das dunkle Tal. Jeder Mensch kennt solche Täler, Zeiten, in denen der Weg durch Schatten führt, durch Ungewissheit, durch das Dunkel von Verlust oder Angst oder tiefem Schmerz. Der Hirte aus Bethlehem sagte nicht, dass es dieses Tal nicht gibt. Er log sich nichts vor und tröstete sich nicht mit leeren Worten. Aber er sagte: Ich fürchte mich nicht. Nicht weil das Dunkel verschwunden wäre, sondern weil etwas Vertrautes bei ihm war, eine Gegenwart, warm und still wie eine Hand auf der Schulter in der Nacht.

Der Stab und der Stecken des Hirten — das sind die Werkzeuge des Weges. Der Stecken führt und lenkt, er hält die Herde zusammen, er zeigt die Richtung. Der Stab schützt, er ist das Zeichen der Stärke, die bei einem ist. Und der alte Hirte spürte beides: Führung und Schutz. Nicht laut, nicht mit großem Zeichen, sondern so wie ein Kind im Dunkeln die Hand des Vaters spürt und weiß — ich bin nicht verloren.

Was nun folgt im Lied dieses alten Hirten, ist ein Bild, das man sich vorstellen darf wie einen Traum von Gastfreundschaft und Frieden. Ein Tisch, gedeckt an einem ruhigen Ort. Öl auf der Stirn, das kühlt und salbt und willkommen heißt, so wie man in jenem alten Land seine Gäste empfing, die von langen, staubigen Wegen kamen. Ein Becher, der voll ist, übervoll, sodass er überläuft. All das ist ein Bild für das Gefühl, das der Hirte kannte: dass das Leben, auch mit seinen Mühen, auch mit seinen Nöten, getragen ist von etwas Gutem. Dass man am Ende des Tages niedersetzen und aufatmen darf.

Und dann, ganz am Ende, ein letzter Gedanke, ruhig und weit wie der Sternenhimmel über dem Land von Bethlehem. Güte und Treue, sagte der alte Hirte, werden mich begleiten, alle Tage meines Lebens. Alle Tage. Nicht nur die guten, nicht nur die leichten. Auch die schweren, auch die langen, auch die, in denen man kaum mehr weiterkommt. Und danach, danach darf man wohnen im Haus des Lebens für immer.

So sang der Hirte, damals auf den Hügeln um Bethlehem, unter dem unendlichen Sternenhimmel, während seine Herde schlief. Und seine Worte wanderten weiter, von Mund zu Mund, von Herz zu Herz, durch Jahrhunderte und Länder und Nächte wie diese, bis hierher, bis zu dir. Die Wiese ist weich, das Wasser ruhig, der Weg ist gut. Wer diese Worte hört, ist geführt und gehalten, auch in dieser Nacht, auch in dieser Stille, und darf getrost in ihnen ruhen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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