Frei nach Hans Christian Andersens Der Halskragen · 5 Minuten zu lesen
Der Halskragen
Es war einmal ein feiner Herr, dessen ganzer Hausstand aus einem Stiefelknecht und einer Haarbürste bestand — aber er besaß den schönsten Halskragen der Welt, und von diesem Halskragen handelt die Geschichte. Der Kragen war gerade alt genug, um ans Heiraten zu denken, und wie es der Zufall wollte, kam er in der Wäsche mit einem Strumpfband zusammen.
Der feine Herr selbst trug den Kragen nur sonntags, aber der Kragen war der Meinung, es sei umgekehrt: Der Herr werde von ihm getragen. Jeden Sonntagmorgen, wenn er frisch gestärkt vor dem Spiegel saß, fand er sich unwiderstehlich. Diese Haltung, sagte er zu sich, diese Weiße, dieser Schwung an den Ecken — es ist ein Wunder, dass ich noch frei bin. In der Woche lag er in der Schublade und ruhte sich von seiner Schönheit aus, und auch das tat er mit Bedeutung. Es gibt Halskragen, die sind einfach nur sauber. Er war gepflegt. Der Unterschied war ihm wichtig.
Mein Fräulein, sagte der Halskragen, nie sah ich etwas so Feines und Zartes. Darf ich fragen, wie Sie heißen? Das sage ich nicht, sagte das Strumpfband. Dann sage ich es für Sie, sagte der Halskragen, Sie sind ein Gürtel, ein Untergürtel für die Taille, und Sie sind nicht nur zum Nutzen da, mein Fräulein, sondern auch zur Zierde. Sie sollen nicht mit mir sprechen, sagte das Strumpfband, ich habe Ihnen dazu wahrhaftig keinen Anlass gegeben. Und es rückte von ihm fort, so weit die Wäscheleine reichte.
Das Strumpfband blieb dabei: Es rückte fort und schwieg. Aber der Halskragen rief ihm über die Leine nach, er verstehe schon, Zurückhaltung sei die Zierde der Feinen, und gerade dieses Schweigen — dieses beredte Schweigen! — gebe ihm Hoffnung. Die anderen Wäschestücke auf der Leine kannten ihn schon. Jetzt verlobt er sich wieder, flüsterte das Taschentuch der Serviette zu, und der Wind wehte dazu, und die Leine wippte, als lache sie leise. Nur der Halskragen merkte nichts; wer sich selbst zuhört, hat die Ohren voll.
Danach kam das heiße Plätteisen. Verehrte Frau, sagte der Halskragen, Sie sind gewiss eine Witwe von Stand, mir wird ganz warm in Ihrer Nähe. Das Plätteisen sagte gar nichts. Es fuhr mit der ganzen Würde seines Amtes über den Halskragen hinweg, vorwärts und zurück, bis auch die letzte kleine Falte seiner Eitelkeit glatt gebügelt war. So, dachte der Halskragen, als er wieder zu Atem kam, die war zu stolz für mich.
Nach dem Plätteisen lag der Halskragen eine Weile sehr flach und sehr still. Dann hängte man ihn zum Trocknen über den Stuhl, und in der warmen Nachmittagsluft kam seine Zuversicht zurück, Falte um Falte. Sie war zu heiß für mich, sagte er zu der Stuhllehne, ein feuriges Temperament, das gebe ich zu, aber auf die Dauer? Man will ja auch einmal zur Ruhe kommen. Nein, es war klüger so. Die Stuhllehne sagte nichts; sie trug seit Jahren jeden Sonntag seine Reden und war das Gegenteil von neugierig.
Dann kam die Schere, um die ausgefransten Kanten zu beschneiden. Oh, sagte der Halskragen, Sie müssen die erste Tänzerin des Landes sein, wie Sie die Beine strecken können! So etwas Anmutiges habe ich nie gesehen. Das weiß ich selbst, sagte die Schere, die das Schmeicheln kannte, und schnitt ihm ein Stück zu viel ab, nur damit er es sich merke. Zuletzt versuchte er es noch bei der Haarbürste. Sie haben ein wunderschönes Gebiss, mein Fräulein, sagte er. Danke, sagte die Bürste, ich bin schon versprochen — mit dem Stiefelknecht. Und damit war auch diese Tür zu.
So blieb der Halskragen allein, und mit der Zeit wurde er dünn und grau und kam schließlich in den großen Kasten beim Papiermüller, wo die alten Stoffe liegen und darauf warten, weißes Papier zu werden. Und dort, unter all den Lumpen, erzählte der Halskragen seine Geschichten: von dem Strumpfband, das seine Braut gewesen sei, von der glühenden Witwe, von der Tänzerin und von der, die ihn bis heute nicht vergessen könne. Die Lumpen sahen einander an und schwiegen höflich, denn sie wussten alle, wie es auf der Wäscheleine wirklich zugeht.
Im großen Kasten des Papiermüllers lagen sie nun alle beieinander, die alten Stoffe, und jeder hatte etwas hinter sich: das Leinenhemd manchen Arbeitstag, das Kinderkleidchen manches Spiel, das Bettzeug manchen guten Schlaf und manche lange Nacht. Sie erzählten es einander ohne Prahlerei, wie alte Leute auf einer Bank, und je einfacher einer erzählte, desto lieber hörten ihm die anderen zu. Nur bei dem Halskragen mit seinen Verlobten wurden die Lumpen still und ein wenig verlegen, wie man eben wird, wenn einer nicht merkt, dass ihn alle längst kennen.
In den Nächten, wenn der Kasten still war, erzählte der Halskragen trotzdem weiter, denn Erzählen war nun einmal seine Art zu leben. Die Bürste, raunte er, die mit dem wunderschönen Gebiss — die habe seinetwegen den Stiefelknecht genommen, aus purem Trotz, das habe doch jeder gesehen. Neben ihm lag ein altes Nachthemd, das in seinem langen Leben viel Wahres gehört hatte und darum Unwahres sofort erkannte. Es sagte nichts. Es dachte nur: Morgen sind wir alle Papier, du Prahlhans, und dann schreibt vielleicht jemand etwas Wahres auf dich. Das wäre dir zu wünschen. Es wäre deine erste wahre Geschichte.
Dann wurde aus dem Halskragen und allen seinen Geschichten weißes Papier, still und glatt und geduldig. Und wer weiß — vielleicht ist es gerade das Blatt, auf dem diese Geschichte steht. So geht es den großen Worten: Am Ende liegen sie ganz still, und das Papier ist weiß und weich, und die Nacht kann kommen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.