Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen
Der gute Hirte und das verlorene Schaf
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebten die Menschen nahe bei ihren Tieren. Die Schafe zogen über die Hügel, und die Hirten folgten ihnen, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Es war ein einfaches Leben, ein ruhiges Leben, und wer je eine Herde durch die Abenddämmerung ziehen sah, der wusste: Es gibt kaum etwas Friedlicheres auf der Welt. Die Hirten kannten jedes ihrer Tiere beim Namen, und die Tiere kannten die Stimme ihres Hirten, so wie ein Kind die Stimme seiner Mutter kennt.
In jenen Tagen erzählte ein Mann, der durch das Land zog, eine Geschichte. Er erzählte sie nicht auf dem Marktplatz und nicht in den Rathäusern, er erzählte sie draußen, dort wo die Leute zusammenkamen, unter dem offenen Himmel, in der Wärme der Sonne. Und die Menschen, die zuhörten, waren Menschen, die sich selbst oft verloren fühlten, die nicht wussten, ob jemand an sie dachte, und diese Geschichte war für sie gedacht.
Stell dir vor, so begann er, du bist ein Hirte. Du hast hundert Schafe unter deiner Obhut, hundert Tiere, die du kennst, die du hütest, für die du verantwortlich bist. Den ganzen Tag bist du mit ihnen durch das hügelige Land gezogen, vorbei an flachen Steinen und trockenem Gras, hinauf über den Kamm des Hügels, hinunter in das schattige Tal, wo ein kleiner Bach noch ein wenig Wasser trägt. Du weißt, wo das Gras saftig ist und wo es aufgehört hat zu wachsen. Du weißt, wo der Boden glatt wird und wo man aufpassen muss. Du kennst dieses Land so gut wie dein eigenes Gesicht.
Und nun kommt der Abend. Die Sonne senkt sich tief über die Hügel, und das Licht wird golden und warm. Du führst die Herde an einen sicheren Ort, vielleicht in eine Felsmulde, vielleicht in den Pferch aus Steinen, den du selbst errichtet hast. Und dann zählst du. Du zählst, weil du immer zählst, nicht aus Pflicht allein, sondern weil jedes Tier dir wichtig ist. Eins, zwei, drei, du zählst weiter, und deine Lippen bewegen sich leise, und die Schafe drängen sich um dich herum, und du streichst dem einen über den Rücken und schaust dem anderen in die ruhigen Augen. Und dann, ganz am Ende, stockst du. Du zählst noch einmal. Und noch einmal.
Neunundneunzig. Nur neunundneunzig. Irgendwo ist eines deiner Schafe nicht mehr bei der Herde. Irgendwo in diesem weiten Land, in dem die Schatten jetzt lang werden und die Kälte der Nacht sich ankündigt, ist ein Tier allein. Vielleicht ist es in eine Schlucht geraten. Vielleicht hat es ein Büschel Gras am Wegesrand gesehen und ist stehengeblieben, und als es wieder aufsah, war die Herde verschwunden. Vielleicht hat es die Stimme des Hirten nicht gehört, weil der Wind dazwischen war. Und jetzt steht es irgendwo, allein, und es weiß nicht, wohin.
Was tust du nun, du Hirte? Du könntest sagen: Neunundneunzig sind sicher. Neunundneunzig sind geborgen. Das ist ein gutes Ergebnis. Du könntest dich hinlegen und schlafen. Aber du tust es nicht. Du kannst es nicht. Denn dieses eine Schaf gehört dir, es gehört dazu, es hat einen Platz in deiner Herde, und sein Fehlen ist wie ein Loch in einem Tuch. Du lässt die neunundneunzig dort, wo sie sicher sind, und du gehst zurück in die Nacht.
Und so zieht der Hirte los. Er trägt seine Lampe, deren kleines Licht kaum den nächsten Schritt erhellt, aber er trägt sie, weil ein kleines Licht besser ist als gar keines. Er ruft. Leise zuerst, dann lauter, die Stimme, die das Tier kennt, die Stimme, auf die es hören wird, wenn es sie hört. Er ruft über die Hügel und in die Täler, und das Echo wirft seinen Ruf zurück, und er hört nur den Wind. Er geht durch Gestrüpp und über Steine. Er sucht hinter Felsen und in Mulden. Er steht manchmal still und lauscht, ob irgendwo ein leises Blöken zu hören ist, ein kleines Geräusch in der großen Stille der Nacht.
Und die Nacht ist schön, auch wenn er sie jetzt kaum bemerkt. Die Sterne stehen hell über ihm, dicht wie Salz auf dunklem Stein, und der Mond wirft sein weiches Licht über das Land. Es ist still, so still, dass er die eigenen Schritte hört und den Atem, der in der Abendluft als kleiner Hauch sichtbar wird. Er denkt an das Tier, an seine Wolle, an seine Stimme, an die Art, wie es manchmal eigensinnig seitwärts zieht. Er kennt es. Er vermisst es.
Und dann, dann hört er es. Ganz leise, aus einer Richtung, die er noch nicht abgesucht hat. Ein kleines, müdes Blöken, kaum mehr als ein Seufzen. Er hebt die Lampe. Und da, hinter einem Steinvorsprung, zwischen dornigem Gestrüpp, steht das Schaf. Es ist erschöpft. Seine Wolle hat sich im Dorn verfangen, und es hat nicht mehr die Kraft, sich selbst zu befreien. Es sieht den Hirten an, und in seinen ruhigen Augen liegt etwas, das vielleicht Erleichterung ist.
Der Hirte kniet nieder. Er löst behutsam die Dornen aus der Wolle, einen nach dem anderen, langsam und geduldig, damit das Tier sich nicht erschrickt. Er spricht dabei, leise, mit ruhiger Stimme, einfache Worte, keine besonderen Worte, nur die Stimme, die das Tier kennt. Und als das Schaf frei ist, hebt der Hirte es auf — er legt es auf seine Schultern, so wie Hirten es seit jeher getan haben, ein Tier auf den breiten Schultern, das Gewicht gleichmäßig verteilt, das Tier warm und sicher. Und er trägt es heim.
Und als er nach Hause kommt, zurück zu den anderen, zurück in das Licht, da ist er nicht still damit. Er ruft seine Nachbarn. Er ruft die Menschen, die er kennt. Freut euch mit mir, sagt er, denn das Schaf, das ich gesucht habe, das habe ich gefunden. Und sie kommen, und sie freuen sich, nicht weil es ein besonderes Schaf war, nicht weil es wertvoller war als alle anderen, sondern einfach, weil es verloren war und nun gefunden ist. Weil etwas, das fehlte, wieder da ist. Diese Freude, sagt der Mann, der die Geschichte erzählte, ist größer, als man denkt. Sie ist größer als die stille Freude über das, was nie verloren war.
Die Menschen, die zuhörten, schwiegen eine Weile. Manche von ihnen hatten selbst Schafe gehabt, und sie wussten, wie es ist, diese Zählung am Abend, das Zögern beim letzten Tier, die Nacht, in der man sucht. Und manche von ihnen, die keine Schafe hatten, die aber vielleicht selbst einmal verloren gewesen waren, die fühlten etwas in dieser Geschichte, das schwer in Worte zu fassen ist, aber das sich wie Wärme anfühlt, wie das Gefühl, dass jemand nach einem sucht.
Und als die Geschichte zu Ende war, stand die Sonne schon tiefer, und das Licht war rot und gold über den Hügeln. Irgendwo in der Ferne hörte man die Glocken einer Herde, das geduldige Klingen der Schafe auf ihrem Weg nach Hause. Und der Abend legte sich sanft über das Land, wie eine Hand, die zur Ruhe einlädt. So endet die Geschichte vom guten Hirten und dem verlorenen Schaf, eine Geschichte, die alt ist und ruhig, und die in sich trägt, was der Abend trägt: die Stille nach dem Suchen, die Wärme des Gefundenseins, und den Frieden dessen, der nach Hause kommt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.