Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen

Der griechische Dolmetscher

Es war an einem lauen Sommerabend, als Sherlock Holmes mir etwas eröffnete, das ich nach so langer Bekanntschaft kaum für möglich gehalten hätte. Watson, sagte er beiläufig, ich habe einen Bruder. Ich sah ihn erstaunt an, denn nie zuvor hatte er von Familie gesprochen. Er heißt Mycroft, fuhr Holmes fort, und, Sie werden es kaum glauben, er besitzt noch schärfere Beobachtungs- und Schlussgaben als ich. Wäre die Kunst des Detektivs nur eine Sache des reinen Denkens, so wäre mein Bruder Mycroft der größte Ermittler, der je gelebt hat. Doch ihm fehlt der Ehrgeiz und die Tatkraft; er würde keinen Schritt tun, um eine seiner Lösungen zu beweisen. Er sitzt lieber still und denkt.

Holmes erzählte mir von Mycroft. Dieser arbeite in einer stillen Stellung für die Regierung und sei ein Mann fester Gewohnheiten: Tag für Tag wandere er denselben Weg zwischen seiner Wohnung, seinem Amt und einem höchst sonderbaren Klub, dem Diogenes-Klub. Es ist der wunderlichste Klub Londons, sagte Holmes lächelnd. Er ist für die ungeselligsten Männer der Stadt gegründet. Dort ist jedes Gespräch streng verboten; niemand darf den anderen auch nur ansehen oder ansprechen. Mein Bruder gehört zu den Gründern. An jenem Abend, sagte Holmes, wolle er mich Mycroft vorstellen — und es treffe sich gut, denn Mycroft habe eine kleine Angelegenheit, die meinen Freund interessieren werde.

So suchten wir den Diogenes-Klub auf, und in einem stillen Fremdenzimmer trafen wir Mycroft Holmes, einen massigen, behäbigen Mann mit denselben wachen, durchdringenden Augen wie sein Bruder. Zur Begrüßung tauschten die beiden Brüder ein paar verblüffende Schlüsse über einen Fremden aus, den sie durchs Fenster sahen, und übertrafen einander an Scharfsinn, dass es eine Freude war zuzuhören. Dann aber kam Mycroft zur Sache. Es geht um einen meiner Nachbarn, sagte er, einen gewissen Herrn Melas. Er ist von Geburt Grieche und verdient sein Brot als Dolmetscher; er übersetzt für Reisende und vor Gericht. Ihm ist etwas Unheimliches widerfahren, und ich dachte, das sei eher etwas für dich, Sherlock.

Herr Melas wurde hereingebeten und erzählte seine seltsame Geschichte. Am Abend zuvor sei ein Mann zu ihm gekommen und habe ihn dringend als Dolmetscher für eine geschäftliche Sache angefordert. Kaum aber habe Herr Melas in der Kutsche Platz genommen, da habe der Fremde plötzlich eine Waffe gezogen, die Fenster des Wagens mit Vorhängen verdunkelt und ihm bedeutet, sich ruhig zu verhalten. Eine lange, undurchschaubare Fahrt habe ihn schließlich zu einem abgelegenen Haus gebracht. Dort, in einem schummrigen Zimmer, sei ihm ein bedauernswerter Mensch gegenübergesetzt worden: ein abgemagerter, offenbar lange gefangener Mann, dessen Gesicht über und über mit Heftpflasterstreifen beklebt war, sodass er kaum sprechen konnte.

Herr Melas habe begriffen, dass man ihn zwingen wollte, zwischen den Entführern und diesem Gefangenen zu dolmetschen. Die Entführer hätten auf Englisch Fragen gestellt, er habe sie ins Griechische übersetzt, und der Gefangene habe seine Antworten mühsam auf eine Tafel geschrieben. Doch Herr Melas, ein kluger Mann, habe seine eigene List gebraucht: An die diktierten Fragen habe er unauffällig kurze eigene Fragen angehängt, in fließendem Griechisch, das die Entführer nicht verstanden. So habe er heimlich erfahren, dass der arme Mann Paul Kratides heiße, dass man ihn seit Wochen festhalte und aushungere, um ihn zur Unterschrift unter ein Schriftstück zu zwingen, die Übertragung eines Vermögens. Plötzlich aber sei eine junge Frau hereingestürmt, habe den Gefangenen erkannt und seinen Namen gerufen, worauf man sie rasch hinausgedrängt und auch Herrn Melas mit Drohungen heimgeschickt habe.

Sherlock Holmes hörte mit größter Aufmerksamkeit zu, und sein Bruder Mycroft nickte schwerfällig dazu. Die Sache ist klar genug in ihren Umrissen, sagte Sherlock. Eine reiche junge Griechin, Fräulein Sophy Kratides, wurde von Schurken nach England gelockt; man umwirbt sie ihres Vermögens wegen. Ihr Bruder Paul kam ihr zu Hilfe, ihr zum Schutz — und genau deshalb hielten ihn die Bösewichter gefangen und hungerten ihn aus, um ihn zur Unterschrift zu zwingen, mit der das Vermögen in ihre Hände fiele. So sehe ich es auch, brummte Mycroft. Nur weiß ich nicht, wo das Haus liegt. Das, sagte Sherlock und erhob sich, werde ich herausfinden.

Durch Anzeigen und geschicktes Nachforschen gelang es Holmes rasch, dem Ort auf die Spur zu kommen. Doch die Zeit drängte mehr, als wir ahnten. Denn die Schurken hatten gemerkt, dass der Dolmetscher sie hintergangen hatte, und ihn ein zweites Mal verschleppt. Mit der Polizei eilten wir hinaus zu dem einsamen Haus. Als wir es erreichten und eindrangen, fanden wir ein verschlossenes Zimmer, aus dem ein erstickender, schwerer Dunst drang; die Bösewichter hatten dort Kohlen schwelen lassen, um sich ihrer Mitwisser auf heimtückische Weise zu entledigen. Wir brachen die Tür auf und trugen die beiden Männer rasch hinaus an die frische Luft.

Herrn Melas, den tapferen Dolmetscher, konnten wir wiederbeleben; er kam zu sich und erholte sich bald von dem Schrecken. Für den armen, lange gequälten Paul Kratides aber kam jede Hilfe zu spät; seine Kräfte waren durch die wochenlange Gefangenschaft zu sehr geschwunden. Die Schurken selbst waren, als sie das Nahen der Polizei bemerkten, in der Nacht entkommen — und mit ihnen die junge Sophy. Doch das Schicksal holte sie ein: Lange danach erreichte uns die Nachricht, dass die beiden Männer in einem fernen Land tot aufgefunden worden seien. Man nahm an, dass die junge Frau, die so viel Leid durch sie erfahren und ihren Bruder verloren hatte, am Ende selbst für Gerechtigkeit gesorgt hatte. Über ihr weiteres Schicksal aber wurde nie Gewissheit erlangt.

Ein trauriger Fall, sagte Holmes, als wir wieder daheim waren, und doch ein lehrreicher. Vor allem aber, Watson, haben Sie nun meinen Bruder Mycroft kennengelernt, den einzigen Menschen, der mich im reinen Denken übertrifft. Er lächelte still vor sich hin. Hätte er nur ein Quäntchen meines Ehrgeizes, er wäre der berühmteste Mann Englands. So aber zieht er es vor, in seinem schweigenden Klub zu sitzen und zu denken. Jeder nach seiner Art.

So endete der Fall vom griechischen Dolmetscher, ein dunkler Stoff, gemildert durch die stille Größe des Herrn Melas und die wunderliche Gestalt des Mycroft Holmes. Nun ist es ganz ruhig geworden, der Sommerabend liegt warm und friedlich über der Stadt, und alle Aufregung ist vergangen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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