Frei nach Hans Christian Andersens Guldskat · 4 Minuten zu lesen
Der Goldschatz
In der Stadt schlug der Trommelschläger die Trommel, und daheim wiegte seine Frau ihren kleinen Jungen und nannte ihn ihren Goldschatz — denn das Kind hatte Haare, rot und glänzend wie gesponnenes Gold. Die Nachbarinnen sagten Fuchshaar dazu, aber die Mutter hörte das gar nicht; für sie war es Gold, und sie behielt recht, wie sich zeigen wird, nur anders, als sie dachte. In der Kirche, bei der Taufe, hatte sie zu den vergoldeten Engeln an der Decke hinaufgesehen und sich still gewünscht, ihr Junge möge einmal etwas von deren Glanz abbekommen. Solche Wünsche fallen nicht auf den Boden.
Der Junge hieß Peter, und zwei Dinge zeigten sich früh an ihm: Er hatte das Trommeln vom Vater im Blut, und er hatte noch etwas anderes, Feineres dazu. Als der alte Stadtmusikant ihn einmal an einer Geige zupfen ließ, nur zum Spaß, da blieb der Spaß aus, und der Stadtmusikant wurde ernst und sagte: Der Junge muss Unterricht haben, aus dem kann etwas werden. So lernte Peter die Geige, heimlich zuerst und dann mit Stolz der ganzen Gasse, und wenn er übte, blieben die Leute unter dem Fenster stehen, und die Mutter saß drinnen und nähte und rechnete die Töne wie Ersparnisse zusammen.
Die geliehene Geige war eine alte, honigbraune, mit einem Riss, der geleimt war und dem Ton nicht schadete — im Gegenteil, sagte der Stadtmusikant, geleimte Geigen erzählen wärmer, sie wissen schon etwas vom Leben. Peter trug sie heim wie ein rohes Ei und legte sie abends neben sein Bett, und die Mutter stand in der Tür und sah den Jungen und die Geige an und wusste auf einmal ganz sicher, was sie in der Kirche geahnt hatte. Mütter wissen so etwas immer ein paar Jahre vor allen anderen.
Es kam die Zeit, da zog Peter als junger Trommler mit den Soldaten fort, denn das war der Weg, den ein Trommlerssohn zu gehen hatte. Die Mutter träumte in jenen Monaten manch schweren Traum, wie Mütter träumen, wenn die Söhne fort sind. Aber Peter kam heil wieder, größer geworden und stiller, und das Erste, was er daheim tat, war: Er nahm die Geige vom Nagel und spielte, und da hörte die Gasse, dass einer zurückgekommen war, der mehr erlebt hatte, als er erzählen mochte, und es lag nun alles in den Tönen. Von da an ging es aufwärts, Stufe um Stufe: erst die Stadt, dann die großen Städte, dann die Säle, in denen Könige sitzen. Aus dem Trommlerssohn mit dem Fuchshaar war ein Geiger geworden, dessen Namen die Zeitungen druckten, und wenn er spielte, sagten die Leute, es klinge, als habe einer Gold in den Händen.
Sein Herz hatte unterwegs auch seine Geschichte gehabt, eine mit der Lotte des Bürgermeisters, und sie war ausgegangen, wie solche Geschichten zwischen Trommlerssöhnen und Bürgermeisterstöchtern damals ausgingen: still und ohne Hochzeit. Peter hat darüber nie geklagt, nur gespielt hat er es manchmal, und wer Ohren hatte, hörte es heraus, und Lotte, heißt es, hat es auch gehört, Jahre später, in einem Konzertsaal, und hat lange in ihr Programmheft gesehen. So legt die Musik am Ende alles dorthin, wo es keinem mehr wehtut: in die Töne.
Der schönste Auftritt seines Lebens aber, das hat Peter selbst gesagt, war keiner in den großen Sälen. Es war der Abend, an dem er heimkam zu seiner alten Mutter, in die kleine Stube, und ihr vorspielte, ganz allein, während drüben in der Ecke die alte Trommel des Vaters hing. Und als er spielte, sagen die Leute, habe die alte Trommel ganz leise mitgebrummt, wie ein Großvater, der im Halbschlaf mitsummt, und die Mutter habe die Augen zugemacht und gesagt: Nun sind wir bei den vergoldeten Engeln, mein Goldschatz. Weiter wollen wir gar nicht. Da spielte Peter noch eines, extra langsam, damit der Abend länger hielt. Das kann Musik nämlich: die guten Abende dehnen. Genau dafür ist sie da — und für das Einschlafen hinterher.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.