Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen
Der Garten Eden
Vor langer, langer Zeit, ehe die Städte gebaut waren und ehe ein Mensch je einen Weg durch die Wildnis getreten hatte, lag die Erde still und wartete. Die Welt war neu erschaffen, wie wir in einer anderen Geschichte erfahren haben, und nun, in diesem ersten Morgengrauen der Zeit, senkte sich ein weicher Atem über das Land, und aus dem feuchten Boden wuchsen Gräser und Bäume und Blüten, als hätte jemand sanft in die Erde geflüstert, und sie hätte zugehört.
Und es geschah in jenen ersten Tagen, dass ein Garten entstand, fernab im Osten, in einem Land, das man Eden nannte. Es war kein gewöhnlicher Garten, wie man ihn hinter einem Haus anlegt oder an einem Flussufer findet. Es war ein Ort, an dem die Welt zu sich selbst gekommen war, ein Ort, an dem alles so war, wie es sein sollte, vollständig und ruhig und wahr. Die Bäume standen in tiefem Grün, ihre Äste schwer von Früchten, und der Wind bewegte die Blätter so sachte, dass man kaum sagen konnte, ob es Wind war oder Atem.
Durch diesen Garten floss ein Strom, klar und kühl, und er teilte sich in vier große Flüsse, die sich von dort aus über die ganze Erde ergossen, in alle Richtungen der Welt. Das Wasser rauschte leise über Steine, die glatt und weiß waren wie Mondlicht, und die Fische standen reglos im Strom, als lauschten auch sie auf die Stille um sie her. Blumen wuchsen am Ufer, und der Duft, der von ihnen aufstieg, war süß und fremd und altbekannt zugleich.
In die Mitte dieses Gartens war ein Baum gepflanzt worden, dessen Anblick das Herz bewegte, noch bevor man recht wusste warum. Er stand dort wie ein Zeuge uralter Zeiten, die Äste weit ausgebreitet, die Wurzeln tief in die Erde gegraben. Wer unter ihm saß und in seine Krone schaute, spürte etwas Ruhiges und Großes zugleich, wie wenn man in den Sternenhimmel blickt und begreift, wie weit die Welt reicht und wie geborgen man trotzdem ist.
Und in diesen Garten setzte Gott den Menschen, den er aus dem Staub der Erde geformt und dem er das Leben eingehaucht hatte. Sein Name war Adam, was so viel bedeutet wie: der vom Boden Genommene, der aus der Erde Geborene. Er öffnete die Augen und sah das Licht durch die Blätter fallen, goldene Streifen, die den Boden bedeckten wie ein gewebter Teppich. Er streckte die Hände aus und fühlte das Gras zwischen seinen Fingern, weich und feucht vom Morgentau.
Adam wanderte durch den Garten und gab allem einen Namen. Den Vögeln, die in den Ästen saßen und sangen, den Tieren, die durch das hohe Gras streiften, den Fischen im Strom, den Käfern im Moos. Es war eine stille, geduldige Arbeit, dieses Benennen, und während er sprach, entstand zwischen ihm und der Welt eine Verbindung, zart wie ein Spinnenfaden, stark wie ein Seil. Die Tiere kamen zu ihm ohne Scheu, und er legte die Hand auf ihre Flanken und ihr Fell war warm.
Doch nach einer Weile wurde es still um Adam, eine andere Stille als die des Abends oder die der Nacht. Es war die Stille dessen, der etwas sucht und nicht weiß, wonach er sucht. Er saß am Ufer des Stromes und sah sein Spiegelbild im Wasser, und das Spiegelbild sah ihn an, und beide schwiegen. Und so geschah es, dass eine tiefe Ruhe über Adam kam, eine Ruhe tiefer als Schlaf, und als er wieder erwachte, da war neben ihm ein Mensch, den Gott aus ihm selbst geformt hatte, aus seinem eigenen Wesen heraus, wie ein Lied entsteht, das schon immer in jemandem gewohnt hat, ohne dass er es wusste.
Sie sahen einander an, und die Stille zwischen ihnen war eine andere als zuvor — sie war voll, nicht leer, warm, nicht einsam. Adam sprach, und seine Stimme klang anders als vorher, heller, als hätte sie endlich den Klang gefunden, für den sie gemacht war. Die Frau, die neben ihm stand, hieß Eva, die Mutter alles Lebenden, und sie standen zusammen im Morgenlicht des Gartens, und der Garten hielt sie beide.
So lebten sie in Eden, in diesem Ort der Fülle und der Stille. Die Früchte hingen schwer an den Ästen, und es gab nichts, das sie entbehrt hätten. Der Tag hatte seine Wärme und die Nacht ihre Kühle, und die Sterne standen über dem Garten wie Wächter aus Licht. Sie kannten die Namen aller Dinge, und alle Dinge kannten sie, und in dem großen Strom der Welt flossen sie mit, ruhig und geborgen.
Doch in diesem Garten gab es auch eine Stille, die wartete. Nicht bedrohlich, nicht schwer, nur die Stille dessen, was noch kommen würde, jenes leise Wissen, dass jede Geschichte ihren eigenen Weg nimmt, auch wenn er durch fremdes Land führt. An einem der Bäume des Gartens hing eine Frucht, die anders glänzte als alle anderen, und von diesem Baum hatten sie gehört, sie sollten seine Früchte nicht essen. Nicht als Strafe war dieses Gebot gemeint, sondern wie ein Zaun an einem Abgrund, den man in der Dunkelheit nicht sieht. Eva und Adam gingen an diesem Baum vorbei, und seine Früchte leuchteten im Schatten der Blätter.
Und dann, an einem dieser frühen, goldenen Tage, geschah das, was Geschichten in Bewegung setzt. Eine Stimme flüsterte durch das Laub, leise und listig, und sie pflanzte eine Frage ins Herz, wo vorher keine gewesen war. Die Schlange, das klügste der Tiere im Garten, sprach zu Eva, und ihre Worte waren so geformt, dass sie sich anfühlten wie eine Einladung, dabei waren sie eine Weggabelung.
Eva stand vor dem Baum und sah die Frucht, und die Frucht war schön, und die Frage in ihr wurde größer als die Stille. Sie streckte die Hand aus, und die Frucht lag in ihrer Handfläche, schwer und glatt und kühl. Sie aß, und sie reichte Adam, der neben ihr stand, und auch er aß. Und in dem Moment, da sie aßen, öffneten sich ihre Augen auf eine neue Weise, und mit dem neuen Sehen kam ein neues Wissen, und mit dem neuen Wissen kam eine Empfindung, die sie nicht kannten, etwas Kleines und Kaltes, das sich in ihrer Brust festsetzte.
Der Abend kam über den Garten, wie er jeden Abend kam, golden und leise. Doch diesmal gingen Adam und Eva nicht dem Licht entgegen, sondern suchten die Schatten der großen Bäume, und hinter sich hörten sie das Rauschen des Stromes und den Wind in den Blättern, und alles war noch so wie immer, und doch war etwas verändert, unumkehrbar und still.
Gottes Stimme rief durch den Garten, so wie ein Vater ruft, der sein Kind sucht, ohne wütend zu sein, nur traurig und wartend. Adam und Eva traten hervor aus dem Schatten, und sie standen im letzten Licht des Tages, und es war zwischen ihnen und dem Garten nun eine Schwelle, die vorher nicht dagewesen war. Was dann geschah, war nicht Zorn, wie man ihn unter Menschen kennt, sondern etwas Ernsteres und Milderes zugleich. Sie wurden fortgeleitet aus dem Garten, langsam, wie jemand fortgeht, der noch einmal zurückblickt, und der Garten lag hinter ihnen im Abendlicht, seine Bäume schwarz gegen den hellen Himmel, der Strom glitzernd in der Ferne.
Und vor dem Eingang des Gartens, wo die Wege sich trennten, flammte ein Licht auf, das sich drehte und wandte, ein Licht ohne Feuer, ein Wächter ohne Gestalt. Adam und Eva standen eine Weile still und sahen zurück, und der Garten war noch da, so nah und so fern, wie etwas ist, das man in sich trägt, auch wenn man weggegangen ist.
Und sie gingen in die weite Welt, in das offene Land voller Sonne und Staub und Möglichkeiten, und die Welt war groß, größer als alles, was sie kannten. Die Sterne standen über ihnen, dieselben Sterne, die auch über dem Garten standen, und der Wind trug den Duft der Blüten noch eine Weile mit, ehe er sich verlor in der unendlichen Nacht.
So endete der erste große Aufenthalt der Menschen in der Stille der Welt, und so begann ihr Weg durch die Zeit. In einer anderen Geschichte werden wir von Noah hören und von dem großen Wasser, das die Welt erneuerte. Doch diese Nacht gehört dem Garten noch, dem leisen Rauschen seines Stromes, dem Duft seiner Bäume, dem Licht, das durch seine Blätter fiel wie ein Versprechen, das die Welt sich selbst gegeben hat und nie ganz vergessen wird.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.