Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Gartneren og Herskabet · 4 Minuten zu lesen

Der Gärtner und die Herrschaft

Eine Meile vor der Stadt lag ein alter Herrensitz mit dicken Mauern, Türmchen und einem großen Garten — und in dem Garten wirkte der Gärtner Larsen, ein Mann, der sein Handwerk liebte und verstand wie wenige im Land. Die Herrschaft des Hauses war nicht unfreundlich, aber sie hatte eine Schwäche: Was von weither kam, galt ihr mehr als das, was vor der eigenen Tür wuchs. Und so bekam Larsen für alles, was er zog, ungefähr so viel Lob wie der Regen für das Gießen — man nimmt es hin, man rechnet damit, man erwähnt es nicht.

Einmal aßen die Herrschaften bei Hofe Äpfel und Birnen, so edel, dass sie ihrem Gärtner auftrugen, unverzüglich Reiser dieser königlichen Sorte zu besorgen. Larsen erkundigte sich pflichtschuldig beim Hoflieferanten — und kam mit einer Nachricht zurück, die er sich sehr verkneifen musste zu genießen: Die königlichen Früchte stammten aus dem eigenen Garten der Herrschaft, von Larsens Bäumen. Die Herrschaft wollte es erst gar nicht glauben; dann ließ sie sich die Früchte in einer Schale reichen und fand sie auf einmal noch einmal so gut. Mit den Melonen ging es nicht anders: Die vom königlichen Tisch, die alle Welt rühmte — gezogen im Mistbeet des Herrensitzes, von Larsen. Es half nichts: Der Ruhm machte jedes Mal erst den Umweg über den Hof, ehe er den Weg in den eigenen Garten fand.

Larsen nahm dergleichen gelassen, denn er hatte seine eigene Buchführung. Auf der einen Seite stand, was die Herrschaft sagte; auf der anderen, was im Garten wuchs. Und da die zweite Seite jedes Jahr voller wurde, konnte er die erste verschmerzen. Seinen Stolz gönnte er sich im Stillen: Wenn er abends durch die Reihen ging, die Gießkanne in der Hand, und die Beete dalagen, gerade wie mit dem Lineal gezogen, und über der Obstwiese die Stare einfielen, dann sagte er wohl zu sich selbst: Na also. Mehr nicht. Es war das kürzeste Eigenlob im ganzen Königreich, und es war durch nichts zu erschüttern, denn es stützte sich auf Äpfel, und Äpfel lügen nicht.

Am schönsten war die Sache mit der Blume. Larsen brachte der jungen gnädigen Herrschaft eines Tages eine wunderbare blaue Blüte in einer Kristallvase, groß und fremd wie aus einem Morgenland. Was für eine Lotosblume, rief man entzückt, und sie bekam den Ehrenplatz. Dann kam heraus: Es war die Blüte einer ganz gewöhnlichen Artischocke aus dem Gemüsegarten. Die Herrschaft war pikiert — bis die Prinzessin, die zu Besuch war und mehr von Gärten verstand, herzlich lachte und sagte: Aber sie ist doch herrlich! Was kann die Blume dafür, wo sie herkommt? Und sie ließ sich fortan jeden Tag eine frische Artischockenblüte bringen. Da fand die Herrschaft die Blume auch wieder schön. So ist es manchmal: Man muss den Leuten erst zeigen, was sie haben, und am besten zeigt es einer von auswärts.

In einer Herbstnacht warf der Sturm die zwei alten Bäume am Ende des Gartens um, in denen seit Menschengedenken die Krähen und Dohlen gewohnt hatten, und die Herrschaft trauerte um das alte Bild. Larsen aber bat sich den freien Platz aus, und dort legte er an, was er immer gewollt hatte: einen Garten aus dem eigenen Land. Wacholder aus der jütischen Heide pflanzte er und wilden Hopfen, Schlehen und blühenden Weißdorn, Farn und Königskerzen — alles, was das Land selbst hervorbringt und was nie jemand in einen Herrengarten gelassen hatte. Und es wuchs und wurde von Jahr zu Jahr schöner, und selbst die Herrschaft gab es am Ende zu. Auf die hohe Stange aber, die er mitten hineinsetzte, band Larsen jeden Winter eine volle Hafergarbe, damit auch die Vögel des Himmels zur frohen Weihnachtszeit ihre Mahlzeit hätten. Das war seine Art von Kirchgang.

So wirkte der Gärtner Larsen auf dem alten Herrensitz sein Leben lang, und wenn die Herrschaft auch nie ganz von ihrer Gewohnheit ließ, das Eigene erst zu rühmen, wenn es den Umweg über die Fremde gemacht hatte — der Garten wurde berühmt im ganzen Land, und mit ihm, allen Umwegen zum Trotz, sein Gärtner. Larsen selbst hat sich darüber nie beklagt. Er hatte, was er brauchte: gute Erde, freie Hand und alle Jahreszeiten. Im Winter, wenn Schnee auf dem Herrensitz lag, stand mitten im wilden Garten die Stange mit der Hafergarbe, und um sie her schwirrten und pickten die Vögel des Himmels. Es war das lebendigste Stück im ganzen Garten — und vielleicht, still besehen, auch das vornehmste.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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