Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen
Der Flottenvertrag
Eines Morgens erhielt ich, Doktor Watson, einen Brief von einem alten Schulkameraden: Percy Phelps, mit dem ich einst die Schulbank gedrückt hatte. Er war stets ein kluger Kopf gewesen und hatte es weit gebracht, bis in eine angesehene Stellung im Außenministerium, nicht zuletzt, weil sein Onkel ein hoher Minister der Krone war. Nun aber schrieb er aus tiefer Verzweiflung und bat mich flehentlich, Sherlock Holmes zu Hilfe zu holen. So fuhren wir hinaus aufs Land, nach Woking, wo Phelps bei der Familie seiner Verlobten lag, von einem Nervenfieber genesend, das ihn wochenlang ans Bett gefesselt hatte.
Bleich und zitternd erzählte uns Percy Phelps, was ihm widerfahren war. Man habe ihm im Ministerium eine Aufgabe von höchster Wichtigkeit anvertraut: Er solle ein geheimes Staatsdokument abschreiben, einen Flottenvertrag, ein Abkommen zwischen England und einer befreundeten Macht, dessen Inhalt streng gehütet werden musste. Fiele er in falsche Hände, so wäre das ein Unglück von gewaltiger Tragweite. An jenem Abend habe er allein in seinem Büro gesessen und mit dem Abschreiben begonnen. Spät sei ihm nach einer Tasse Kaffee zumute gewesen; er habe geläutet, doch als niemand kam, sei er kurz hinausgegangen, um nach dem Diener zu sehen, nur für wenige Minuten.
Als ich zurückkam, Herr Holmes, sagte Phelps mit erstickter Stimme, war das Original verschwunden. Vom Tisch. In den paar Minuten meiner Abwesenheit. Meine Abschrift lag noch da, das Geheimdokument selbst aber war fort. Ein verzweifeltes Suchen sei losgebrochen, erzählte Phelps, doch vergebens. Niemand habe etwas gesehen. Nur eines sei merkwürdig: Während er fort war, habe in seinem Zimmer die Klingel geläutet; jemand musste also darin gewesen sein. Der Schlag hat mich niedergeworfen, sagte Phelps. Ich brach zusammen und lag neun Wochen im Fieber, hier in diesem Zimmer. Und nun, da ich genese, lastet die Schande und die Angst auf mir wie ein Mühlstein. Ist das Dokument erst veröffentlicht, ist meine Laufbahn dahin — und Schlimmeres droht dem Land.
Holmes hörte aufmerksam zu, stellte ruhige, gezielte Fragen und besah sich das Krankenzimmer und das Haus genau. Wir lernten auch die Familie kennen, bei der Phelps gepflegt wurde: seine treue Verlobte Annie Harrison und ihren Bruder Joseph, einen leutseligen jungen Mann, der im selben Haus wohnte. Annie wich kaum von der Seite des Kranken, voller Sorge und Liebe. Holmes beobachtete alles mit jenem stillen, allsehenden Blick, der nichts entging. Auf dem Heimweg, als wir durch den friedlichen Garten gingen, geschah etwas, das ich nie vergessen habe und das mir das Wesen meines Freundes auf einmal ganz neu zeigte.
Holmes blieb stehen, beugte sich zu einem Rosenstrauch und pflückte sanft eine einzelne, taufrische Moosrose. Er hielt sie ins Licht und betrachtete sie lange. Wissen Sie, Watson, sagte er leise und versonnen, es gibt nichts, worin sich die Güte der Vorsehung so deutlich zeigt wie in einer Blume. Alle anderen Dinge, unsere Kräfte, unsere Wünsche, unsere Nahrung, sie sind zum bloßen Dasein nötig. Diese Rose aber ist mehr. Ihr Duft und ihre Farbe sind eine Zugabe, ein Schmuck des Lebens, nicht seine Bedingung. Nur die Güte schenkt uns solche Zugaben. Und darum, sage ich, dürfen wir gerade aus den Blumen die größte Hoffnung schöpfen. Ich staunte still über diese sanften, fast frommen Worte aus dem Mund des kühlen Denkers; es war eine Seite an ihm, die er selten zeigte.
Doch Holmes hatte den Fall längst durchdrungen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass das gestohlene Dokument das Haus nie verlassen hatte, ja, dass es sich womöglich noch immer ganz in der Nähe befand: verborgen in eben jenem Krankenzimmer, in dem Phelps nun seit neun Wochen lag. Der Dieb, erklärte mir Holmes leise, konnte sein Versteck nicht wieder aufsuchen, weil der arme Phelps Tag und Nacht in diesem Zimmer lag. Darum wartet er nur auf eine Gelegenheit, da das Zimmer einmal leer ist. Und so richtete Holmes alles ein: Phelps wurde unter einem Vorwand für eine Nacht aus seinem Zimmer gebracht, und Holmes legte sich auf die Lauer.
Es kam, wie er es vorausgesehen hatte. In der Stille der Nacht näherte sich eine Gestalt dem nun leeren Krankenzimmer, stieg leise durch das Fenster, hob ein loses Brett im Boden — und holte aus dem Versteck darunter ein zusammengefaltetes Papier hervor. Da trat Holmes aus dem Dunkel. Der nächtliche Dieb war niemand Fremdes, es war Joseph Harrison, der Bruder von Phelps’ Verlobter. In Geldnöten geraten, hatte er an jenem Abend zufällig das Ministerium aufgesucht, das Zimmer leer und das kostbare Dokument unbeaufsichtigt vorgefunden — und der Versuchung nachgegeben. In aller Eile hatte er es an sich genommen und später, hier im Haus, unter den Dielen seines eigenen Zimmers verborgen, das dann ausgerechnet zum Krankenlager des bestohlenen Phelps wurde. So lag der Verzweifelte neun Wochen lang, ohne es zu ahnen, über dem verschwundenen Schatz.
Holmes brachte das Dokument an sich, wohlbehalten, unversehrt. Und nun gönnte er sich eine seiner liebsten kleinen Inszenierungen. Am nächsten Morgen kehrten wir zum Frühstück zu dem noch immer bedrückten Percy Phelps zurück, der von alldem nichts wusste und blass und hoffnungslos am Tisch saß. Holmes plauderte freundlich, und als das Essen aufgetragen wurde, schob er Phelps eine zugedeckte Speiseplatte hin. Greifen Sie zu, alter Freund, sagte er heiter. Phelps hob den Deckel — und erstarrte. Denn unter der Glocke lag keine Speise, sondern das verlorene, sehnlichst gesuchte Dokument, der Flottenvertrag, sauber und vollständig. Der arme Mann stieß einen Schrei aus und wäre vor Freude und Erleichterung beinahe ohnmächtig geworden.
Da, da haben Sie es, sagte Holmes lächelnd und freute sich still an der Wirkung. Ich gebe zu, es war ein wenig grausam, Sie so zu überraschen, aber Watson wird Ihnen bestätigen, dass ich einer dramatischen Wendung selten widerstehen kann. Phelps konnte vor Dankbarkeit kaum sprechen. Seine Ehre war gerettet, seine Laufbahn wiederhergestellt, und das Land vor großem Schaden bewahrt. Nur eines schmerzte: dass der Dieb der eigene Bruder seiner Verlobten gewesen war. Doch auch dieser Kummer trat zurück hinter der ungeheuren Erleichterung, dass das Unglück abgewendet war.
So endete der Fall vom Flottenvertrag: kein Mord, kein Blutvergießen, nur ein verschwundenes Dokument, das Holmes’ Scharfsinn aus seinem Versteck unter den eigenen Füßen des Bestohlenen ans Licht holte. Nun ist es ruhig und friedlich, der Morgen ist hell, und alle Sorge hat sich in Glück verwandelt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.