Frei nach Hans Christian Andersens Flaskehalsen · 6 Minuten zu lesen
Der Flaschenhals
In der engen, krummen Gasse stand am Giebelfenster ein Vogelbauer, und darin hüpfte ein kleiner Hänfling, und statt eines Wasserglases hing ein umgedrehter Flaschenhals im Gitter, mit einem Korken unten drin, und hielt das Wasser für den Vogel. Der alten Jungfer am Fenster war das Ding lieb, und der Flaschenhals selbst fand, man könne es im Alter schlechter treffen — er hatte nämlich ein ganzes Leben hinter sich, und wenn der Hänfling sang, dachte er daran zurück.
Die Stube der alten Jungfer war klein und blitzblank: ein Bett mit hoher Kante, eine Kommode mit gehäkeltem Deckchen, am Fenster der Lehnstuhl und auf dem Fensterbrett, in einem grünglasierten Topf, ein Myrtenstock, den sie pflegte wie ein Kind. Der Hänfling im Bauer sang den halben Tag, und wenn er trank, nickte er dem Flaschenhals zu, und der Flaschenhals hielt still sein Wasser und dachte: Singe nur. Ich habe auch einmal Feste erlebt, und was für welche. Niemand sieht es mir an, aber ich bin weit herumgekommen. So fangen die besten Lebensgeschichten an: an einem Fenster, dem man nichts ansieht.
Geboren war die Flasche im Feuer der Glashütte, aus Sand und Asche, wie alle ihres Geschlechts. Noch warm und weich war sie geformt worden, dann hatte man sie ins Kühle gestellt, Reihe an Reihe mit ihren gläsernen Schwestern, und sie hatte geglaubt, das Leben bestehe aus Warten in Reih und Glied. Dann kam der Weinhändler, und sie wurde gefüllt und verkorkt und bekam ein Kleid aus Papier mit goldenen Buchstaben, und im Keller lernte sie die Geduld der guten Jahrgänge. Bis zu jenem Morgen, an dem eine junge Hand sie aus dem Regal nahm und in einen Picknickkorb legte, zwischen Brot und kaltem Braten — hinaus ins Grüne, zum schönsten Tag ihres Lebens, von dem sie noch nichts wusste.
Im grünen Wald wurde sie entkorkt: Es gab kalten Braten auf dem Waldboden, und der junge Steuermann hob die Flasche und schenkte ein, denn an diesem Tag verlobte er sich mit der Tochter des Kürschners, die er von Kindheit an gern gehabt hatte. Als der Wein getrunken war, warf einer die Flasche hoch in die Luft, und sie blitzte in der Sonne — und das Mädchen lachte, und der Wald war voller Sommer. Es war der schönste Augenblick seines Lebens, und er wusste es damals noch nicht einmal.
Dann fuhr die Flasche mit dem jungen Steuermann zur See, hinaus in die weite Welt. Sie stand in der Kajüte, wenn draußen die Wellen wanderten, und hielt manchen guten Schluck für müde Männer. Aber es kam eine Nacht mit schwerem Wetter.
Wie er den Zettel schrieb, in jener Sturmnacht, das hätte keiner ruhig mit ansehen können: Das Schiff stieg und stürzte, die Lampe schwang, und der junge Steuermann hielt das Papier mit einer Hand fest und schrieb mit der anderen, in großen, fahrigen Buchstaben, seinen Gruß an die Braut daheim: dass er sie liebhabe, in guten Wassern und in schweren, und dass, wenn dieser Gruß sie erreiche, sie nicht bange sein solle, denn was das Meer auch tue — was zwischen ihnen sei, das könne es nicht nass machen. Dann presste er den Korken auf die Flasche, so fest wie einen Handschlag, und übergab sie der See — denn das Meer, dachte er, kommt am Ende überall hin. Es war das Zärtlichste, was je mit ihr geschehen war, und sie hat es nie vergessen. Das Schiff ist nie in seinen Hafen zurückgekehrt. Die Flasche aber trieb dahin, monatelang, unter Sternen und Regen, und trug den Gruß, den niemand las.
Sie wurde an einen fremden Strand gespült und aufgehoben, und Leute, die ihre Sprache nicht kannten, drehten das Blatt hin und her und legten es fort, und die Flasche begann ein neues Leben, und dann noch eines: Sie hielt Wein und hielt Brunnenwasser, sie stand in einem Wirtshaus und auf einer Festtafel, sie diente einem Apotheker und wurde mit Respekt behandelt und einem Trödler und wurde geduzt. So gingen die Jahre, Besitzer um Besitzer, und keiner ahnte, was für einen Gruß sie einmal getragen hatte. Das Blatt war längst verloren. Die Erinnerung nicht; Glas vergisst langsamer als Menschen.
Und dann kam der große Tag mit dem Ballon: Der Luftschiffer brauchte sie für seine Kunststücke, und sie fuhr mit hinauf, höher als die Vögel, und sah die Welt, wie sonst nur der Mond sie sieht — die Stadt wie ein Spielzeug, die Felder wie ein Tuch aus lauter grünen Flicken. Einen Herzschlag lang, dort oben, dachte sie an den jungen Steuermann. Der hätte gestaunt, dachte sie. So hoch sind nicht einmal seine Masten gewesen. Bei der Landung freilich ging es schief: Sie stürzte, schlug auf ein Dach und zerbrach — und von der ganzen weiten Reise blieb nur der Hals übrig. Den fand jemand, steckte einen Korken hinein, und so kam er, umgedreht und mit Wasser gefüllt, in das Vogelbauer am Giebelfenster.
Die alte Jungfer am Fenster aber — das ist das Stille an dieser Geschichte — war niemand anderes als die Tochter des Kürschners, der man vor vielen Jahren im grünen Wald einen Ring angesteckt hatte. Ihr Steuermann war nicht wiedergekommen, und sie hatte keinen anderen genommen, und nun wohnte sie hier, mit ihrem Hänfling und einem blühenden Myrtenstock, und war eine freundliche alte Frau geworden. Dass in ihrem Fenster der Hals eben jener Flasche hing, die am schönsten Tag ihres Lebens in der Sonne geblitzt hatte, das wusste sie nicht. Und der Flaschenhals wusste nicht, wessen Fenster ihn beherbergte.
Die alte Jungfer hatte ihre eigenen Reisen hinter sich, nur waren es stillere gewesen: aus dem Elternhaus in die Dienstjahre, aus den Dienstjahren in die kleine Stube, und durch alle Jahre hindurch die eine, die nie zu Ende ging — die Reise des Wartens. Den Myrtenstock am Fenster zog sie aus einem Zweig jenes Myrtenstrauchs, der einmal, vor langer Zeit, für ihren Brautkranz bestimmt gewesen war. Sie begoss ihn jeden Morgen, und er blühte ihr jedes Jahr, weiß und geduldig, und wenn die Leute fragten, wozu sie ihn halte, sagte sie nur: Er ist von daheim. Mehr muss man über manche Pflanzen nicht sagen, und über manche Menschen auch nicht.
Aber vielleicht ist es gerade so gut. Der Hänfling sang, die Abendsonne fiel schräg in die Gasse und machte das alte Glas noch einmal golden, und die alte Frau sah hinaus und dachte, wie sie es oft tat, an einen grünen Wald und an ein Lachen in der Sonne. So hatten die beiden denselben Sommer im Sinn, jeder auf seine Art, an demselben stillen Fenster — und der Abend kam in die Gasse wie ein alter Bekannter.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.