Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen

Der Fischer und der Dschinn

In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über dem Meer so hell standen, dass die Fischer bei ihrem Licht die Netze flicken konnten, und als die Nacht noch warm war vom Atem des Tages, da lebte am Ufer eines großen Meeres ein alter Fischer. Er hatte keine großen Besitztümer: ein Haus aus Lehmziegeln, ein Netz, das er selbst geflochten hatte, und die Gewohnheit, jeden Morgen vor dem ersten Licht ans Wasser zu gehen. Seine Frau und seine Kinder warteten daheim, und was er brachte, war mal viel und mal wenig, aber es reichte, und in dieser Genügsamkeit lag eine Ruhe, wie sie nur Menschen haben, die gelernt haben, mit dem Meer zu leben statt gegen es.

An jenem Morgen, der diese Geschichte beginnt, war das Meer so still wie Glas. Der Alte stand knietief im Wasser, das Netz kreisend über dem Kopf, und warf es aus mit der Bewegung eines Menschen, der dieselbe Geste zehntausend Mal getan hat, ruhig, sicher, wie Atmen. Das Netz verschwand unter der Oberfläche. Er wartete. Er zog. Schwer war das Netz, schwerer als es sein sollte für so eine ruhige Nacht, und als er es ans Ufer zog, fand er darin keinen Fisch, sondern den Kadaver eines Esels, alt und schwer und gar nichts wert. Er lachte leise, warf den Esel zurück ins Meer, flickte das Netz dort, wo es gerissen war, und warf erneut.

Der zweite Zug brachte einen Krug voller Schlamm und Scherben, und der dritte einen Haufen alter Scherben und Steine. Der Alte stand am Ufer, das Netz in den Händen, und schaute auf das ruhige Meer. Drei Würfe, nichts. Manche Morgen sind so. Er sprach ein kurzes Gebet, die Worte der Fischer, die keine langen Bitten kennen, nur kurze, ehrliche, und warf das Netz zum vierten Mal.

Als er diesmal zog, war das Netz so schwer, dass er sich in den Sand stemmen musste, und was ans Licht kam, war ein Krug aus gelbem Kupfer, groß und alt, mit einem Deckel, der mit Blei verschlossen und in das Blei ein Siegel gepresst war, ein Siegel, das der Alte nicht kannte, aber das ihn schaudern ließ auf eine Art, für die er keinen Namen hatte.

Er drehte den Krug in den Händen, klopfte dagegen: hohl, schwer, alt. Er dachte an Kaufleute, die manchmal Dinge im Meer versenkten, an Schätze vielleicht. Er zog sein Messer und begann, das Blei vorsichtig aufzubrechen. Aus dem geöffneten Krug stieg zunächst nichts, nur ein dünner Rauch, gelblich und langsam, der sich in der Morgenluft ausbreitete wie ein schlafendes Ding, das erwacht. Dann mehr Rauch, dichter, dunkler, und der Rauch begann eine Form anzunehmen: Beine, dann ein Rumpf, dann Schultern,

dann ein Haupt, das bis in die Wolken zu reichen schien, ein Wesen so groß, dass der Alte einen Schritt zurückwich und der Sand unter ihm nachgab. Die Augen des Wesens öffneten sich. Sie leuchteten wie zwei Fackeln in der Morgendämmerung. Und die Stimme, die kam, war wie das Grollen des Meeres selbst. Preis sei Salomo, dem Propheten, sprach das Wesen, Preis sei ihm, dem Bezwinger aller Dschinn. Der alte Fischer, dessen Beine ihn kaum noch trugen, fasste sich und sprach: O mächtiger Dschinn, Salomo ist seit vielen hundert Jahren tot.

Eine Stille folgte, so vollständig, dass das Meer selbst zu schweigen schien. Dann sprach der Dschinn, langsamer jetzt, und in seiner Stimme war etwas, das wie Staunen klang: Tot. Seit hundert Jahren. Er schaute auf seine Hände, auf den Krug, auf das Meer. Dann habe ich sehr lange geschlafen. Was der Dschinn dem Fischer erzählte, in jener ruhigen Morgenstunde, war eine Geschichte von Zorn und langer Zeit.

Er war einst mächtig gewesen und hatte sich dem Willen Salomos widersetzt, und Salomo hatte ihn in den Krug gesperrt und den Krug ins Meer geworfen. Im ersten Jahrhundert seiner Gefangenschaft hatte der Dschinn geschworen, den zu beschenken, der ihn befreite, mit allem Gold der Welt. Im zweiten Jahrhundert hatte er geschworen, ihm drei Wünsche zu gewähren. Im dritten Jahrhundert, als die Hoffnung kleiner wurde, hatte er geschworen, ihm die Schätze aller Könige zu geben.

Aber dann waren Jahrhunderte vergangen, und die Hoffnung war ganz gegangen, und in seiner Dunkelheit und seiner Bitterkeit hatte er geschworen: Den, der ihn befreit, will ich töten, und ihm wenigstens die Wahl der Art seines Todes gewähren. Das war alles, was ihm geblieben war. Der alte Fischer hörte das zu Ende. Dann stand er still und dachte nach, so wie Männer nachdenken, die ihr Leben lang mit dem Meer verhandelt haben und wissen, dass man nicht gegen eine Welle kämpft, sondern ihr ausweicht.

O Dschinn, sprach er schließlich, ruhig wie ein Mann, der Fische zählt, bevor du tust, was du vorhast, sage mir eines. Wie warst du in diesem Krug? Ein Wesen deiner Größe — das ist nicht möglich. Der Dschinn schaute ihn an. Ich war darin. Ich bin ein Dschinn, ich nehme jede Form an., Das sagst du so, sprach der Alte, und in seiner Stimme war kein Vorwurf, nur Neugier. Aber ich sehe diesen Krug, und ich sehe dich. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Der Dschinn, und hier geschah etwas Merkwürdiges: Er lachte. Nicht böse, nicht grausam, sondern fast amüsiert, wie jemand, der eine einfache Frage gestellt bekommt und bereit ist, sie zu beantworten. Dann schau zu, sprach er, und begann sich aufzulösen. Der Rauch kehrte zurück, sammelte sich, wurde dünner, dünner, bis er nur noch ein Faden war, ein Hauch, der sich durch den Hals des Kruges schlängelte und verschwand. Der Krug stand still im Sand. Der Fischer schaute auf ihn.

Dann bückte er sich, drückte den Bleideckel fest auf den Hals des Kruges, und setzte sich in den Sand daneben. O Dschinn, sprach er zum Krug, nun bist du wieder drin. Und ich denke: Vielleicht bleibst du diesmal länger darin, als dir lieb ist. Aus dem Krug kam ein Geräusch, ein Grollen, das sich veränderte, das weicher wurde, und dann eine Stimme, die anders klang als vorher. Nicht groß. Nicht drohend. Nur eine Stimme. Fischer. Du bist klug. — Ich bin alt, sagte der Fischer. Das ist manchmal dasselbe.

Eine lange Stille folgte, in der das Meer leise gegen den Sand schlug und die ersten Möwen über das Wasser zogen. Dann sprach der Dschinn aus dem Krug, und seine Stimme hatte nun einen anderen Klang, ruhiger, ehrlicher, wie die Stimme eines Mannes, der aufgehört hat, etwas vorzuspielen. Wenn du mich befreist, o Fischer, ich werde dir keine Schätze versprechen, die ich vielleicht nicht halte. Ich verspreche dir das, was ich geben kann: Ich werde dich zum Fischfang führen, einmal in der Woche, an eine Stelle im Meer, die du nicht kennst. Mehr nicht. Aber jedes Mal.

Der Fischer dachte nach. Dann öffnete er den Deckel. Der Dschinn stieg wieder auf, groß und rauchig und mächtig, und schaute auf den kleinen Mann im Sand unter ihm. Und der kleine Mann schaute zurück, ohne den Blick zu senken. Zwischen ihnen war eine Stille, die sich anfühlte wie das Ende einer langen Reise, nicht triumphierend, nicht feierlich, nur: angekommen. Wie heißt du, o Fischer? sprach der Dschinn. Der Alte nannte seinen Namen. Ich werde ihn nicht vergessen, sprach der Dschinn. Und dann löste er sich in die Morgenluft auf, so still wie er gekommen war, und das Meer lag ruhig und glänzend da, als wäre nichts gewesen.

In der Woche darauf führte der Dschinn den Fischer, unsichtbar und lautlos neben ihm im Wasser, an eine Stelle im Meer, die der Alte in dreißig Jahren nie gefunden hatte, eine Stelle, wo das Wasser eine andere Farbe hatte, tiefer und kühler, und wo die Fische in Schwärmen standen wie Wolken. Das Netz, das der Fischer auswarf, kam zurück, so voll, dass er zwei Fahrten brauchte, um alles ans Ufer zu bringen.

Er brachte nach Hause, was seine Familie in einem Monat nicht gegessen hatte, und der Abend war lang und warm und voll von Lachen. So geschah es jede Woche. Der Dschinn führte ihn, und der Fischer fischte, und was zwischen ihnen war, ließ sich nicht einfach benennen — es war keine Freundschaft, denn dazu waren sie zu verschieden, aber es war auch keine Pflicht mehr, denn dazu fehlte die Kälte. Es war etwas Ruhigeres: ein Einverständnis zwischen zwei Wesen, die einander überrascht hatten, und die dafür, auf ihre je eigene Art, dankbar waren.

Der Dschinn kam immer pünktlich und verschwand immer lautlos, und der Fischer fragte nie nach mehr, und der Dschinn gab nie weniger. Und wenn der alte Fischer in jenen Abenden am Ufer saß, während die letzten Netze trockneten und der Mond über dem Wasser aufging, dann dachte er manchmal an jenen Morgen mit dem Krug, und er war ruhig dabei, ruhig auf die Art, wie man ruhig ist, wenn man weiß, dass man das Richtige getan hat, nicht weil es klug war, sondern weil es sich richtig anfühlte. Die Nacht war warm, das Meer war weit, und wer schläft am Ufer des Meeres, schläft so tief wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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