Nach einem russischen Volksmärchen · 9 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Der Feuervogel und der graue Wolf
Zar Wyslaw hatte einen Garten, und in diesem Garten stand ein Baum, der trug goldene Äpfel. Sie hingen auch dann noch daran, wenn längst alles andere kahl war und der Reif in den Hecken saß. Eines Morgens im Herbst zählte der Gärtner nach und fand einen Apfel zu wenig. Am nächsten Morgen fehlte wieder einer. Der Zar setzte Wachen ein, aber die Wachen sahen nichts, und jeden Morgen war der Baum um einen Apfel ärmer.
Da sagten seine Söhne, wir wollen selbst wachen. Der älteste, Dmitri, stellte sich in der ersten Nacht unter den Baum, hielt es bis Mitternacht aus und schlief dann im Gras ein und merkte nichts. Der zweite, Wassili, hielt es genauso lange aus und schlief genauso fest. In der dritten Nacht ging Iwan Zarewitsch hinaus. Er setzte sich nicht, weil er wusste, dass er sonst einschlafen würde, sondern lehnte sich an den kalten Stamm und wartete.
Gegen Morgen wurde der Garten hell, als hätte jemand ein Feuer angezündet. Ein Vogel kam über die Mauer geflogen, und jede seiner Federn glühte wie eine Kohle im Zug. Er setzte sich auf den Ast und hackte nach einem Apfel. Iwan sprang zu und bekam ihn am Schwanz zu fassen. Der Vogel riss sich los und war fort, und Iwan blieb mit einer einzigen Feder in der Hand stehen. Sie leuchtete so, dass er im Gehen seinen eigenen Schatten auf dem Weg sah.
Am Morgen legte er die Feder vor den Vater auf den Tisch, und im Saal wurde es hell, obwohl draußen der Nebel an den Fenstern stand. Der Zar wollte nun den ganzen Vogel haben. Die beiden älteren Söhne ritten aus, und weil Iwan nicht zurückbleiben wollte, ritt er auch. Er ritt drei Tage lang durch Land, das immer leerer wurde, bis er an einen Stein kam, der an einer Wegkreuzung stand, und auf dem Stein war eine Schrift eingehauen. Der Schnee lag noch nicht, aber die Luft roch schon danach.
Wer geradeaus reitet, hieß es, wird frieren und hungern. Wer nach rechts reitet, bleibt am Leben, aber sein Pferd stirbt. Wer nach links reitet, stirbt, aber sein Pferd bleibt am Leben. Iwan las es zweimal und ritt nach rechts. Am zweiten Tag kam ein grauer Wolf aus dem Wald, groß wie ein Kalb, und als es vorbei war, stand Iwan allein auf dem Weg. Er nahm den Sattel auf die Schulter und ging zu Fuß weiter, bis ihm die Füße schwer wurden.
Da holte ihn der Wolf ein und lief neben ihm her. Ich habe dein Pferd gefressen, sagte er, also will ich dir jetzt dienen. Setz dich auf. Iwan setzte sich auf, und der Wolf lief so schnell, dass die Bäume zu einer Wand zusammenliefen. Am Abend hielt er vor einer weißen Mauer. Dahinter, sagte er, im Garten des Zaren Dolmat, hängt der Feuervogel in einem goldenen Käfig. Nimm den Vogel heraus und lass den Käfig hängen, sonst geht es dir schlecht.
Iwan stieg über die Mauer und ging durch den dunklen Garten, und er brauchte kein Licht dazu, denn zwischen den Stämmen kam ihm schon ein Schein entgegen und lag auf den Wegen wie von einem Feuer, das hinter einer Ecke brennt. Der Feuervogel saß in seinem Käfig und wandte den Kopf, und die Wärme davon schlug Iwan ins Gesicht. Er öffnete das Türchen und nahm ihn heraus, und der Vogel hielt still. In der Dunkelheit aber war der Käfig so schön, dass er die Hand auch danach ausstreckte. Kaum hatte er den Käfig berührt, gingen im ganzen Garten die Saiten los, die daran gespannt waren, und die Wächter kamen gelaufen. Der Zar Dolmat sagte am Morgen, ich schenke dir den Vogel, wenn du mir das Pferd mit der goldenen Mähne bringst, das dem Zaren Afron gehört. Und Iwan ging und schämte sich vor dem Wolf.
Beim Zaren Afron führte ihn der Wolf bis an die Stallmauer. Nimm das Pferd, sagte er, und lass den goldenen Zaum an der Wand hängen, dann kommst du wieder heraus. Der Stall war lang und dunkel und warm von den Tieren, und es roch nach Heu und nach Leder und nach Pferdeatem. Das Pferd mit der goldenen Mähne stand ganz hinten und drehte den Kopf nach ihm, als habe es auf ihn gewartet. Iwan band es los, und es ging ihm ruhig nach bis an die Tür.
Dort neben der Tür aber hing der Zaum an einem Nagel, und in dem wenigen Licht war das Gold daran so schön, dass Iwan die Hand danach ausstreckte. Kaum hatte er ihn abgehoben, klirrte es durch den ganzen Stall, und im Hof wurden die Türen aufgerissen, und diesmal ließ man ihn nicht so leicht wieder gehen. Bring mir Jelena die Schöne, sagte Afron am Morgen, die Tochter des Zaren Kusman, dann gehört dir das Pferd. Der Wolf hörte es sich an und sagte nur, diesmal tue er es selbst, und Iwan solle draußen warten.
In Kusmans Garten ging Jelena am Abend zwischen den beschnittenen Hecken spazieren, und ihre Mägde gingen hinter ihr. Der Wolf sprang über den Zaun, nahm sie auf den Rücken und war schon draußen, ehe jemand rief. Er trug sie und Iwan davon, und als sie in der Nacht rasteten und ein Feuer machten, saßen die beiden jungen Leute daran und redeten, und am Morgen wollte Iwan sie nicht mehr hergeben und wurde still und finster. Der Wolf sah es und sagte zunächst nichts dazu.
Da sagte der Wolf, sieh weg. Er schlug einmal auf den Boden, und als Iwan sich umdrehte, stand Jelena die Schöne vor ihm, so genau bis auf den Saum am Kleid, dass er einen Schritt zurücktrat. Die richtige saß dabei im Gras, hielt die Hand vor den Mund und sagte nichts. So führte Iwan ihn zum Zaren Afron, und Afron ging mit ihm die Treppe hinauf und sah sich kein einziges Mal nach dem Pferd um, das man Iwan aus dem Hof nachführte, ein Tier, das im Gehen den Kopf hoch trug und dessen Mähne bei jedem Schritt schwang.
Drei Tage später lief der Wolf wieder neben ihnen her, und sein Fell roch nach fremdem Rauch. Beim Zaren Dolmat tat er dasselbe noch einmal und stand da als Pferd mit goldener Mähne, und das war schwerer anzusehen, denn das Tier ließ sich am Zaum wegführen und wandte den Kopf nicht. Dafür bekam Iwan den Feuervogel im goldenen Käfig, und diesmal durfte er ihn anfassen, und er trug ihn mit beiden Armen aus dem Tor und wagte unterwegs nicht, ihn abzusetzen. In der Nacht darauf war der Wolf wieder da und legte sich ohne ein Wort ans Feuer.
So ritten sie heimwärts, Jelena auf dem Pferd mit der goldenen Mähne und Iwan mit dem Käfig vor sich. An der Stelle, wo der Wolf einst sein Pferd gefressen hatte, blieb er stehen. Hier höre ich auf, sagte er, weiter brauchst du mich nicht. Dann ging er zwischen die Stämme und war fort. Am Mittag legte Iwan sich in einem Feld ins trockene Gras, um eine Stunde zu schlafen, und Jelena setzte sich neben ihn und hielt Wache. Die Sonne stand tief und wärmte kaum noch.
Dort fanden ihn seine Brüder, die mit leeren Händen heimzogen. Sie sahen den Vogel und das Pferd und das Mädchen, und was dann geschah, geschah schnell und im hellen Tag. Danach nahmen sie alles an sich, teilten es unter sich auf und drohten Jelena, bis sie versprach zu schweigen. Iwan aber lag dreißig Tage im Feld, und der Schnee kam und legte sich über ihn, und die Raben kreisten und trauten sich nicht herunter. Über dem Feld war es die ganze Zeit still.
Dann kam der graue Wolf des Weges. Er sah, was war, und wartete, und als ein junger Rabe zu nahe herunterkam, hielt er ihn unter der Pfote fest. Die Rabenmutter setzte sich in einiger Entfernung hin. Bring mir das Wasser des Todes und das Wasser des Lebens, sagte der Wolf, dann bekommst du ihn wieder. Sie flog drei Tage weit und brachte zwei Fläschchen. Der Wolf sprengte das eine über ihn, und der Leib wurde heil, und dann das andere, und Iwan setzte sich auf.
Wie fest ich geschlafen habe, sagte er. Ohne mich schliefest du noch, sagte der Wolf, und zu Hause hält dein Bruder morgen Hochzeit mit Jelena. Setz dich auf. Er trug ihn über den gefrorenen Boden bis vor das Stadttor und ließ ihn dort ab. Im Schloss war schon alles geheizt und geschmückt, die Tische standen, und aus den Fenstern fiel Licht auf den Schnee im Hof, in langen gelben Streifen bis an die Mauer. Der Wolf wartete, bis Iwan durch das Tor war, und lief dann zurück.
Iwan trat in den Saal, und Jelena sprang auf und sagte laut, wie es gewesen war. Die Brüder brachten kein Wort heraus. Der Zar Wyslaw ließ sie noch am selben Abend in den Turm bringen, und danach wurde am Hof nicht mehr von ihnen gesprochen. Die Hochzeit, die für den Bruder gerichtet war, wurde an demselben Tag Iwans Hochzeit mit Jelena der Schönen. Im Garten aber stand der goldene Käfig unter dem Apfelbaum, und der Feuervogel drehte den Kopf und sah in den fallenden Schnee hinaus, und die Flocken, die in seinen Schein kamen, leuchteten kurz auf, ehe sie den Boden erreichten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.