Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen
Der erste Scheich und seine Gazelle
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über der Wüste so nah schienen, dass man sie mit ausgestreckter Hand hätte berühren können, da begab es sich, dass drei Scheichs auf einer mondbeglänzten Straße zusammentrafen, Männer, die das Schicksal zusammengeführt hatte, ohne dass sie es wussten. Der erste von ihnen führte an einem seidenen Band eine Gazelle mit sich, ein Tier von solcher Anmut, dass selbst die Kamele der Karawanen ihren Schritt verlangsamten, um es zu betrachten. Die Gazelle schritt ruhig neben dem alten Mann her, ihre dunklen Augen groß wie der Vollmond, ihre Hufe kaum hörbar auf dem kühlen Sand.
Wohin sie unterwegs waren und warum, das ist eine Geschichte für sich, doch diese Nacht, diese eine Nacht, gehört dem ersten Scheich allein. Denn als die drei Männer rasteten und das Feuer entzündeten und der Rauch der Weihrauchkörner langsam in den Himmel stieg, da fragte einer den anderen: Wer bist du, o Alter, und was verbindet dich mit dieser Gazelle? Und der erste Scheich, ein Mann mit einem Bart so weiß wie Jasminblüten und Augen, die viel gesehen hatten, lächelte ein stilles Lächeln und begann zu erzählen.
Wisse, o Weiser, sprach er, dass diese Gazelle einst ein anderes Wesen war, aus Fleisch und Blut wie du und ich, doch von einem Herzen, das sich von mir abgewandt hatte wie der Mond sich von der Erde abwendet, wenn der Morgen naht. Er strich der Gazelle über das weiche Fell zwischen den Ohren, und das Tier schloss für einen Moment die Augen, als erinnerte es sich selbst an vergangene Tage. Ich nahm sie zur Frau in meiner Jugend, als ich noch nicht wusste, was Geduld bedeutet und was Trauer. Die Geschichte, die er erzählte, war diese:
In jener fernen Zeit hatte der Scheich, damals noch ein junger Kaufmann, eine Frau geheiratet, schön wie der erste Stern des Abends, mit Augen so dunkel wie Dattelkerne und einem Lachen, das seine Karawanserei erfüllte wie der Duft von frisch gemahlenem Kardamom. Doch die Jahre vergingen, und ihr Leib blieb leer. Kein Kind kam, obwohl sie beteten und fasteten und Almosen gaben, obwohl sie die heiligsten Schreine besuchten und die weisesten Ärzte um Rat fragten. Der Kaufmann wartete, und er liebte seine Frau, doch seine Frau, die wartete ebenfalls, und in ihr Warten mischte sich mit jedem Jahr mehr Bitterkeit.
Und da geschah es, dass der Kaufmann auf einer seiner langen Reisen in eine andere Stadt kam, in der eine junge Dienerin seinen Weg kreuzte, still und bescheiden, mit einem Wesen so sanft wie Weizenmehl. Aus dieser Begegnung entstand ein Kind: ein Sohn, gesund und kräftig, mit denselben dunklen Augen des Vaters. Der Kaufmann brachte Mutter und Kind in sein Haus, denn er wollte sich dem Knaben nicht entziehen, und damit begann das Unglück, das er nicht vorhergesehen hatte.
Seine erste Frau, die er noch immer liebte, obwohl ihre Wege sich verschlungen hatten, nahm die Anwesenheit des Kindes wie ein Messer in ihr Herz. Sie lächelte nach außen und schwieg. Aber in ihrem Inneren, in jenen stillen Stunden, wenn das Haus schlief und nur die Öllampen flackerten, da fasste sie einen Entschluss. Sie hatte, ohne dass der Kaufmann es wusste, in den Jahren ihres Wartens und Leidens die alten Künste erlernt, jene flüsternden Weisheiten, die manche Frauen von ihren Müttern erben und die zwischen Heilung und Verwandlung stehen.
In einer Nacht, als der Kaufmann auf Reisen war, sprach seine erste Frau über dem schlafenden Knaben Worte, die nicht laut gesagt werden sollten, Worte, die aus einer Zeit stammten, bevor die Menschen Buchstaben kannten. Und als der Morgen kam, war der Knabe verschwunden. An seiner Stelle stand ein junges Kalb in der Mitte des Raumes, verwirrt und still, die Augen noch voll von jenem fernen Schlummer. Die Mutter des Knaben, die Dienerin, irrte weinend durch das Haus, suchte überall, verstand nicht, was geschehen war. Auch sie blieb nicht verschont:
Bald darauf war auch sie nicht mehr sie selbst, sondern eine Kuh, ruhig und geduldengefüllt, grasweidend im Hof, ohne Stimme für ihre Klage. Als der Kaufmann zurückkehrte und seine zweite Frau und seinen Sohn nicht fand, fragte er überall nach. Die erste Frau antwortete mit Tränen, sie seien fortgegangen, sagte sie, ohne ein Wort, ohne Abschied. Er glaubte ihr, denn er hatte keinen Grund, nicht zu glauben. Er trauerte, still, wie Männer trauern, wenn sie nicht wissen, worüber sie eigentlich weinen. Er warf sich in die Arbeit, in Reisen, in Karawanen, die ihn durch Wüsten und über Gebirge führten, und die Jahre gingen weiter, gleichgültig wie der Wind.
Nun gehörte zu seiner Herde ein Hirt, ein treuer, alter Mann mit einem Gesicht wie gegerbtes Leder und Augen, die über die Jahre so viel Vieh beobachtet hatten, dass er die Natur der Tiere kannte wie ein Gelehrter die Buchstaben. Dieser Hirt war es, der eines Tages zu seinem Herrn kam, sichtlich bewegt, die Hände vor der Brust gefaltet. O mein Herr, sprach er, ich muss dir etwas berichten, das ich selbst kaum glauben kann, und doch habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Der Kaufmann bat ihn zu sprechen, und der Hirt erzählte:
Er habe die Kuh, jene stille, geduldige Kuh, zum Weiden geführt, wie jeden Morgen. Doch als er nahte, um sie loszubinden, da habe sie geweint. Nicht wie ein Tier weint, mit bloßem Körper, nein, sie habe wirklich geweint, mit Tränen, die über ihre Wangen liefen, und ein Geräusch gemacht, das ihm durch Mark und Bein gegangen sei, so sehr habe es geklungen wie das Schluchzen eines Menschen. Der alte Hirt hatte sich bekreuzigt und Verse aus dem Heiligen Buch geflüstert, doch die Kuh hatte ihn angesehen, mit menschlichen Augen, sagte er, mit Augen, die ihn erkannten und baten.
Der Kaufmann hörte dies und schwieg lange. Etwas in ihm, eine Ahnung, ein fernes Echo, das er nicht benennen konnte, ließ ihn beschließen, selbst zu gehen. Und als er vor der Kuh stand und in ihre Augen sah, erkannte er sie. Er erkannte etwas darin, das ihm vertraut war wie der Duft seines eigenen Hauses, und er weinte selbst, ohne zu wissen warum, die Hände über dem Gesicht. Er sprach mit ihr, leise, und ihr war, als nickte das Tier, als verstehe es jedes Wort.
Kurz darauf kam das Opferfest. Der Kaufmann hatte beschlossen, ein Tier zu schlachten, und seine erste Frau hatte, mit einem feinen, kaum sichtbaren Lächeln, die Kuh vorgeschlagen. Doch der alte Hirt trat erneut vor seinen Herrn, diesmal mit seiner Tochter an der Seite, einem Mädchen mit klugen Augen, das von ihrer Mutter die alten Kenntnisse geerbt hatte, jene Weisheiten, die zwischen Natur und Verborgensein stehen. O mein Herr, sprach das Mädchen, lass mich diese Kuh betrachten, bevor das Messer fällt.
Das Mädchen trat zu der Kuh und sah sie lange an. Dann sprach sie mit einer Stimme, die ruhiger war als das Alter: Dies ist kein Tier. Dies ist ein Mensch, verwandelt durch die Künste jener, die das Verborgene kennen. Sie nannte den Namen der ersten Frau nicht, aber in ihren Augen lag ein Wissen, das keine weiteren Worte brauchte. Und dann,
in jener stillen Stunde, als das Abendlicht golden über den Hof fiel und die ersten Sterne erschienen, sprach das Mädchen Worte, andere Worte, Worte des Lösens und Öffnens, und die Kuh verschwand, und an ihrer Stelle stand die Dienerin, verwirrt, schwankend, die Hände tastend nach etwas Vertrautem. Der Kaufmann weinte abermals. Er ließ die Dienerin in sein Haus führen und pflegte sie, bis ihr Geist sich wieder gesammelt hatte. Doch das Kalb, der Sohn, war nicht mehr da, und das Mädchen sagte ihm mit gesenktem Blick: Ich kann auch ihn befreien, o mein Herr, doch er wird nie mehr ganz derselbe sein wie zuvor.
Die Verwandlung, die ihm widerfuhr, war zu früh, zu tief — er wird als Gazelle zurückkehren, ruhig und unverletzt, aber er wird Gazelle bleiben bis an sein Ende. Der Kaufmann saß lange still. Dann sprach er: So sei es. Besser eine Gazelle in Frieden als ein Kalb in Unrecht. Das Mädchen löste auch die letzte Verwandlung, und das junge Tier trat ins Licht, eine Gazelle von solcher Reinheit und Anmut, dass der Kaufmann die Hände faltete und lange nichts sagte. In ihren Augen, und dies war das Erschütterndste, lag ein Erkennen, ein Leuchten, das ihn ansah wie ein Sohn den Vater ansieht.
Er kniete nieder und legte die Stirn an ihr weiches Fell, und die Gazelle stand still und ließ es geschehen. Was aber die erste Frau betraf, jene, die all dies bewirkt hatte, so sprach das Mädchen ein letztes Wort, und auch diese Frau verwandelte sich: in eine Gazelle, dunkel und stumm, die der Kaufmann von nun an ebenfalls hütete. Denn er war kein Mann der Rache, sondern ein Mann der Geduld, und er hütete beide Tiere bis ans Ende seiner Tage, das eine mit Liebe, das andere mit jenem stillen Mitgefühl, das entsteht, wenn man lange genug gelebt hat, um zu verstehen, dass Schmerz und Unrecht oft denselben Wurzeln entspringen.
So endete der erste Scheich seine Erzählung, und das Feuer brannte leiser, und die Gazelle neben ihm legte ihren Kopf in seinen Schoß, als wollte sie bestätigen, dass alles, was er gesagt hatte, wahr war. Die Nacht war tief geworden, das Sternenzelt über ihnen weit und ruhig, und der Wind, der durch die Palmen strich, trug den schwachen Duft von Sandelholz und fernen Gärten.
Und wer in jener Nacht zugehört hätte, wer sich vorgestellt hätte, neben diesem Feuer zu sitzen, die Kühle des Sandes unter sich, den Geruch des Weihrauchs in der Luft, der hätte gespürt, wie die Müdigkeit sich wie ein warmer Mantel um seine Schultern legt, wie die Augen schwerer werden, wie die Stimme des alten Scheichs sich mit dem Rauschen des Windes vermischt und langsam, ganz langsam verklingt in die Stille dieser vollkommenen Nacht. Die Gazelle schlief, der Scheich schlief, und die Sterne zogen ihre Bahn über der Wüste, still und unveränderlich, wie sie es getan hatten seit dem ersten Tag der Schöpfung und wie sie es tun würden bis zum letzten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.