Frei nach Hans Christian Andersens Engelen · 5 Minuten zu lesen
Der Engel
Jedes Mal, wenn ein gutes Kind stirbt, kommt ein Engel Gottes auf die Erde herab, nimmt das Kind auf die Arme, breitet die großen weißen Flügel aus und fliegt mit ihm noch einmal über alle Orte, die das Kind liebgehabt hat. Und unterwegs pflücken die beiden eine ganze Hand voll Blumen, um sie mit hinauf in den Himmel zu nehmen, wo sie noch schöner weiterblühen als hier. Die Blume aber, die Gott am liebsten ist, die küsst er — und von dem Kuss bekommt sie eine Stimme und kann mitsingen in der großen Seligkeit.
Der Flug beginnt immer über den vertrauten Dächern. Ganz langsam steigt der Engel zuerst, damit das Kind noch einmal alles sieht: den Hof, in dem es gespielt hat, das Fenster der Großmutter, hinter dem immer Licht war, den Zaun, auf dem die Katze saß, den kleinen Garten. Sieh es dir ruhig an, sagt der Engel dann, du darfst dich umsehen, so lange du willst; wir haben keine Eile, wir haben von jetzt an nie mehr Eile. Und das Kind sieht hinunter, und komisch: Es ist kein bisschen traurig dabei. Von oben sieht alles aus, als winke es.
So erzählte es ein Engel Gottes, während er ein Kind gen Himmel trug, und das Kind hörte zu wie im Traum. Sie flogen über die Gegenden, in denen das Kind gespielt hatte, über Gärten voller Rosen und alter Bäume. Nimm den Rosenstock dort mit, bat das Kind, den mit den vielen Knospen — und der Engel nahm ihn, und sie nahmen auch Butterblumen mit und wilde Stiefmütterchen, denn auch das Einfache blüht im Himmel weiter. Nun haben wir Blumen, sagte das Kind, und der Engel nickte — aber er flog noch nicht hinauf.
Beim Rosenstock geschah etwas Besonderes: Der Engel nahm nicht nur die Blüten — er hob den ganzen Stock behutsam aus der Erde, mit allen Wurzeln und aller Erde daran. So macht er es mit dem, was ganz besonders geliebt worden ist: Das wird nicht gepflückt, das wird umgepflanzt. Droben, sagte der Engel, wächst er weiter, und du wirst sehen, dort blüht er das ganze Jahr.
Warum fliegen wir hier hinunter, fragte das Kind, als der Engel tiefer ging, hinab zwischen die hohen dunklen Häuser, wo die Gasse so schmal war, dass kaum der Abendhimmel hineinsah. Weil hier etwas liegt, das mit hinauf soll, sagte der Engel, und man muss dorthin gehen, wo es liegt; das Beste liegt selten am hellen Weg. Unten glänzte trübe der Rinnstein, es roch nach Kellern, und am Kehrichthaufen scharrte eine einsame Taube. Genau dorthin flog der Engel, so behutsam, als lande er in einem Garten.
Dort lag neben dem Kehricht ein zerbrochener Blumentopf und daneben ein Klumpen Erde, aus dem eine verwelkte Feldblume hing. Die nehmen wir mit, sagte der Engel, und während sie weiterflogen, will ich dir erzählen, warum.
Dort unten im Keller, sagte der Engel, wohnte einmal ein kranker Junge, der an Krücken ging und in manchem Sommer gar nicht hinauskonnte. Sein ganzer Garten war ein einziger Blumentopf auf dem Fensterbrett, darin eine kleine Feldblume, die ein Nachbarskind ihm gebracht hatte. Und darum kommt sie mit — denn diese kleine unscheinbare Blume hat mehr Freude geschenkt als die reichste Blume im Garten einer Königin.
Den ganzen Sommer stand die kleine Feldblume auf dem Fensterbrett im Kellerloch und tat still ihren großen Dienst. Der kranke Junge drehte ihr jeden Morgen als Erstes das Gesicht zu, und wenn der eine Sonnenstrahl kam — er kam immer erst am Nachmittag und blieb nie lange —, dann rückte die Mutter das Bett so, dass der Junge und die Blume beide etwas davon hatten. Für ihn war sie der ganze Sommer: Wald und Wiese und Garten in einem einzigen Topf. Er kannte jedes neue Blatt und begrüßte jede Knospe mit Namen, und wenn er nachts nicht schlafen konnte, sah er im Dunkeln dorthin, wo sie stand, und das genügte ihm. Man braucht nicht viel, um reich zu sein; man braucht nur etwas, das lebt und einen kennt.
Als der Junge dann nicht mehr da war, wurde es still in dem Kellerstübchen, und die Blume stand noch eine Weile am Fenster und blühte für niemanden. Aber ganz umsonst war auch das nicht, sagte der Engel: Die Mutter des Jungen sah sie jeden Morgen an, und es war ihr ein Trost, dass etwas von dem, was er liebgehabt hatte, noch da war und lebte. Erst als auch sie fortzog, kam der Topf mit dem Kehricht auf die Gasse. Ein trauriger Weg, könnte man meinen — aber du siehst ja: Genau dort haben wir sie gefunden. Es gehen wunderliche Wege durch die Welt, und die staubigsten führen manchmal am weitesten hinauf.
Woher weißt du das alles, fragte das Kind. Ich weiß es, sagte der Engel, denn ich war selbst der kranke Junge, der an Krücken ging. Meine Blume erkenne ich wohl. Da machte das Kind die Augen weit auf und sah in das schöne, frohe Gesicht des Engels — und im selben Augenblick waren sie im Himmel, wo Freude und Frieden war. Gott drückte die Blumen an sein Herz, aber die arme verwelkte Feldblume küsste er, und sie bekam eine Stimme und sang mit allen Engeln, die in großen, seligen Kreisen schwebten — und mit ihnen sang, ganz leise, ein gutes Kind und eine kleine Blume, die einmal in einem Kellerfenster gestanden hatte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.