Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Elverhøi · 3 Minuten zu lesen

Der Elfenhügel

Zwischen den alten Bäumen liefen ein paar Eidechsen flink über die Steine, und eine sagte zur anderen: Habt ihr das Rumoren im Elfenhügel gehört? Er steht seit zwei Nächten auf vier glühenden Pfählen und lüftet, und die Elfenmädchen lernen neue Tänze. Da ist etwas im Werk! So war es auch: Im Elfenhügel wurde ein großes Fest vorbereitet, und das alte Elfenmädchen, das dem Elfenkönig den Haushalt führte, lief mit dem Schlüsselbund von Kammer zu Kammer und wusste nicht, wo ihr der Kopf stand.

Der Nachtrabe wurde als Bote ausgeschickt und lud ein, was Rang und Flügel hatte: die Wassernixen, die nasse Steine zum Sitzen bekamen, damit sie sich wie daheim fühlten, das kleine Wichtelvolk aus den Nachbarhügeln und allerlei wunderliches altes Volk aus Moor und Wald, das man sonst das Jahr über nicht zu Gesicht bekommt. Der Anlass war kein geringer: Der alte Trollkönig aus dem hohen Norwegen hatte sich angesagt, vom Dovrefjell höchstpersönlich, mit seinen zwei Söhnen — und es hieß, er suche für die Söhne Bräute, und der Elfenkönig hatte sieben Töchter. Da konnte man sich ja ausrechnen, was für eine Nacht das werden würde.

Der Trollkönig kam mit Donnergepolter, eine Krone aus Eiszapfen auf dem Kopf und Bärenpelz um die Schultern, ein rauer, aber kein übler alter Herr. Seine Söhne freilich, zwei große Bengel, ließen die Manieren gleich am Eingang liegen: Sie legten die Füße auf den Tisch und fanden alles langweilig, was nicht krachte. Der Alte aber saß beim Elfenkönig, trank aus dem goldenen Becher und sah sich die sieben Töchter an, wie sie der Reihe nach ihre Künste zeigten: Die eine konnte sich unsichtbar machen wie ein Lufthauch, die zweite konnte ihren eigenen Schatten tanzen lassen, was bei Elfen etwas heißen will, die dritte verstand sich aufs Hauswesen und schmückte die Festhalle mit Johanniswürmchen aus, dass es funkelte wie ein grüner Sternenhimmel.

Die vierte spielte die goldene Harfe, dass sogar die beiden Bengel die Füße vom Tisch nahmen, ohne es zu merken. Die fünfte schwärmte von Bergen und Wasserfällen, die sechste sagte grundsätzlich nur die Wahrheit, was ihr die Achtung aller eintrug und wenig Tischnachbarn. Die siebente aber konnte erzählen — Geschichten ohne Ende, eine aus der anderen, wie Ringe im Wasser. Sie nahm die Hand des alten Trollkönigs und erzählte ihm zu jedem seiner fünf Finger ein eigenes Märchen, eines besser als das andere, und der Alte wurde stiller und stiller. Als sie beim Goldfinger angekommen war, an dem ein alter Ring saß, schloss er die Hand und sagte: Halt fest, was du hast — die Hand ist dein. Dich nehme ich selber zur Frau, die Söhne können warten, bis sie Manieren haben.

So wurde im Elfenhügel Verlobung gefeiert statt zweier, nur eine, aber die richtige. Die Erzählerin bekam den Trollkönig samt seinen Bergen, und es wurde beschlossen, die Hochzeit droben in Norwegen zu halten, wo die Wasserfälle die Musik machen. Getanzt wurde bis gegen Morgen, und das alte Elfenmädchen füllte die Becher und zählte im Stillen die silbernen Löffel, denn sie kannte ihre Gäste.

Dann krähte drüben im Dorf der erste Hahn, und da schloss sich der Hügel, leise, wie sich eine Blume schließt, und stand im Morgengrauen wieder da wie irgendein Hügel mit Gras und Steinen. Nur die Eidechsen wussten Bescheid und erzählten es dem Regenwurm, und der nickte zu allem, denn sehen konnte er ja nichts, aber Bescheid wissen wollte er trotzdem. So haben wir es von den Eidechsen — und die haben gute Augen und schweigen sonst zu allem, was die Hügel angeht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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