Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen
Der ehrliche Kaufmann und sein Lohn
Es begab sich, dass Harun ibn Salik am Rand des Basars einen schweren Lederbeutel fand, der zwischen den Steinplatten lag wie ein schlafender Vogel. Er hob ihn auf, wog ihn in der Hand — er war schwer, sehr schwer, und öffnete ihn kaum. Goldmünzen funkelten ihn an, mehr, als er in einem ganzen Jahr verdienen konnte. Kein Mensch war in der Nähe, die Gasse war leer, der Abend senkte sich bereits über die Minarette.
Ein anderer hätte den Beutel in seinen Gewändern verschwinden lassen und wäre schnellen Schrittes davongegangen. Harun ibn Salik setzte sich auf die Mauer neben dem Brunnen und wartete. Er wartete, bis die ersten Sterne erschienen und der Mond sich über die Dächer schob. Dann kam ein alter Mann durch die Gasse gelaufen, sein Gewand zerzaust, sein Gesicht bleich wie Kalkstein, die Augen weit aufgerissen vor Schrecken. Er tastete mit zitternden Händen die Mauern ab, murmelte leise Gebete und suchte, suchte mit der Verzweiflung eines Mannes, dem das Wichtigste verloren gegangen ist. Harun stand auf, trat auf den Alten zu und sprach ruhig: O mein Herr, sucht Ihr vielleicht dies? Und er hielt ihm den Beutel hin.
Der alte Mann stockte. Er starrte den Beutel an, dann Harun, dann wieder den Beutel. Langsam streckte er die Hände aus und nahm ihn, und als er ihn in den Fingern hielt, brach er in leise Tränen aus. Wisse, o Fremdling, sagte er mit einer Stimme, die zitterte wie ein Faden im Wind, dies ist das Geld meines Herrn, das mir anvertraut wurde, und hätte ich es verloren, wären meine Kinder ohne Dach und Brot gewesen. Wie kann ich dir danken?
Harun schüttelte den Kopf und lächelte. Kein Dank ist nötig. Jede Münze gehört ihrem rechtmäßigen Herrn. Doch der alte Diener, denn das war er, ein treuer Diener im Haus eines reichen Kaufmanns, ließ sich nicht abweisen. Er bat Harun, ihn zu begleiten, denn sein Herr, der Kaufmann Faruq al-Rashid, wünschte dem Mann zu begegnen, der seine Kasse zurückgebracht hatte. Harun folgte dem Alten durch gewundene Gassen, vorbei an Läden, in denen Öllampen golden schimmerten, vorbei an Brunnen, aus denen das Wasser leise sang, bis sie vor einem Tor aus dunklem Zedernholz standen, beschlagen mit Messingnieten, umrankt von blühendem Jasmin, dessen Duft süß und schwer in der Nachtluft hing. Das Haus dahinter war still und würdevoll.
Im Innenhof plätscherte ein Springbrunnen aus weißem Marmor, Granatapfelbäume standen in Kübeln aus gebranntem Ton, und auf einem breiten Diwan saß ein Mann mittleren Alters mit einem gepflegten Bart und Augen, die nachdenklich und gütig zugleich wirkten. Das war Faruq al-Rashid, der Kaufmann, dem der Beutel gehörte. Er erhob sich, als Harun eintrat, und sah ihn lange an, ohne zu sprechen, so wie man einen seltenen Stein betrachtet, den man noch nie zuvor gesehen hat. Du bist ein merkwürdiger Mann, sagte Faruq schließlich, und in seiner Stimme lag Wärme wie in einem gut geheizten Bad.
Die meisten Menschen hätten den Beutel genommen und wären verschwunden. Du aber hast gewartet, im Dunkeln, allein, ohne Zeugen. Warum? Harun dachte kurz nach und antwortete dann schlicht: Weil die Münzen nicht mir gehörten, o mein Herr. Was hätte ich mit Reichtum anfangen sollen, der mir wie ein Stein auf der Seele gelegen hätte? Faruq nickte langsam, als hätte er eine Antwort gehört, auf die er schon lange gewartet hatte. Er ließ Speisen und Tee bringen, und die beiden Männer saßen bis tief in die Nacht zusammen und sprachen.
Harun erzählte von seinem kleinen Handel mit Gewürzen, von den bescheidenen Gewinnen und den Jahren, in denen er kaum genug gehabt hatte, und Faruq hörte aufmerksam zu, ohne Ungeduld, ohne Herablassung. Es war das Gespräch zweier Männer, die einander auf Anhieb verstanden, obwohl sie doch so verschieden waren, der eine reich und angesehen, der andere arm und unbekannt. Und der Mond wanderte derweil still über den Hof, und die Granatäpfel leuchteten dunkelrot im Lampenlicht. Als Harun schließlich aufbrechen wollte, hielt ihn Faruq zurück.
Ich habe einen Vorschlag für dich, o ehrlicher Mann, sagte er. Mein bester Verwalter ist alt und krank und kann seinen Dienst nicht mehr versehen. Ich suche jemanden, dem ich vertrauen kann, nicht jemanden, der klug rechnet oder geschickt verhandelt, denn solche Männer finde ich leicht. Ich suche jemanden, der nicht stiehlt, wenn niemand schaut. Er lehnte sich vor und sah Harun an. Willst du? Harun ibn Salik öffnete den Mund, schloss ihn wieder und schwieg einen langen Moment.
Dies war kein kleines Angebot. Dies war ein Leben, das er sich nie erträumt hatte, Verantwortung, Sicherheit, ein Platz in einem großen Haus. Er dachte an seine knappe Kammer, an die langen Winter, an die Sorge um das tägliche Brot. Dann nickte er, langsam und ernst, wie ein Mann, der einen Eid ablegt. Ich will, sagte er. Und ich werde dir nie Anlass geben, diese Entscheidung zu bereuen.
In den folgenden Jahren erwies sich Harun ibn Salik als der treueste und besonnenste Verwalter, den Faruq al-Rashid je gehabt hatte. Die Kaufleute, die Geschäfte mit dem Haus machten, sprachen von ihm mit Achtung; die Diener liebten ihn, weil er gerecht und niemals hart war. Faruqs Geschäfte gediehen, seine Lager füllten sich, seine Karawanen kamen sicher zurück, und er selbst sagte oft zu Freunden: Mein größtes Glück war nicht das Gold, das ich gewann, sondern der Mann, der es mir zurückbrachte.
Harun selbst heiratete in jenem dritten Jahr, und Faruq schenkte ihm ein kleines Haus mit einem Garten, in dem Feigenbäume wuchsen und eine Weinrebe die Mauer entlangkletterte. Abends saß er manchmal auf der Schwelle, hörte dem Rauschen der Bäume zu und dachte an jenen Abend am Brunnen zurück, an den schweren Beutel in seiner Hand, an die leere Gasse, an die Stille, in der er einfach gewartet hatte.
Er hatte nie begriffen, warum die anderen so verwundert darüber gewesen waren. Es schien ihm die selbstverständlichste Sache der Welt. Und so lebte Harun ibn Salik, der ehrliche Kaufmann, in Frieden und Würde bis in sein hohes Alter, umgeben von Menschen, die ihn achteten, und von einer Stille, die keine Schuld und keine Lüge trübte, ruhig wie das Wasser eines Brunnens in einer Mondnacht, tief und klar und ohne Grund zu fürchten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.