Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen
Der Dschinn im Krug
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über den weißen Dächern der Küstenstädte standen und das Meer in der Nacht wie schwarze Seide glänzte, lebte am Rande eines kleinen Fischerdorfes ein alter Mann namens Abdallah. Er war arm, doch zufrieden, sein Netz war geflickt, sein Herz war ruhig, und jeden Morgen schritt er ans Wasser, bevor der erste Ruf des Muezzins die schlafende Welt erweckte. An einem solchen Morgen, als der Himmel noch zwischen Nacht und Dämmerung schwankte und der Horizont kaum zu erkennen war, warf Abdallah sein Netz aus.
Er spürte den vertrauten Widerstand des Wassers, die sanfte Strömung, die am Gewebe zog. Doch als er das Netz wieder einholte, war es schwer, schwerer als je zuvor. Er zog und zog, seine alten Arme zitterten, und schließlich lag das Netz am Ufer. Fische aber fand er darin keine. Stattdessen ragte ein Krug aus dem Geflecht hervor, bauchig und groß, aus grünem Glas gefertigt, das an den Rändern wie gefrorenes Meerwasser schimmerte, versiegelt mit einem Bleistöpsel, in den seltsame Zeichen geritzt waren.
Abdallah betrachtete den Krug lange. Er kannte die Geschichten der alten Männer am Hafen, Geschichten von Dingen, die das Meer hergab und die man besser wieder zurückwarf. Doch Neugier ist ein stiller, beharrlicher Gast, und so rieb er den Stöpsel mit dem Ärmel seines Gewandes sauber und las, soweit er lesen konnte, die eingeritzten Zeichen. Sie sprachen von einem Siegel, von Salomo, dem weisesten aller Könige, dem Herrn der Dschinni und Geister.
Langsam, mit beiden Händen, drehte er den Stöpsel los. Zuerst geschah nichts. Dann stieg ein dünner Faden Rauch auf, grau, dann golden, dann so dicht und dunkel wie eine Gewitterwolke. Der Rauch wuchs und quoll und türmte sich auf, bis er eine Gestalt annahm: riesig, schimmernd, mit Augen wie Lampen und einem Bart, der im Wind der eigenen Entstehung wogte. Es war ein Dschinn, uralt, mächtig, und er schaute auf den kleinen Abdallah hinab wie ein Berg auf ein Sandkorn schaut.
Ich preise Salomo!, donnerte die Stimme des Dschinn, und das Wasser am Ufer zitterte. Salomo, der Gerechte, der Mächtige, ich werde ihm meine Treue erweisen! Abdallah wich einen Schritt zurück, doch er fiel nicht. O mächtiger Geist, sprach er mit ruhiger Stimme, denn ein Fischer, der viele Stürme gesehen hat, kennt auch die Kunst der Stille inmitten des Donners, Salomo ist seit vielen hundert Jahren tot. Er ruht im Frieden Gottes.
Der Dschinn schwieg. Seine Augen, so groß wie Fackeln, wurden kleiner, und etwas Seltsames geschah in seinem Gesicht: ein Ausdruck, den man vielleicht Staunen nennen könnte, oder Trauer, oder beides zugleich. Er hatte in dem Krug geschlafen, seit Salomo ihn darin eingeschlossen hatte, eingeschlossen als Strafe für Ungehorsam, für Stolz, für Eigenwillen. Und nun, nach all dieser Zeit, war sein Bezwinger längst zu Staub geworden.
Die Welt, in die er zurückgekehrt war, kannte ihn nicht mehr. Abdallah ließ ihn schweigen. Er setzte sich auf einen Stein am Ufer und wartete, die Hände im Schoß, das Gesicht dem Meer zugewandt. Die Sonne begann langsam aufzusteigen, zuerst als rosafarbener Schimmer, dann als goldenes Leuchten, das sich über das Wasser legte wie ein seidenes Tuch. Der Dschinn schrumpfte langsam, nicht in seiner Macht, aber in seiner Aufgeregtheit, und ließ sich schließlich in der Luft nieder, als wäre er ein Kaufmann, der nach langer Reise endlich Rast gefunden hat.
Du hast mich befreit, sprach der Dschinn schließlich, und seine Stimme war nun ruhiger, tiefer, wie das Grollen eines fernen Gewitters. Wisse, o alter Mann, dass ich in meinen ersten Jahren im Krug schwor, jeden meiner Befreier mit unermeßlichem Reichtum zu belohnen. In meinen mittleren Jahren schwor ich, ihm drei Wünsche zu erfüllen. Doch als die Jahrhunderte vergingen und niemand kam, da schwor ich im Zorn, denjenigen zu töten, der mich herauslässt, und ihm selbst zu bestimmen, auf welche Weise er sterben soll.
Er sah auf Abdallah hinab. Das ist also das Los, das ich dir bestimmt habe. Abdallah nickte langsam. Er war ein alter Mann, der den Tod kannte wie einen Nachbarn — er hatte Freunde begraben, Frauen aus dem Dorf, die jung gestorben waren, Söhne von Fischern, die das Meer nicht zurückgegeben hatte. Er fürchtete sich nicht. Doch er war auch ein kluger Mann, und Klugheit, das wusste er, ist mächtiger als Stärke.
O großer Dschinn, sprach Abdallah ruhig, ich zweifle nicht an deiner Macht. Doch bevor du mich tötest, erlaube mir eine einzige Frage. Der Dschinn, der Neugier kannte wie alle Wesen, die viele Jahrhunderte gelebt haben, nickte. Wie ist es möglich, fragte der Fischer langsam, dass ein Wesen wie du, so groß, so mächtig, mit Augen wie Fackeln und einer Stimme wie Donner, in diesem kleinen Krug Platz gefunden hat? Dieser Krug reicht mir kaum bis zum Knie. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Der Dschinn lachte, ein Lachen wie rollende Steine, und sagte: Du zweifelst an meiner Macht? Ich werde es dir zeigen, o ungläubiger Alter! Und wie Rauch, wie Wasser, wie ein Traum, der zerrinnt, zog sich die gewaltige Gestalt zusammen, kleiner, kleiner, kleiner, bis sie wieder zu einem Faden wurde, dünn wie ein Atemzug, und in den grünen Krug glitt. Abdallah trat vor. Mit ruhigen, sicheren Händen setzte er den Bleistöpsel wieder auf den Krug.
Er drückte ihn fest, so fest er konnte, und die Zeichen Salomos leuchteten für einen Herzschlag lang auf, golden und still, bevor sie erloschen. Er stand lange am Ufer und hielt den Krug in beiden Händen. Das Meer rauschte. Möwen zogen ihre Kreise. Irgendwo im Dorf rief jemand nach dem Frühstück. Dann warf Abdallah den Krug weit hinaus ins Wasser, so weit, wie seine alten Arme es erlaubten, und sah zu, wie er zwischen den Wellen verschwand, hinab in die Tiefe, zurück in die Stille.
Er rollte sein Netz zusammen und schritt den Strand hinauf, zurück zum Dorf, zurück zu seinem kleinen Haus mit dem gekachelten Innenhof, wo ein Feigenbaum Schatten spendete und eine Katze auf der Mauer schlief. Er würde Tee kochen, dachte er. Und vielleicht würde er heute Nachmittag nicht mehr fischen. Manchmal, so hatte er gelernt, ist ein leeres Netz das größte Geschenk, das das Meer machen kann. Und so ruhte der Krug auf dem Grund des Meeres, und der alte Fischer ruhte im Schatten seines Feigenbaums, und über beiden wölbte sich der Himmel, weit und still und blau wie der Schlaf selbst.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.