Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen

Der Daumen des Ingenieurs

Unter all den Fällen, die ich, Doktor Watson, meinem Freund Sherlock Holmes zugetragen habe, gibt es nur wenige, die ich selbst als Erster zu Gesicht bekam. Einer davon war die seltsame Geschichte des jungen Ingenieurs. An einem frühen Sommermorgen, kurz nachdem ich meine ärztliche Praxis aufgenommen hatte, brachte man mir einen jungen Mann, der dringend ärztlicher Hilfe bedurfte. Er war bleich, erschöpft und sichtlich unter Schock, und seine Hand war notdürftig in ein blutiges Tuch gewickelt. Als ich es löste, sah ich, dass ihm der Daumen fehlte, eine frische, böse Wunde. Ich versorgte sie, so gut ich konnte, gab ihm etwas zur Stärkung, und als er sich ein wenig gefasst hatte, brachte ich ihn zu Sherlock Holmes, denn seine Geschichte schien mir höchst ungewöhnlich.

Der junge Mann nannte sich Victor Hatherley und war von Beruf Ingenieur, also ein Fachmann für Pressen und Maschinen, die mit Wasserdruck arbeiten. Bei Holmes, gestärkt durch eine Tasse Kaffee, erzählte er, was ihm widerfahren war. Tags zuvor, berichtete er, sei ein Fremder in sein Büro gekommen, ein hagerer, ernster Herr mit ausländischem Akzent, der sich Oberst Stark nannte. Dieser habe ihm einen höchst einträglichen Auftrag angeboten: Für eine einzige Nacht Arbeit solle er ein stattliches Honorar erhalten, fünfzig Goldstücke. Er solle eine hydraulische Presse begutachten und instand setzen, die auf einem abgelegenen Landgut stehe. Bedingung sei allerdings strengstes Stillschweigen über alles, was er dort sehe.

Das hohe Honorar lockte, und so willigte der junge Ingenieur ein. Man habe ihm gesagt, die Presse diene dazu, eine besondere Tonerde zu kostbaren Ziegeln zusammenzupressen, und dies geschehe nachts und im Verborgenen, um den Mitbewerbern das Geheimnis nicht zu verraten. Spät am Abend sei er mit der Bahn aufs Land gefahren, wo ihn an einem kleinen Bahnhof eine Kutsche erwartete. Die Fahrt sei lang und sonderbar gewesen: Im Dunkeln, mit verhängten Fenstern, sei der Wagen lange hin und her gefahren, hierhin und dorthin, sodass er am Ende keine Ahnung mehr hatte, wo er sich befand. Erst später begriff er, dass man ihn absichtlich im Kreis herumgeführt hatte, damit er die wahre Lage des Hauses nicht erkenne.

Am Ziel, einem stillen, dunklen Haus, sei er ins Innere geführt worden. Dort sei ihm eine ängstliche Frau begegnet, eine Ausländerin, die ihm im Vorübergehen mit gedämpfter, dringlicher Stimme zugeflüstert habe: Fliehen Sie, solange Sie noch können, verlassen Sie dieses Haus. Er habe es für die wunderliche Furcht einer Nervösen gehalten und sei geblieben. Man habe ihn zu der großen hydraulischen Presse geführt, einem mächtigen Gerät in einer engen Kammer mit niedriger Decke. Er habe den Schaden untersucht und auch gefunden. Dabei aber sei ihm ein metallischer Rückstand an der Maschine aufgefallen, der dort nicht hingehörte. Und mit dem geschulten Auge des Fachmanns habe er erkannt: Hier wurde keine Tonerde gepresst. Diese Presse diente einem ganz anderen, gesetzwidrigen Zweck — man stellte hier heimlich falsche Münzen her.

Unklugerweise habe er seine Entdeckung anklingen lassen. Da habe sich das Wesen des Obersten mit einem Schlag verwandelt. Mit kaltem Zorn habe der Mann ihn in der engen Kammer eingeschlossen, eben jener Kammer, deren Decke in Wahrheit der Pressstempel war. Dann habe er die Maschine in Gang gesetzt. Langsam, unerbittlich habe sich die schwere Decke gesenkt, tiefer und tiefer, und der Raum sei enger und enger geworden. In höchster Not habe der junge Ingenieur in der Wand ein schmales hölzernes Feld entdeckt, einen verborgenen Durchlass, und im letzten Augenblick habe er sich hindurchgezwängt, gerade als die Presse mit dumpfem Krachen zusammenfuhr. Dahinter sei jene ängstliche Frau gewesen, die ihm den Weg gewiesen und ihn zu einem Fenster geführt habe.

Er sei aus dem Fenster geklettert und habe sich am Sims hinabgelassen. Doch der ergrimmte Oberst sei ihm nachgesetzt und habe im Dunkeln mit einer schweren Waffe nach ihm geschlagen — und dabei habe er den Daumen verloren, mit dem er sich noch festhielt. Er sei in den Garten gestürzt, sei vor Schmerz und Schreck ohnmächtig geworden, und als er bei Tagesanbruch wieder zu sich kam, habe er sich, auf rätselhafte Weise, ganz in der Nähe jenes kleinen Bahnhofs wiedergefunden, von dem er am Abend aufgebrochen war. So sei er mit dem ersten Zug zurückgekehrt und zu mir gekommen. Das ist meine ganze Geschichte, Herr Holmes, schloss er erschöpft. Können Sie mir sagen, wo dieses schreckliche Haus liegt?

Holmes hatte mit größter Aufmerksamkeit zugehört. Ein lehrreicher Fall, sagte er. Bedenken wir: Sie meinten, die Kutsche sei stundenlang gefahren, doch der Bahnhof, an dem man Sie morgens wiederfand, war derselbe wie am Abend. Also kann das Haus gar nicht weit entfernt sein. Die lange Irrfahrt im Kreise diente nur dazu, Sie zu täuschen. Mit Karte und Zirkel und ein paar klugen Überlegungen grenzte Holmes rasch den Ort ein, an dem das Haus liegen musste. Und noch etwas, fügte er hinzu. Sie sagten, Sie hätten beim Entkommen eine Lampe umgestoßen. Eine offene Flamme, ausgelaufenes Öl, eine hölzerne Kammer — ich fürchte, dieses Haus brennt in dieser Stunde bereits lichterloh.

Holmes behielt recht. Gemeinsam mit der herbeigerufenen Polizei fuhren wir hinaus, und schon von Weitem sahen wir die Rauchsäule. Das einsame Haus stand in Flammen; die umgestürzte Lampe hatte es entzündet. Von den Münzfälschern aber, dem hageren Obersten, seinen Helfern und der ängstlichen Frau, fehlte jede Spur. Sie hatten in der Nacht, als ihr Geheimnis aufgeflogen war, in aller Eile das Weite gesucht und waren mitsamt ihrem unheilvollen Treiben verschwunden. Man fand nur die ausgebrannte Hülle des Hauses und die zerstörte Presse.

Der junge Ingenieur war sichtlich niedergeschlagen, dass die Übeltäter entkommen waren und er bei alldem noch seinen Daumen verloren hatte. Doch Holmes tröstete ihn auf seine trockene, freundliche Art. Sehen Sie es so, sagte er. Sie haben eine außergewöhnliche Geschichte erlebt und sind mit dem Leben davongekommen. Sie haben Erfahrung gewonnen — und eine Geschichte, die Sie für den Rest Ihres Lebens erzählen können. Das ist mehr, als manch einer von einer durchwachten Nacht heimbringt. Der junge Mann musste trotz allem lächeln, und mit diesem milden Trost und einer ordentlich versorgten Hand kehrte er heim.

So endete das nächtliche Abenteuer des jungen Ingenieurs, ein Schrecken, der gut überstanden war, und ein Geheimnis, das im Feuer verging. Nun ist alles vorüber, das Haus ist nur noch Asche, und über dem Land liegt wieder Frieden und Stille.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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