Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Der brennende Dornbusch

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann, der einst in einem fremden Palast aufgewachsen war und nun sein Leben unter dem weiten Himmel verbrachte. Er hieß Mose, und die Jahre hatten ihn verändert, aus dem jungen Mann, der in den Hallen Ägyptens gegangen war, war ein stiller Hirte geworden, geerdet und bedächtig, mit Händen, die nun den Hirtenstab kannten statt den Glanz der Großen. Er hatte eine Frau gefunden und ein neues Zuhause in einem Land namens Midian, und die Tage zogen ruhig dahin wie träge Wolken über einem Sommerhimmel.

Eines Morgens trieb Mose die Schafe seines Schwiegervaters über die Hügel, weiter als gewöhnlich, bis er an den Fuß eines hohen, alten Berges gelangte. Die anderen nannten diesen Berg den Berg Gottes, und er ragte still und majestätisch in den klaren Himmel, als wäre er schon seit Anbeginn der Zeit dort gestanden und hätte auf jemanden gewartet. Die Herde graste ruhig. Der Wind war warm. Und Mose schaute über die Weite des Landes und dachte an all das, was gewesen war.

Da geschah es. Mose hob den Blick und sah am Hang des Berges etwas, das er noch nie gesehen hatte. Ein Dornbusch brannte, aber er brannte nicht auf, wie ein Busch brennt, wenn trockenes Holz die Flamme trinkt und sich in Asche auflöst. Dieser Busch leuchtete und loderte, und doch blieb er unversehrt, grün und lebendig mitten im Feuer, als wäre das Licht in ihm und nicht gegen ihn. Mose blieb stehen. Er rieb sich die Augen. Er schaute noch einmal hin. Das Feuer tanzte still und ruhig, und kein Zweig schwand, kein Blatt verschwand.

Mose sprach leise zu sich selbst, so wie Menschen sprechen, wenn sie etwas nicht begreifen und die Stille um sie herum zu groß ist für bloßes Schweigen. Er sagte: ich will hinzutreten und dieses wunderbare Bild betrachten, warum brennt dieser Busch und wird nicht verzehrt? Und er trat näher. Schritt für Schritt, langsam, wie man sich nähert, wenn etwas Heiliges im Raum steht und die Luft um einen schwerer wird und zugleich leichter. Die Herde war fern. Die Welt war still. Nur das Licht des Busches warf einen sanften Schein auf den steinigen Boden zu seinen Füßen.

Und dann, als Mose nahe genug war, sprach eine Stimme seinen Namen. Sie kam aus dem Busch, aus dem Feuer, aus der Stille ringsum, eine Stimme, die warm war und zugleich unendlich weit, eine Stimme wie ein Klang, der schon immer in der Welt gewesen war und nun endlich gehört werden wollte. Mose, Mose. Und Mose antwortete, mit dem schlichten Wort, das Menschen sagen, wenn sie innehalten und sich ganz wenden: Hier bin ich.

Da sprach die Stimme zu ihm: Tritt nicht näher heran. Löse die Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliger Boden. Und Mose tat es. Er bückte sich langsam und löste die Riemen, und als er wieder aufstand und den Boden unter seinen nackten Sohlen fühlte, den warmen Stein, die feine Erde, da war es, als stände er zum ersten Mal wirklich auf dieser Welt, als hätte er sie nie zuvor wirklich berührt. Er wandte sein Gesicht zur Seite und verbarg es, denn eine tiefe Scheu hatte ihn ergriffen, eine Ehrfurcht, die nicht aus Angst kam, sondern aus dem Staunen vor etwas ganz und gar Großem.

Die Stimme sprach weiter, ruhig und bestimmt, wie ein Fluss, der seinen Weg kennt. Sie sprach von einem Volk, das fern in Ägypten lebte, einem Volk, das litt, das sich unter schwerer Last beugte und dessen Seufzen bis in den Himmel gestiegen war. Die Stimme sagte: Ich habe das Leid meines Volkes gesehen. Ich habe seinen Schmerz gehört. Ich kenne seine Not. Und nun bin ich herabgekommen, es zu befreien und in ein Land zu führen, weit und fruchtbar, ein Land voller Verheißung. Mose stand und lauschte, und jedes Wort fiel tief in ihn hinein.

Dann aber kam das, was Mose nicht erwartet hatte. Die Stimme wandte sich ihm zu, persönlich und nah: Und nun, geh. Ich sende dich zu dem großen König Ägyptens. Du sollst mein Volk herausführen. Mose schwieg einen langen Augenblick. Der Wind strich über den Berg. Die Schafe blökten fern. Und in Mose regte sich etwas, kein Trotz, aber ein echtes, tiefes Staunen über sich selbst, ein Zweifel, der aus Bescheidenheit kam und nicht aus Kälte.

Er sprach leise: Wer bin ich, dass ich das tun sollte? Wer bin ich, vor den großen König zu treten und ein ganzes Volk aus einem mächtigen Land herauszuführen? Er war ein Hirte. Er hatte Schuhe getragen, die jetzt im Staub lagen. Er hatte vierzig Jahre auf diesen Hügeln gelebt, fern von Palästen und Macht. Die Stimme antwortete schlicht und ohne Zögern: Ich werde bei dir sein. Das war alles. Aber in diesen wenigen Worten lag eine Festigkeit, die schwerer wog als jedes Versprechen, das Mose je gehört hatte.

Mose sprach noch einmal. Er fragte: Wenn ich zu deinem Volk gehe und sie mich fragen, wer dich gesandt hat, was soll ich ihnen sagen? Wie lautet dein Name? Und die Stimme aus dem Feuer gab eine Antwort, die nicht wie eine gewöhnliche Antwort klang, sondern wie ein Geheimnis, das sich öffnet, ohne sich ganz zu enthüllen. Sie sprach: Ich bin, der ich bin. Sage ihnen: Der Ich-bin-der-Ich-bin hat mich zu euch gesandt. Ich bin der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs. Das ist mein Name in alle Ewigkeit.

Mose stand und ließ diese Worte in sich einsinken. Der Dornbusch leuchtete noch immer, ruhig und unversehrt, ein stilles Feuer in der großen Weite des Morgens. Die Stimme sprach noch von dem, was kommen würde, von einer langen Reise, von einem Aufbruch, von einem Weg durch Wüsten und Meere. Aber Mose hörte all das wie von weitem, denn in ihm war etwas geschehen, das sich nicht in Worte fassen ließ, etwas, das wie eine Tür war, die sich leise geöffnet hatte.

Er hob die Schuhe auf und band sie wieder an die Füße. Er wandte sich der Herde zu. Die Schafe grasten noch immer, gleichmütig und satt, als wäre nichts geschehen. Aber Mose wusste, dass alles anders war. Der Berg stand hinter ihm, alt und schweigend wie eh und je. Der Dornbusch war erloschen, oder war er vielleicht niemals erloschen? Mose schaute nicht mehr zurück.

Er schritt den Hang hinunter in den neuen Tag, und seine Schritte waren ruhig und fest, und der Morgen öffnete sich weit vor ihm. Und so begann, auf einem stillen Berg in der Wüste Midians, an einem Morgen wie viele andere Morgen, etwas Großes und Unvergängliches, mit einem Mann, einem Busch, einer Stimme aus dem Feuer und der stillen, unerschütterlichen Gewissheit: Du bist nicht allein.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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