Nach Arthur Conan Doyle · 7 Minuten zu lesen
Der blaue Karfunkel
Es war in den ruhigen Tagen kurz nach Weihnachten, als ich, Doktor Watson, meinen Freund Sherlock Holmes besuchte, um ihm ein frohes Fest zu wünschen. Ich fand ihn behaglich auf dem Sofa, in seinen Hausmantel gehüllt, und neben ihm hing an einem Haken ein arg ramponierter alter Filzhut. Holmes betrachtete ihn nachdenklich durch sein Vergrößerungsglas. Ein kleines Rätsel, Watson, sagte er heiter. Harmlos, aber hübsch.
Er erzählte mir, wie der Hut zu ihm gekommen war. Am frühen Weihnachtsmorgen sei ein Dienstmann namens Peterson, ein redlicher Bursche, durch die Straßen gegangen. Dabei habe er gesehen, wie ein großer Mann mit einer prächtigen Weihnachtsgans über der Schulter mit ein paar Rüpeln aneinandergeriet. Im Gerangel sei dem Mann der Hut vom Kopf gefallen, und als er mit seinem Stock zur Wehr ging, habe er aus Versehen eine Schaufensterscheibe getroffen. Erschrocken sei er davongelaufen und habe dabei sowohl die Gans als auch den Hut zurückgelassen. Der ehrliche Peterson habe beides aufgehoben und es Holmes gebracht, in der Hoffnung, der könne den Besitzer ausfindig machen.
An der Gans war ein kleines Schildchen befestigt, sagte Holmes, mit den Worten: Für Frau Henry Baker. Auch im Hut stehen die Buchstaben H und B. Henry Baker also, nur gibt es in dieser großen Stadt hunderte Männer dieses Namens. Holmes amüsierte sich damit, allein aus dem alten Hut allerlei über seinen Träger zu schließen: dass der Mann einst bessere Tage gesehen habe, nun aber verarmt sei; dass er ein kluger Kopf sei; dass er ergraut sei und in letzter Zeit wenig Glück gehabt habe. Mir kam das verblüffend vor, doch als Holmes es erklärte, die Größe des Hutes, der gute, aber alte Stoff, der Staub, klang alles ganz einfach und vernünftig.
In diesem Augenblick stürzte der Dienstmann Peterson herein, ganz außer Atem und mit glänzenden Augen. Die Gans, Herr Holmes, rief er. Meine Frau hat sie eben zubereiten wollen — und sehen Sie nur, was sie im Kropf des Tieres gefunden hat! Er öffnete die Hand, und auf seiner Handfläche funkelte ein Edelstein von tiefem, leuchtendem Blau, klein, aber von wunderbarer Schönheit, der das Licht in tausend Funken brach. Holmes setzte sich kerzengerade auf und pfiff leise durch die Zähne. Beim Zeus, Peterson, das ist ein Fund! Wissen Sie, was Sie da in der Hand halten?
Es war, wie sich zeigte, der berühmte blaue Karfunkel, ein kostbarer Edelstein, der erst vor wenigen Tagen einer hohen Dame, der Gräfin von Morcar, in einem vornehmen Hotel gestohlen worden war. In allen Zeitungen habe man darüber gelesen, sagte Holmes, und eine hohe Belohnung sei ausgesetzt. Ein Klempner namens John Horner, der im Hotel gearbeitet hatte, sei als Dieb verhaftet worden, da man ihn verdächtigte. Und nun, sagte Holmes nachdenklich, liegt dieser Stein plötzlich im Kropf einer Weihnachtsgans, die ein gewisser Henry Baker auf der Straße verloren hat. Das, Watson, ist ein hübsches Garn, das es zu entwirren gilt.
Zunächst galt es, Henry Baker zu finden. Holmes gab eine kurze Anzeige in den Abendblättern auf: Man möge den verlorenen Hut und eine Gans bei ihm abholen. Und tatsächlich erschien am Abend ein großer, ergrauter Mann mit gebeugten Schultern und freundlichem, etwas wehmütigem Gesicht: Henry Baker. Holmes empfing ihn höflich, gab ihm den Hut zurück und bot ihm, da die ursprüngliche Gans längst zubereitet sei, eine andere, frische Gans als Ersatz an. Herr Baker war sichtlich erleichtert und dankbar. Von einem Edelstein wusste er offenkundig nichts; er sprach nur von dem schönen Festtagsbraten, den er verloren glaubte.
Beiläufig fragte Holmes, woher er die Gans denn gehabt habe. Aus dem Gasthaus zum Alpha, ganz in der Nähe des Museums, sagte Baker arglos. Dort haben einige von uns übers Jahr ein paar Pfennige in einen Gänse-Klub eingezahlt, und zu Weihnachten bekam jeder seine Gans. Er dankte noch einmal herzlich und ging zufrieden mit seiner neuen Gans davon. Ein ehrlicher Mann, ganz ohne Schuld, sagte Holmes. Doch die Spur führt weiter. Kommen Sie, Watson, der Abend ist jung.
Wir gingen zum Gasthaus zum Alpha und sprachen mit dem Wirt. Der erzählte, die Gänse für seinen Klub habe er von einem Händler namens Breckinridge auf dem großen Marktplatz bezogen. Also weiter zum Markt, wo die Stände sich allmählich für die Nacht leerten. Wir fanden den Händler Breckinridge, einen mürrischen Mann, der auf Fragen nach seinen Gänsen zunächst sehr ungehalten reagierte; offenbar hatten ihn an diesem Tag schon andere danach gelöchert. Holmes aber lockte ihn mit einer kleinen, scherzhaften Wette aus der Reserve, und so verriet der Händler im Eifer doch, woher die Tiere stammten: von einer Frau Oakshott, die draußen eine kleine Geflügelzucht betreibe.
Während wir noch dort standen, kam ein kleiner, schmächtiger Mann herbeigeeilt, ganz aufgeregt, und fragte den Händler atemlos nach eben jenen Gänsen. Breckinridge fuhr ihn unwirsch an, und der kleine Mann wandte sich enttäuscht ab. Holmes trat ruhig an ihn heran. Sie suchen nach diesen Gänsen, fragte er freundlich. Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Der Fremde fuhr zusammen und sah ihn mit ängstlichen Augen an. Kommen Sie, sagte Holmes sanft, hier auf der Straße friert man. Lassen Sie uns an einem warmen Ort darüber sprechen.
Der kleine Mann, der sich James Ryder nannte, folgte uns kleinlaut bis in die Baker Street. Dort, im Schein des Kaminfeuers, brach es schließlich aus ihm heraus. Er sei Angestellter in jenem Hotel gewesen, in dem der Stein der Gräfin verschwand. Er habe von dem kostbaren Karfunkel gewusst, und in einem schwachen Augenblick habe ihn die Gier überwältigt. Er habe den Stein an sich gebracht und es so eingerichtet, dass der Verdacht auf den unschuldigen Klempner Horner fiel. Dann aber sei ihm angst und bange geworden, wohin mit dem heißen Fund.
In seiner Not, erzählte Ryder mit zitternder Stimme, sei er zu seiner Schwester gefahren, eben jener Frau Oakshott, die Gänse hielt. Dort habe er heimlich einer Gans den Stein in den Kropf geschoben, in der Absicht, das Tier später in Ruhe zu schlachten und den Karfunkel wieder herauszuholen. Doch beim Greifen habe er die Tiere verwechselt; die Gans mit dem Stein sei mit den anderen zum Markt gewandert, ehe er es merkte. Seither sei er verzweifelt auf der Suche, von der Schwester zum Händler, vom Händler hierher, immer der falschen Spur nach. Nun sank er in sich zusammen und barg das Gesicht in den Händen, ein Bild des Elends und der Reue.
Sherlock Holmes saß lange schweigend da und betrachtete den zitternden kleinen Mann. Dann tat er etwas, das mich überraschte und doch zutiefst rührte. Gehen Sie, sagte er ruhig und öffnete die Tür. Gehen Sie hinaus und kein Wort mehr. Ryder starrte ihn ungläubig an, dann stammelte er einen Segenswunsch und floh hinaus in die Nacht, als könne er sein Glück nicht fassen. Vielleicht mache ich mich damit zum Helfershelfer, sagte Holmes nachdenklich, aber ich glaube es nicht. Sehen Sie, Watson, dieser Mann ist zu Tode erschrocken. Er wird nie wieder etwas Unrechtes tun; die Angst dieser Tage hat ihn fürs Leben geheilt. Sperrte ich ihn ein, machte ich aus ihm vielleicht erst einen wirklichen Verbrecher.
Und der unschuldige Horner, fragte ich. Um ihn ist mir nicht bange, sagte Holmes. Ohne den Stein und ohne Ryders Aussage zerfällt die Anklage gegen ihn in nichts; er wird freikommen. Holmes ließ den blauen Karfunkel sanft in seiner Hand funkeln und legte ihn dann beiseite, um ihn der Gräfin zurückzugeben. Es ist die Zeit der Vergebung, Watson, sagte er leise und lächelte. Sehen wir es als unseren kleinen Beitrag zum Fest. Der Zufall hat uns ein sonderbares Rätsel beschert, und es ist mir eine Freude gewesen, es zu lösen. Mehr Lohn brauche ich nicht.
So endete die wundersame Geschichte vom blauen Karfunkel und der Weihnachtsgans, eine Geschichte, die mild und versöhnlich ausklingt, wie es sich für die stillen Tage geziemt. Das Feuer im Kamin wärmt noch leise, draußen liegt der Schnee, und alles ist friedlich.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.