Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Der Bau des großen Tempels

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, voller Weinberge und Olivenhaine, die sich über sanfte Hügel erstreckten, da hatte ein junger König einen Traum. Dieser König hieß Salomo, und er hatte bereits bewiesen, dass in ihm eine Weisheit wohnte, tiefer als die Brunnen des Landes, stiller als die Nächte über dem Jordantal. Doch es war ein anderes Versprechen, das er in seinem Herzen trug, ein Versprechen, das sein Vater David ihm hinterlassen hatte, wie ein Samenkorn, das auf fruchtbare Erde fällt. Sein Vater hatte es sich so sehr gewünscht: ein Haus für den Ewigen, mitten in Jerusalem, auf dem Berg, den alle sehen konnten.

Und so begann Salomo, diesen Wunsch zu erfüllen. Es war im vierten Jahr seiner Regentschaft, als das große Werk seinen Anfang nahm. Der Ort war der Berg Morija, ein Hügel über der Stadt, wo der Wind immer ein wenig kühler wehte als in den Gassen unten, wo der Blick weit über das Land schweifte, bis zu den fernen blauen Hügeln. Salomo schaute auf diesen Ort, und er wusste: Hier soll es stehen. Hier, wo Himmel und Erde einander am nächsten sind.

Salomo schickte Boten in alle Himmelsrichtungen. Er wandte sich an Hiram, den König von Tyrus, der im Norden am großen Meer regierte, wo die mächtigen Zedern standen, deren Duft man noch meilenweit in der Abendluft riechen konnte. Hiram war dem Vater Davids stets in Freundschaft verbunden gewesen, und diese Freundschaft lebte nun weiter zwischen den Söhnen. Die Boten brachten Worte hin und her, und es entstand ein Bund: Holz vom Libanon, das schönste Zedernholz der Welt, würde auf Schiffen durch das Meer getragen und dann zu Lande nach Jerusalem gebracht werden.

Man sandte zehntausend Mann in die Berge des Libanon, Monat um Monat, in Schichten, einen Monat dort in der Ferne, zwei Monate daheim. Die Männer arbeiteten in der Stille der Wälder, und das Klingen ihrer Beile hallte zwischen den Felsen wider wie ein langsames, geduldiges Lied. Die Zedern fielen sanft, Baum um Baum, und wurden sorgfältig zu Stämmen gebunden, die auf dem Wasser trieben. So reisten die Bäume des Nordens in den Süden, zu einem Ort, den sie nie gekannt hatten, um Teil von etwas zu werden, das größer war als sie selbst.

Auch Steinmetze wurden berufen, Tausende und aber Tausende, die in den Steinbrüchen des Landes arbeiteten. Doch es geschah etwas Merkwürdiges und Schönes zugleich: Alle Steine wurden bereits im Steinbruch so behauen und geformt, dass man sie auf dem Berg in Jerusalem ohne das Geräusch eines einzigen Meißels zusammenfügen konnte. So wollte es Salomo. Die Stätte des Tempels sollte still sein, ruhig, frei von Lärm. Und so war es, die mächtigen Blöcke wurden transportiert, gehoben, gesetzt, und das Haus wuchs in der Stille empor, Stein auf Stein, wie von unsichtbaren Händen gefügt.

Es waren über siebzigtausend Träger, über achtzigtausend Steinmetze, dreitausend Aufseher, eine ganze Welt in Bewegung, alle für denselben einzigen Zweck. Und doch, wenn man abends auf dem Hügel stand und über das Tal schaute, war es nicht die Menge der Menschen, die einem den Atem nahm. Es war die Stille des Ortes selbst, als würde der Berg Morija warten, geduldig und würdevoll, auf etwas, das ihm seit langer Zeit versprochen war.

Das Innere des Tempels war von einer Schönheit, die die Sprache kaum fassen kann. Die Wände wurden mit Zedernholz verkleidet, von oben bis unten, und in das Holz schnitten die Handwerker Bilder von Palmen und aufgeblühten Blüten, von Blattranken, die sich ineinander schlangen wie die Fäden eines langen, geduldigen Lebens. Kein Stein blieb sichtbar, alles war warm und duftend, alles war Holz und Gold. Denn über das Zedernholz legte man dünne Platten aus reinem Gold, und das Licht der Lampen spielte darin wie Sterne in einem stillen Wasser.

Das Allerheiligste, der innerste Raum des Tempels, war ein vollkommener Würfel aus Zedernholz und Gold. In ihm standen zwei Figuren mit ausgebreiteten Flügeln aus Olivenholz, die Flügel so weit gespannt, dass sie die gesamte Breite des Raumes füllten. Unter diese Flügel sollte einmal die Bundeslade kommen, jene heilige Truhe, in der die Tafeln des Gesetzes ruhten, die Mose einst vom Berg gebracht hatte. Und so berührten die Flügel die Wände, und der Raum war erfüllt von einer Stille, die schwerer war als Gold.

Vor dem Tempel standen zwei mächtige Säulen, aus Bronze gegossen, so hoch, dass ein Mensch ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihren Abschluss zu sehen. Sie hatten Namen, diese Säulen, als wären sie lebende Wesen, und wer durch sie hindurchschritt auf dem Weg in das Haus, der trat aus einer Welt in eine andere. Dahinter öffnete sich ein Vorhof, breit und luftig, mit einem großen ehernen Becken auf zwölf steinernen Rindern, gefüllt mit Wasser, und dem Altar, und dem Geruch von Zedernholz und alten Steinen.

Sieben Jahre dauerte der Bau. Sieben Jahre, in denen die Jahreszeiten kamen und gingen, in denen Kinder aufwuchsen und alte Menschen starben, in denen der Regen das Land tränkte und die Sonne es wieder trocknete. Sieben Jahre lang stieg jeden Morgen der Duft der Zedern den Hügel hinauf in den hellen Himmel. Und dann, an einem Tag, der wie alle anderen begann, war das Werk vollendet.

Salomo ließ die Ältesten des Landes kommen, alle Häupter der Stämme, alle, die Verantwortung trugen. Sie trugen die Bundeslade herauf, den langen Weg vom Zelt, wo sie gelebt hatte, hinauf auf den Hügel. Die Priester trugen sie mit ruhigen, gemessenen Schritten, und die Menge schwieg. Man schlachtete Opfertiere so zahlreich, dass niemand sie zählen konnte, nicht aus Blutlust, sondern aus dem tiefen Wunsch, zu geben, was man geben konnte, alles zu geben, was man hatte. Und als die Bundeslade schließlich in das Allerheiligste gebracht wurde und die Priester den Raum verließen, da füllte sich der Tempel mit etwas, das kein Mensch beschreiben konnte.

Eine Wolke, dicht und leuchtend zugleich, zog durch den Tempel, so dass die Priester nicht aufrecht stehen konnten darin. Es war wie der Atem des Himmels, der durch die Zedern strich. Die Menschen draußen hielten inne, schauten, und schwiegen. Dann trat Salomo vor das Volk. Er breitete die Hände aus zum Himmel und sprach mit einer Stimme, die ruhig war und voller Schwere zugleich.

Er sprach davon, dass kein Haus groß genug sein kann, um das Unermessliche zu fassen, dass der Himmel und der Himmel der Himmel es nicht fassen, wie sollte es dieses Haus können? Und doch, so sprach er, möge dieser Ort ein Ort des Hörens sein. Ein Ort, an den man kommen kann mit allem, was einen drückt, mit Schuld und Sehnsucht, mit Dankbarkeit und Bitte. Möge von hier aus etwas antworten, was größer ist als alle Mauern.

Das Fest dauerte viele Tage. Es gab Musik und Gesang, und die Menschen saßen zusammen unter dem offenen Himmel, und das Feuer leuchtete weit in die Nacht. Alte Männer erinnerten sich an das, was ihr Vater ihnen erzählt hatte, und junge Frauen hielten ihre Kinder auf dem Arm und schauten hinauf zu dem Haus auf dem Hügel, das nun im Mondlicht stand wie ein ruhiges Versprechen. Keiner wollte nach Hause. Es war einer jener seltenen Abende, an denen man weiß, dass etwas Bleibendes entstanden ist.

Und als die Nächte kühler wurden und die Menschen in ihre Häuser zurückkehrten, da stand der Tempel auf dem Berg Morija und wartete. Morgen für Morgen fiel das erste Licht des Tages auf seine goldenen Wände, und die Stadt darunter erwachte langsam, und Hirten trieben ihre Herden an ihm vorbei, und Kinder zeigten mit dem Finger auf ihn und fragten ihre Mütter, was das sei. Und die Mütter antworteten leise, mit einem Lächeln, das keine weiteren Worte brauchte. So stand das Haus, still und golden, hoch über dem Land, ein Ort des Innehaltens mitten im Lauf der Tage, erbaut aus Zedern und Gold und sieben Jahren geduldiger Arbeit, und aus dem stillen Wunsch eines Vaters, den sein Sohn erfüllt hatte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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