Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Der barmherzige Samariter

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, zog ein Mann eine Straße entlang, die sich durch die Hügel von Jerusalem nach Jericho schlängelte. Es war eine alte Straße, steil und steinig, durch Schluchten und Felsen gehauen, und die Sonne brannte heiß auf den hellen Kalk herab. Der Mann trug sein Bündel auf dem Rücken, und seine Sandalen schlugen im gleichmäßigen Takt auf den trockenen Boden.

Doch an diesem Tag brachte die Straße dem Reisenden kein Glück. Zwischen zwei felsigen Erhebungen, wo der Weg schmal wurde und die Schatten tief lagen, trat das Unglück ihm entgegen. Als der Mann weiterzog, war er am Ende seiner Kräfte und lag allein am Rand der Straße, in der Stille der Mittagshitze. Die Felsen warfen harte Schatten, und kein Wind rührte sich. Nur das Summen der Stille war zu hören und das ferne Rufen eines Vogels hoch oben am blauen Himmel.

Und es geschah, dass ein Priester dieselbe Straße entlangkam. Er trug seine Gewänder, und sein Schritt war gemessen und würdevoll, wie es seiner Stellung entsprach. Er kannte diese Straße gut, hatte sie viele Male beschritten auf dem Weg zum Tempel und wieder zurück. Als er den Mann am Boden liegen sah, verlangsamte er für einen Augenblick seinen Schritt, und sein Blick streifte die hilflose Gestalt. Dann aber trat er auf die andere Seite der Straße und schritt weiter, ohne anzuhalten, ohne zurückzublicken, und seine Sandalen trugen ihn davon in den Staub.

Nicht lange danach kam ein zweiter Wanderer des Weges. Dieser Mann entstammte dem Volk der Leviten, den Hütern des Tempels, und er lebte in Gott zugewandter Stille und kannte die Schriften auswendig, Zeile für Zeile. Auch er sah den Mann am Wegrand liegen, und auch er blieb stehen für einen kurzen Moment, der schwer war von Ungewissheit. Er betrachtete die reglose Gestalt, und etwas in ihm zog sich zusammen. Doch auch er schritt auf die andere Seite und ließ den Mann zurück, allein in der weißen Hitze des Tages.

Dann, als die Sonne schon tiefer stand und das Licht goldener wurde über den Felsen, kam ein dritter Mann die Straße herunter. Er war ein Samariter, und das bedeutete in jenen Tagen, dass er aus einem Volk stammte, das die Menschen von Jerusalem nicht zu den ihren zählten. Zwischen beiden Völkern lag eine alte Kälte, gewachsen über viele Generationen, und ein Samariter auf dieser Straße war manch einem ein Fremder, dem man misstraute. Doch dieser Mann trug in seiner Brust kein Misstrauen, sondern das, was stärker ist als alle alten Trennungen: ein Herz, das sehen konnte, was vor ihm lag.

Als er den Mann am Wegrand erblickte, da hielt er inne. Nicht für einen Augenblick des Zögerns, sondern weil ihn das, was er sah, aufhielt wie eine Hand, die ihn sanft am Arm fasste. Er stieg von seinem Tier herab, und seine Schritte führten ihn geradewegs zu dem Liegenden, ohne Umweg, ohne Zögern, als kenne er gar keinen anderen Weg. Er kniete nieder auf dem Staub der Straße, unbekümmert um seine Kleider, unbekümmert um die Zeit, die verging.

Mit ruhigen Händen beugte er sich über den Verletzten und versorgte seine Wunden, so gut er vermochte. Er nahm aus seinen Vorräten, was er hatte, und goss es mit Sorgfalt auf die wunden Stellen. Dann hob er den Mann behutsam auf sein eigenes Tier, stützte ihn mit dem Arm, damit er nicht falle, und führte es langsam den Weg weiter, Schritt um Schritt, durch das goldene Nachmittagslicht.

An einem Gasthaus am Ende des Weges klopfte der Samariter an und bat den Wirt um ein Zimmer für den Verletzten. Er bettete den Mann auf ein Lager und wachte eine Weile still bei ihm, bis dieser ruhig schlief. Am nächsten Morgen, als das erste Licht durch die kleinen Fenster fiel und die Luft noch kühl war, sprach er mit dem Wirt und legte Geld in seine Hand, genug für viele Tage Pflege. Sorge für ihn, sagte er, und wenn du mehr brauchst als dieses hier, so werde ich es dir geben, wenn ich zurückkomme.

Dann zog er weiter auf seiner Reise, in den noch jungen Morgen hinein, und hinter ihm lag die Herberge still im Schatten des Hügels. Er hatte keinen Namen hinterlassen, keine Erklärung, kein Wort, das auf Dankbarkeit wartete. Er hatte getan, was ihm das Herz befahl, und das war ihm genug. Und derjenige, der diese Geschichte erzählte, fragte am Ende nur leise: Wer von diesen dreien war dem Verletzten ein Nächster? Die Antwort liegt nicht in den Schriften, nicht in den Gewändern, nicht in der Herkunft eines Menschen. Sie liegt dort, wo der Samariter sich niederkniete: im Staub der Straße, neben dem, der Hilfe brauchte.

Und so senkt sich die Nacht über das Land zwischen Jerusalem und Jericho. Die Felsen kühlen langsam aus, und die ersten Sterne erscheinen über den Hügeln, einer nach dem anderen, als würden sie behutsam entzündet. Irgendwo in der Herberge schläft ein Mann und weiß noch nicht, wer ihm half. Und irgendwo auf einer Straße reitet ein Samariter in die Dunkelheit, und sein Herz ist still und ruhig wie ein Brunnen in der Tiefe. Die Geschichte, die er hinterließ, ist älter als sein Name, und wird erzählt, solange Menschen einander begegnen auf den Straßen dieser Erde.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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