Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Der Bärenhäuter
Der Krieg war zu Ende, und der Soldat ging über eine Heide, auf der noch der Reif des Morgens lag. Sein Handwerk hatte im Schießen bestanden, und dafür wurde jetzt niemand mehr gebraucht. Bei seinen Brüdern hatte er angeklopft, und sie hatten die Tür nur einen Spalt weit aufgemacht und gesagt, sie könnten ihn nicht brauchen. Nun saß er unter einem Ring von Bäumen, die Hände zwischen den Knien, und sah zu, wie sein Atem in der kalten Luft stehen blieb.
Auf einmal stand ein Mann vor ihm in einem grünen Rock, und der Fuß, mit dem er auftrat, war kein menschlicher Fuß. Ich weiß schon, was dir fehlt, sagte der Grüne. Geld und Gut sollst du haben, so viel du magst. Vorher aber muss ich wissen, ob du dich fürchtest. Der Soldat antwortete, Soldat und Furcht seien zwei Dinge, die schlecht zusammenpassten. Da knackte es hinter ihm im Holz. Ein Bär kam zwischen den Stämmen hervor und richtete sich auf.
Der Soldat legte an und schoss dem Tier auf die Schnauze, und der Bär fiel und blieb liegen. Mut hast du, sagte der Grüne, doch es gehört noch etwas dazu. Sieben Jahre lang darfst du dich nicht waschen, dir Bart und Haar nicht kämmen, die Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten. Stirbst du in dieser Zeit, so bist du mein. Bleibst du am Leben, so bist du frei und reich für alle Tage danach. Der Soldat dachte an den Frost und an die Türen, die man ihm zugemacht hatte, und sagte ja.
Der Grüne zog den Rock aus und reichte ihn hin. Wenn du in diese Tasche fährst, sagte er, ziehst du die Hand jedes Mal voll Geld wieder heraus. Dann streifte er dem Bären das Fell ab und legte es dem Soldaten über die Schultern. Das ist dein Mantel, sagte er, und dein Bett dazu, denn in keinem anderen darfst du schlafen. Und weil du dieses Kleid trägst, sollst du der Bärenhäuter heißen. Danach war er fort. Der Soldat stand allein auf der Heide, zum ersten Mal seit langem warm und schwer wie ein Stein.
Das erste Jahr ging noch an. Er wusch sich nicht, aber er ging viel im Regen, und das half eine Weile. Im zweiten Jahr sah er aus wie ein Untier. Das Haar hing ihm über das Gesicht, der Bart war ein grober Filz geworden, in dem Stroh und Grannen hängen blieben, an den Fingern wuchsen die Nägel krumm und dick, und auf den Wangen lag so viel Erde, dass darauf Kresse gewachsen wäre. Am schwersten waren die Nächte im Fell. Es roch süßlich und alt, und es juckte ihn überall dort, wo er nicht hinkam.
Wer ihm auf der Straße begegnete, machte einen weiten Bogen, und die Kinder liefen ein Stück vor ihm her und riefen hinter Zäunen hervor. In den Dörfern hielt man ihm die Türen zu, bis er die Hand aus der Tasche zog. Weil er aber den Armen Geld gab, damit sie für ihn beteten, und weil er alles doppelt bezahlte, fand er trotzdem immer ein Dach über dem Kopf, meistens einen Stall. Dort legte er sich in das Fell und zählte nicht die Tage, sondern die Winter, weil die leichter voneinander zu unterscheiden waren.
Im vierten Jahr kam er in ein Wirtshaus, wo ihn der Wirt nicht nehmen wollte, nicht einmal im Stall, weil die Pferde scheuten. Erst als der Bärenhäuter in die Tasche griff und eine Handvoll Goldstücke auf den Tisch legte, bekam er eine Kammer im Hinterhaus. In der Nacht hörte er durch die dünne Wand jemanden weinen. Er ging hinüber und fand einen alten Mann, der saß am Tisch und rang die Hände, und vor ihm lag ein Zettel mit allem, was er schuldig war.
Wenn es weiter nichts ist, sagte der Bärenhäuter, daran soll es nicht fehlen. Er rief nach dem Wirt, zahlte die Schuld und schob dem Alten dazu einen Beutel voll Gold in die Tasche. Der wusste nicht, wie er danken sollte, und sagte, komm mit mir heim, ich habe drei Töchter, und eine davon sollst du zur Frau haben. Wenn sie hört, was du für mich getan hast, wird sie nicht nein sagen. Wunderlich siehst du ja aus. Aber das bringt sie schon wieder in Ordnung.
Die älteste sah ihm ins Gesicht, schrie auf und lief zur Tür hinaus. Die zweite blieb stehen, betrachtete ihn von oben bis unten und sagte, was solle ihr ein Mann, der keine menschliche Gestalt mehr habe, da sei ihr der geschorene Bär lieber gewesen, den man einmal durch die Stadt geführt habe. Die jüngste aber sagte, lieber Vater, das muss ein guter Mensch sein, der dir aus der Not geholfen hat. Hast du ihm dafür eine Braut versprochen, so muss dein Wort auch gehalten werden.
Da zog der Bärenhäuter einen Ring vom Finger, und weil die vier Jahre den Ring nicht geschont hatten, brach er ihn mit einem Ruck entzwei, und es gab dabei einen kleinen hellen Ton. Die eine Hälfte gab er ihr. In seine ritzte er ihren Namen und in ihre den seinen, und er bat sie, das Stück gut aufzuheben. Der Ring war noch warm von seinem Finger, als sie ihn in die Hand nahm, und die Bruchkante war scharf. Drei Jahre muss ich noch wandern, sagte er. Komme ich dann nicht, so bist du frei, denn dann bin ich tot.
Sie trug ihr halbes Ringlein an einem Band um den Hals und ging von da an in Schwarz. Nimm dich in acht, sagte die älteste, gibst du ihm die Hand, schlägt er die Krallen hinein. Und die zweite sagte, Bären lieben das Süße, und wenn du ihm schmeckst, frisst er dich, und immer wirst du tun müssen, was er will, sonst fängt er an zu brummen. Das Mädchen antwortete nichts darauf und sah zum Fenster hinaus. Auf dem Brunnenrand lag der Schnee wie eine weiße Mütze, und darunter ging das Wasser weiter, das man nicht sah und nur hörte, wenn alles still war.
Als die sieben Jahre herum waren, ging der Bärenhäuter zurück auf die Heide, dorthin, wo die Bäume im Ring standen, und setzte sich wie damals ins Gras. Es dauerte nicht lange, da fuhr ein Wind durch das Gras, und der Grüne stand da und machte ein saures Gesicht, denn anhaben hatte er ihm nichts können. Er hielt ihm den alten Rock hin, aber der Bärenhäuter sagte, so weit sind wir noch nicht, erst sollst du mich reinigen. Da musste der Grüne, ob er wollte oder nicht, Wasser holen und ihn waschen, ihm das Haar kämmen und die Nägel schneiden. Danach sah der Mann aus wie ein Soldat nach der Parade und schöner als jemals zuvor. Dann gab er dem Grünen den grünen Rock zurück und zog seinen alten an, und das Fell blieb im Gras liegen.
In der Stadt kaufte er sich einen Rock aus Samt, setzte sich in einen Wagen mit vier weißen Pferden und fuhr vor das Haus des Alten. Niemand erkannte ihn. Der Vater hielt ihn für einen vornehmen Herrn und führte ihn in die warme Stube zu seinen Töchtern. Die beiden älteren setzten sich rechts und links von ihm, schenkten ihm ein und trugen auf, was das Haus hatte. Die jüngste saß ihm gegenüber in ihrem schwarzen Kleid, hob die Augen nicht und sprach kein Wort.
Als er sich an den Vater wandte und um eine der drei Töchter anhielt, sprangen die beiden auf und liefen in ihre Kammer, um sich zu putzen. So war er mit der Jüngsten allein. Er ließ sein halbes Ringlein in ein Glas Wein fallen und reichte es ihr über den Tisch. Sie trank, und als sie unten das Metall liegen sah, fing ihr Herz an zu schlagen. Sie zog das Band vom Hals und legte die beiden Stücke nebeneinander auf das Tuch, und die Bruchstellen fanden sich, als hätte es nie einen Bruch gegeben.
Ich bin dein Bräutigam, sagte er, den du als Bärenhäuter gesehen hast. Nun habe ich meine Gestalt wieder und bin wieder rein. Er ging um den Tisch herum und nahm sie in den Arm. Da kamen die Schwestern zurück in ihrem besten Staat und hörten, wer der fremde Herr war, und liefen vor Zorn hinaus in den kalten Abend, ohne die Tür hinter sich zuzumachen. Was aus ihnen wurde, erzählte man in der Stadt noch lange, aber immer nur mit halber Stimme und nie vor den Kindern.
Später klopfte es einmal an der Tür, und draußen stand ein Mann im grünen Rock und sagte, er habe nun zwei bekommen statt einer, und ging über den Hof davon, und man sah ihn dort nie wieder. Drinnen blieb es still. Das schwarze Kleid hing über der Lehne des Stuhls, das Feuer war heruntergebrannt und glühte nur noch, und auf dem Tisch lagen im letzten Licht die beiden Hälften des Ringes so dicht beieinander, dass man nicht mehr sagen konnte, wo die eine aufhörte und die andere anfing.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.