Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Der Auszug aus Ägypten
Und es geschah in jenen fernen Tagen, als das Land Ägypten sich weitete wie ein goldenes Tuch zwischen Wüste und Strom, dass ein altes Volk sich bereit machte aufzubrechen. Es war ein Volk, das lange in der Fremde gelebt hatte, das Generationen um Generationen in diesem fremden Land aufgewachsen war, unter fremden Göttern, unter fremdem Himmel. Und nun war die Zeit gekommen, von der die Alten geflüstert hatten, wenn die Nacht tief war und die Kinder schliefen: die Zeit der Heimkehr. Mose, der Mann mit dem Stab in der Hand und der schweren Vergangenheit im Herzen, stand vor einer Aufgabe, die größer war als er selbst.
Er war zu dem Herrscher Ägyptens gegangen, wieder und wieder, wie ein Bote, der seinen Auftrag nicht vergessen kann. Und schließlich, nach all den langen Tagen und schweren Nächten, nach allem, was über das Land gekommen war wie ein Sturm über das Meer, öffnete sich ein Weg. Der Herrscher ließ sein Herz los, das er so lange festgehalten hatte wie ein Fels das Wasser hält, und er sprach: Geht. Zieht fort. Nehmt euer Vieh und eure Kinder und zieht hin, wohin ihr müsst.
Und da geschah etwas, das kein Mensch so schnell vergisst. Noch in derselben Nacht, in der Dunkelheit, bevor der Morgen seine erste goldene Linie an den Horizont zeichnete, begann ein ganzes Volk, seine Häuser zu verlassen. Die Frauen banden ihre Bündel zusammen. Die Männer riefen die Tiere zusammen. Die Kinder wurden warm eingehüllt und trugen, was sie tragen konnten. Und die Alten stützten sich auf ihre Stäbe und gingen, obwohl ihre Beine müde waren und ihre Herzen voller Erinnerungen an ein Leben, das nun hinter ihnen lag.
Es war keine leise Nacht. Tausende von Schritten hallten durch die alten Straßen. Tausende von Stimmen flüsterten und murmelten. Das Vieh trappelte über den Boden, und Kinder weinten leise, ehe sie von ihren Müttern beruhigt wurden. Und doch lag über diesem Aufbruch etwas, das schwer in Worte zu fassen ist: eine tiefe, feierliche Stille im Innern der Menschen, so als trügen sie alle dasselbe Geheimnis mit sich, das ihnen niemand gestohlen hatte.
Man sagt, sie hätten etwas Leuchtendes gesehen in jener Nacht, das vor ihnen herzog wie ein Zeichen, wie eine Säule aus Feuer, die den Weg wies durch die Dunkelheit. Ob es ein Feuer war oder ein Licht oder etwas, wofür es keine Worte gibt, die Menschen folgten ihm. Sie gingen durch die Nacht, und das Licht war bei ihnen. Es war, als wäre jemand mitgegangen, unsichtbar und dennoch spürbar, wie ein warmer Atemzug im Dunkeln.
Die Wüste empfing sie schweigend. Der Sand war kühl in jenen frühen Morgenstunden, und die Sterne standen noch tief am Himmel, als das erste Grau des Morgens am Rand der Welt erschien. Mose ging an der Spitze, und er dachte an all die Jahre seines Lebens: die Jahre im Palast, die Jahre als Hirte in der Fremde, die Jahre, in denen er sich selbst nicht kannte. Und er dachte an den Moment am brennenden Busch, der ihm den Weg gezeigt hatte, ohne dass er ihn wählen musste — er hatte ihn einfach gehen lassen, und er war gegangen.
Das Volk zog aus. Ein ganzes Volk zog aus. Frauen, die seit Jahren dieselbe Straße entlanggegangen waren, gingen nun eine andere. Männer, die ihr Leben lang unter dem Befehl anderer gearbeitet hatten, hoben nun die Köpfe und sahen den Horizont. Kinder, die nur Ägypten kannten, liefen neben ihren Vätern und fragten: Wohin gehen wir? Und die Väter antworteten: In das Land, das uns verheißen wurde. Und die Kinder nickten, obwohl sie noch nicht wussten, was Verheißung bedeutet. Aber sie spürten es in der Stimme ihrer Väter.
Die Sonne stieg auf hinter ihnen, warm und groß, und warf lange Schatten vor die Füße der Ziehenden. Die Wüste war weit und trocken, und die Luft roch nach Staub und nach Ferne. Doch die Menschen gingen. Sie sangen manchmal, leise, alte Lieder, die ihre Mütter sie gelehrt hatten und deren Mütter sie gelehrt hatten, Lieder über Hoffnung und Heimkehr und den langen Weg, der immer endet. Und in diesen Liedern lag etwas Tröstliches, etwas, das schwerer war als Worte und doch leichter als jede Last.
Der Weg war weit. Die Wüste hatte kein Ende, das man mit den Augen sehen konnte. Und doch gingen sie weiter, Schritt um Schritt, wie das Wasser einen langen Weg findet, ohne zu wissen, wohin es fließt, und dennoch ankommt. Es war ein Vertrauen, das nicht laut war. Es war kein Vertrauen des Triumphes oder der Gewissheit. Es war das stille Vertrauen des nächsten Schrittes: Ich gehe, weil ich gehen kann. Ich gehe, weil vor mir jemand mitgeht.
Und irgendwo in der Mitte dieser großen, wandernden Menschenschar gingen Kinder, die ihre kleinen Hände in die Hände ihrer Eltern gelegt hatten. Sie schauten auf die Wüste und sahen nicht die Erschöpfung und nicht die Weite, sondern die Steine, die glitzerten, und den Himmel, der blau war wie nichts, das sie je gesehen hatten. Und vielleicht ist es so, dass es immer die Kinder sind, die das Wunder zuerst sehen.
Der erste Tag verging. Die Sonne sank. Das Volk rastete dort, wo das Land sich senkte und der Wind nachließ, und die Menschen machten Feuer und wärmten ihre Hände und sahen in die Flammen. Und Mose saß abseits und schaute zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Ägypten war nicht mehr zu sehen. Nur die Wüste. Nur der Himmel. Nur die Sterne, die langsam hervorkamen, eine nach der anderen, bis der Himmel voll war von ihrem leisen Licht.
Und es war still. Eine tiefe, weite Stille, wie sie nur in der Wüste zu finden ist, wenn der Tag sich gelegt hat und die Nacht noch jung ist. Das Volk schlief unter diesem Sternenhimmel, müde und geborgen zugleich, wie Kinder, die nach einem langen Spiel nach Hause gefunden haben. Und der Morgen würde kommen, und mit ihm der nächste Schritt, und dann der übernächste. Der Weg war lang. Aber er war begonnen. Und manches Mal ist der Beginn das Größte, was ein Mensch tun kann. So zog das Volk durch die Nacht und durch den Morgen, durch den Sand und durch die Zeit, dem Licht entgegen, das vor ihnen herging.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.