Nach griechischer Überlieferung · 5 Minuten zu lesen
Der Aufstieg des Zeus und der neue Olymp
In jenen Tagen, nachdem der große Krieg gegen die Titanen sein Ende gefunden hatte und die Welt wieder in Stille lag, standen die Götter auf dem Gipfel des Olymp und blickten hinab auf alles, was nun ihnen gehörte. Die Erde hatte aufgehört zu zittern, das Meer hatte sich geglättet, und der Himmel war so klar und blau wie noch nie zuvor. Kronos schlief tief im Tartaros, die anderen Titanen mit ihm, und niemand zweifelte daran, wer nun die Welt regierte. Doch bevor das neue Zeitalter beginnen konnte, musste es eine Ordnung geben, und die Ordnung begann mit einer Wahl.
Zeus, Poseidon und Hades traten zusammen und losten unter sich auf, wie es die alte Sitte verlangte. Zeus erhielt den Himmel mit all seinen Winden und Wolken, seinem Licht und seinem Donner. Poseidon empfing das Meer, die weiten, dunklen Gewässer, die Stürme und die Stille, die Riffe und die Tiefen. Hades aber zog das Los der Unterwelt und trat hinab in das Reich der Schatten, wo die Seelen der Verstorbenen wohnten wie Blätter im Herbstwind. Die Erde selbst und der Olymp blieben allen dreien gemeinsam, doch war Zeus der Erste unter ihnen, der Vater der Götter und Menschen, der Hüter der Ordnung.
Nun begann der Aufbau des Olymp. Die Hallen, die dort oben entstanden, waren aus Wolken und Licht geformt, aus Gold und weißem Stein, der keiner irdischen Quelle entstammte. Hephaistos, der kunstfertige Gott des Feuers, hämmerte und schmiedete, und unter seinen Händen wuchsen Säulen empor, die kein Erdbeben erschüttern konnte. Die Böden schimmerten wie ruhiges Wasser, die Decken öffneten sich zum ewigen Blau, und in der großen Halle stand der Thron des Zeus, gefertigt aus einem Holz, das nie vermoderte, beschlagen mit Silber und dem Glanz unsterblicher Flammen. Die anderen Götter kamen und nahmen ihren Platz ein, jeder dort, wo seine Natur ihn hinzog.
Hera, die große Göttin, thronte neben Zeus als seine Gemahlin, schön und erhaben und wachsam wie ein Adler. Athene, die eulenäugige, trat in ihrer Rüstung ein und setzte sich mit dem ruhigen Ernst jener, die mehr denken als sprechen. Apollon brachte seine Leier mit, und als er die ersten Saiten berührte, füllte Musik die Hallen des Olymp auf eine Weise, die kein Sterblicher je gehört hat und je hören wird. Artemis, seine Zwillingsschwester, liebte den Olymp weniger als die wilden Wälder und die monderhellten Berghänge, aber auch sie kam und nahm ihren Platz ein, die silberne Bogenherrin, deren Pfeil niemals sein Ziel verfehlte.
Ares brachte den Geist des Kampfes mit, groß und laut, und Aphrodite trat ein wie ein Morgenwind vom Meer, dort, wo sie ging, schienen die Blumen aufzublühen, und selbst die steinernen Säulen wirkten wärmer. Hermes, der geflügelte Bote, war überall und nirgends zugleich, huschte durch die Korridore und lachte sein leichtes Lachen. So versammelten sich die zwölf großen Götter des Olymp, und Zeus sprach zu ihnen mit einer Stimme, die leise war und dennoch durch alle Hallen hallte: Wir sind nicht hier, um zu herrschen wie Kronos herrschte, mit Angst und Verschlingung. Wir sind hier, um die Welt zu hüten.
Doch die neue Ordnung wurde nicht ohne Widerstand errungen. Gaia, die uralte Erde, war nicht unzufrieden mit dem Fall der Titanen, aber sie hatte auch den Giganten das Leben gegeben, jene gewaltigen Wesen aus Stein und Feuer, die nun das Erbe der Titanen beanspruchten und gegen den Olymp aufbegehrten. Der Gigantenkrieg brach los wie ein Gewitter, das sich lange angekündigt hatte, und der Olymp erzitterte ein zweites Mal. Die Giganten waren anders als die Titanen, roher, wilder, schwerer zu bezwingen. Es hieß, kein Gott allein könne sie besiegen, sondern nur ein Gott gemeinsam mit einem Sterblichen. Zeus blickte auf die Erde hinab und sah Herakles, seinen Sohn, der stärker war als jeder Mensch vor ihm.
Er rief ihn herbei, und Herakles kämpfte Seite an Seite mit den Göttern. Einer nach dem anderen fielen die Giganten, manche in die Tiefe des Meeres gebannt, manche unter Inseln begraben, die seitdem manchmal noch zittern, wenn der alte Zorn in ihnen erwacht. Als auch dieser Sturm vorübergezogen war, kehrte Stille ein auf dem Olymp, eine andere Stille als zuvor, reifer, gefestigter.
Zeus saß auf seinem Thron und ließ den Blick hinabwandern über die Erde, über die Meere und die Küsten, über die weißen Tempel, die die Menschen begannen zu errichten, und über die kleinen Feuer in den Dörfern, die nachts leuchteten wie Spiegelungen der Sterne. Die Götter hatten ihre Plätze eingenommen, ihre Aufgaben, ihre Heiligtümer. Apollon sprach in Delphi durch die Lippen seiner Priesterin, Athene wachte über die Städte der Menschen, Poseidon ließ das Meer atmen und stürmen nach seinem Willen.
Demeter sorgte dafür, dass das Korn wuchs und die Erde fruchtbar blieb, und Hephaistos schmiedete unermüdlich in seiner Esse tief unter den Vulkanen. Der Olymp war nun das, was er für alle kommenden Zeitalter bleiben sollte, ein Ort über den Wolken, weit weg und doch nah, spürbar in jedem Sonnenaufgang, in jedem Gewitter, in jedem stillen Moment, wenn der Mensch den Kopf hebt und zum Himmel schaut. Und Zeus, der Wolkenversammler, der als Kind auf Kreta geschlafen hatte, während die Kureten ihre Schilde schlugen, hielt nun die Welt in seinen Händen, nicht als Last, sondern wie ein alter Hirte seinen Stab hält: mit Vertrautheit, mit Stärke und mit der ruhigen Gewissheit dessen, der weiß, wo er hingehört.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.