Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Der Aufbruch von Troja und das Land der Lotosesser

In jenen alten Tagen, als der Krieg um Troja endlich verstummt war und die Flammen der großen Stadt in den Abendhimmel stiegen, standen die Sieger am Strand und blickten aufs Meer. Odysseus, der listenreiche König von Ithaka, sammelte seine Männer um sich, zwölf Schiffe stark, mit Ruderern und Kriegern, die zehn lange Jahre fern ihrer Heimat gedient hatten. Ithaka wartete auf sie, die Frauen, die Kinder, die Olivenhaine und die weißen Mauern ihrer Häuser. Das Meer aber lag vor ihnen, breit und dunkel, und kein Mensch wusste, was es zwischen ihnen und der Heimat noch bereithielt.

Die Schiffe stachen in die Nacht hinaus, die Ruder schlugen gleichmäßig ins weinrote Wasser, und die Sterne standen klar über dem offenen Meer. Die Männer sprachen wenig in jenen ersten Stunden. Zu viel lag hinter ihnen, zu viele Jahre, zu viele Gefährten, die nicht zurückkehrten. Odysseus stand am Bug seines Schiffes und hielt den Blick nach Norden gerichtet, dorthin, wo irgendwo Ithaka lag, seine Insel, seine Frau Penelope, sein Sohn Telemachos. Doch die Götter hatten andere Pläne für den listenreichen König, und der Weg, der ihn heimführen sollte, würde sich winden wie kein anderer.

Der Wind trug die Flotte zunächst nach Norden, wo die Küste der Kikonen lag, ein Volk, das mit Troja im Bunde gestanden hatte. Die Männer des Odysseus gingen an Land und nahmen, was sie fanden, Vorräte und Güter für die lange Reise. Doch Odysseus trieb sie zur Eile an, denn er kannte den Sinn solcher Rast, und sein Herz sagte ihm, dass Verzug Gefahr bedeutete.

Manche seiner Männer hörten nicht auf ihn. Sie lagerten am Strand, aßen und tranken bis tief in die Nacht, und als der Morgen graute, kamen die Kikonen in großer Zahl zurück, verstärkt durch Nachbarn und Verbündete. Es gab einen Zusammenstoß, und die Griechen mussten zu ihren Schiffen fliehen. Sechs Männer von jedem Schiff blieben zurück auf dem Sand, zweiundsiebzig Gefährten, die keinen Heimweg mehr haben würden. Der Preis der Unachtsamkeit war gezahlt.

Sie ruderten hinaus auf das offene Meer, die Trauer noch schwer in den Gliedern, da erhob sich ein Sturm von Zeus, dem Wolkenversammler, so stark und plötzlich, dass die Segel zerrissen und die Masten stöhnten. Zwei Tage und zwei Nächte trieben die Schiffe vor dem Wind, ohne Kurs, ohne Richtung, den Männern die Ruder aus den Händen gerissen. Das Meer war kein stilles Abendwasser mehr, sondern eine dunkle Macht, die die kleinen Holzrümpfe schüttelte wie Zweige im Wind, und der Himmel war schwarz von Wolken, ohne Stern, ohne Mond. Odysseus ließ die Männer aneinander binden, damit niemand über Bord ging, und wartete.

Am dritten Morgen legte sich der Sturm so plötzlich, wie er gekommen war. Das Meer glättete sich, die Sonne brach durch, und die Männer sahen, dass sie weit vom Kurs abgetrieben worden waren. Kein vertrautes Vorgebirge, kein bekanntes Inselufer. Vor ihnen lag eine fremde Küste, sanft und grün, mit niedrigen Hügeln im Abendlicht und einem Strand aus hellem Sand. Odysseus ließ ankern und schickte drei Männer als Kundschafter vor, zuverlässige Männer, die er kannte, ruhig und bedächtig. Sie sollten erkunden, wer dieses Land bewohnte und ob die Bewohner freundlich gesinnt waren.

Das Land gehörte den Lotosessern, einem Volk, das friedlich und still lebte, fernab von Krieg und Streit. Sie empfingen die drei Griechen ohne Feindseligkeit, boten ihnen Wasser und Schatten und legten ihnen die Frucht des Lotos vor, süß und schwer, von einer Süße, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Die drei Männer aßen, und etwas in ihnen löste sich. Die Erinnerung an Troja verblasste. Die Erinnerung an Ithaka verblasste. Warum aufbrechen? Warum gehen?, sprach etwas in ihnen, ruhig und tief, und die Antwort kam nicht mehr.

Die drei Gefährten kehrten nicht zurück. Als Odysseus nach ihnen suchte und sie am Strand fand, saßen sie im Gras, die Augen halb geschlossen, zufrieden und fern, als schliefe ein Teil von ihnen bereits. Sie wollten nicht aufstehen. Sie wollten nicht gehen. Odysseus kannte dieses Zeichen. Er half ihnen auf die Füße, half mit Güte und Entschlossenheit zugleich, führte sie zurück zu den Schiffen, und ihre Kameraden ruderten hinaus, bevor jemand anderes in Versuchung geraten konnte. Nicht aus Grausamkeit trennte Odysseus seine Männer von dieser Küste, sondern weil er wusste, dass wer den Lotos isst, nicht mehr nach Hause will, und kein Schiff je bereit ist, von selbst den Weg zu finden.

Die drei Männer weinten, als das Land hinter dem Horizont versank. Sie weinten um etwas, das sie nicht benennen konnten, um eine Stille und Süße, die sie für einen kurzen Moment gehalten hatten. Odysseus ließ sie weinen und blieb bei ihnen, bis die Tränen aufhörten und die salzige Meeresluft das Letzte des Lotos aus ihren Sinnen gewaschen hatte. So ist der Lotos, er verspricht Ruhe, aber er stiehlt die Richtung.

Und ein Mensch ohne Richtung ist wie ein Schiff ohne Ruder, schön im Treiben, aber nirgendwo angekommen. Die Flotte des Odysseus ruderte weiter, die zwölf Schiffe dicht beieinander, der Wind nun mild und stetig aus Westen. Die Männer sprachen von Ithaka, von Frauen, die auf sie warteten, von Vätern und Söhnen, die sie bald wiedersehen würden, und das Sprechen selbst hielt die Erinnerung lebendig.

Odysseus saß am Mast und blickte in den Abendhimmel, wo die ersten Sterne erschienen, jene alten Zeichen der Seefahrer, die den Weg weisen seit den Tagen, da die Götter die Welt geformt hatten. Er dachte an Penelope, die kluge und geduldige, die auf Ithaka webte und wartete. Er dachte an Telemachos, der als kleines Kind zurückgeblieben war und dem er zuviel versprochen hatte. In der Ferne tauchte eine Küste auf, dunkel und groß, mit einer Stille darüber, die ganz anders war als die süße Stille des Lotosufers, eine Stille, die wartete und aufhorchte. Was diese Küste versprach und was sie verlangte, das ist eine andere Geschichte, die mit einem einzigen Auge beginnt und einer List, die niemand vergisst.

Aber das liegt noch vor ihnen, in der Nacht, die erst kommen muss. Für jetzt aber lagen die Schiffe ruhig auf dem dunklen Wasser, die Ruder ruhten, die Männer schliefen unter offenen Sternen, und das Meer trug sie sachte weiter, Richtung Ithaka, Richtung Hause, auf einem Weg, der noch weit war, aber nie aufgehört hatte, ein Weg zu sein. Polyphem, der Zyklop.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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