Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Der Arzt und der blinde König
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über den Minaretten von Bagdad noch heller leuchteten als heute, lebte in einer großen Stadt ein König, den die Jahre mit einem dunklen Schleier bedacht hatten. Sein Name war Yunus, und er war einst für seine scharfen Augen bekannt gewesen, Augen, die das Zucken eines Falken am Horizont erkannten, die die Schrift auf fernen Bannern lasen, die das Lächeln seiner Töchter sahen, bevor es ihre Lippen erreichte.
Doch nun, seit zwei langen Jahren, war alles um ihn herum in tiefes Dunkel getaucht, und kein Arzt, kein Weiser, keine Kräuterfrau hatte ihm zu helfen vermocht. Er saß auf seinem Thron wie ein Baum, dem die Sonne fehlt, aufrecht, still, und doch langsam von innen verwelkend. Eines Abends, als die Öllampen im Palast wie kleine Monde brannten und der Duft von Jasmin durch die vergitterten Fenster drang, sprach der König zu seinem Wesir:
Ich habe von einem Arzt gehört, der aus dem fernen Samarkand gekommen sein soll. Man sagt, seine Hände kennen das Geheimnis des Lichts, und seine Mittel heilen, was kein anderes Mittel je berührt hat. Bringe ihn zu mir, noch in dieser Nacht, wenn es möglich ist. Der Wesir, ein besonnener Mann mit weißem Bart und klugen Augen, neigte sein Haupt und eilte hinaus in die mondsilberne Stadt. Der Arzt, der am nächsten Morgen vor dem König stand, hieß Rujan, und er war so alt wie weise, sein Gesicht hatte die Farbe des Sandsteins, seine Hände die Ruhe des tiefen Wassers.
Er sprach wenig, aber jedes seiner Worte saß wie ein Stein, den man behutsam in einen Brunnen fallen lässt, und man hörte noch lange das Nachklingen. O König, sagte er, nachdem er die Augen des Herrschers lange und schweigend betrachtet hatte, ich glaube, ich kann dir helfen. Doch die Heilung braucht Zeit, und sie verlangt dein Vertrauen. Der König, der in seiner Dunkelheit gelernt hatte, Stimmen besser zu hören als je zuvor, spürte in den Worten des Arztes keine Lüge, nur die ruhige Gewissheit eines Mannes, der sein Handwerk liebte wie andere Männer ihre Kinder. Die Behandlung, die Rujan begann, war geduldig und zart wie das Weben eines feinen Tuches.
Jeden Morgen bereitete er eine Salbe aus Kräutern, die er selbst gemörsert hatte, Koriander und Aloeholz, getrocknete Rosenblätter und ein Harz, dessen Namen er niemandem verriet. Jeden Abend trug er die Salbe auf die Augen des Königs auf, sprach dabei leise Worte in einer Sprache, die alt klang wie die Wüste selbst, und wickelte dann sanft ein Tuch aus weichem Leinen um das Haupt des Herrschers. Der König saß in dieser Zeit so still wie selten, er, der früher immer Musik und Stimmen um sich gehabt hatte, begann nun, die Stille zu schätzen, die Rujan um sich verbreitete wie ein ruhiger Brunnen sein kühles Wasser.
Aber am Hof gab es Augen, die sahen, ohne zu verstehen, und Zungen, die sprachen, ohne zu wissen. Der erste Minister des Königs, ein Mann namens Karim, war seit Jahren gewohnt, der mächtigste Mann nach dem Herrscher zu sein, und er hatte in dieser Stellung gelernt zu misstrauen, wie andere Menschen atmen, ohne darüber nachzudenken. Er beobachtete den Arzt mit schmalem Blick und begann, im Palast Gerüchte zu säen wie jemand, der in guten Boden schlechtes Saatgut wirft. Wer ist dieser Fremde? flüsterte er hier. Was mischt er in seine Salben? murmelte er dort. Woher weiß man, dass er dem König nicht schadet, statt ihm zu helfen?
Und diese Fragen, so harmlos sie klangen, wuchsen im Dunkeln wie Pflanzen ohne Licht, nicht schön, aber zäh. Der König hörte die Gerüchte nicht, oder hörte sie erst, als sie bereits zu einem Rauschen geworden waren, das seinen Wesir zu ihm trieb, den Kopf geneigt, die Stirn in besorgten Falten. O mein Herr, sprach der Wesir mit leiser Stimme, es gibt Stimmen am Hof, die sagen, der Arzt Rujan sei ein Zauberer, der dich mit seinen Mitteln gefügig mache. Ich glaube es nicht, aber du solltest es wissen. Der König schwieg lange.
In seiner Dunkelheit hatte er gelernt, was er früher mit sehenden Augen übersehen hatte: dass Misstrauen ein Feuer ist, das sich selbst nährt, dass Angst der schlechteste Ratgeber ist, und dass ein Mann, der in seiner Stille so viel Ruhe trägt wie Rujan, selten böse Absichten hegt. Und doch, und doch war der König ein Mensch, und Menschen tragen in sich manchmal eine Schwäche, die stärker ist als all ihre Weisheit. Die Worte des Wesirs legten sich in sein Herz wie ein Sandkorn ins Auge, und in den nächsten Tagen, wenn Rujan seine Hände auf das Gesicht des Königs legte, fragte sich Yunus: Wer ist dieser Mann wirklich? Was weiß ich von ihm? Was, wenn all seine Sanftheit nur eine List ist?
Karim, der erste Minister, spürte die Unruhe des Königs wie ein Fisch die Strömung spürt, unsichtbar, aber unverkennbar. Er trat eines Abends in die Gemächer des Herrschers und sprach mit leiser, dringlicher Stimme: O mein Herr, ich habe Nachforschungen angestellt. Man sagt, Rujan hat in Samarkand einen Statthalter geheilt, und dieser Statthalter ist drei Monate später gestorben. Man sagt, er hält Verbindungen zu Männern, die dem Kalifen nicht wohlgesonnen sind. Man sagt vieles, und wo so viel gesagt wird, ist selten alles falsch. Der König hörte zu, und seine Hände, die auf den Lehnen des Thrones lagen, wurden langsam kälter. An jenem Abend ließ der König Rujan nicht rufen. Auch am nächsten Tag nicht.
Rujan wartete im Gästehaus des Palastes, das ihm zugewiesen worden war, einem hübschen kleinen Haus mit einem Innenhof und einem Granatapfelbaum, dessen Früchte in der Abendluft leuchteten. Er wartete ohne Ungeduld, ohne Klage, und wenn die Diener ihn beobachteten, sahen sie einen Mann, der las oder nachdachte oder einfach saß und die Stille in sich aufnahm wie trockene Erde den Regen. Am dritten Tag schickte der König den Wesir mit einer Botschaft: Die Behandlung sei beendet. Rujan könne den Palast verlassen.
Als der Wesir ihm dies mitteilte, stand Rujan lange schweigend in dem kleinen Hof unter dem Granatapfelbaum. Dann nickte er langsam und sagte nur: Wisse, o Wesir, dass ich dem König alles Gute wünsche. Sage ihm, dass die Behandlung fast abgeschlossen war, noch drei Tage, und das Licht wäre in seine Augen zurückgekehrt. Nun wird es so nicht kommen. Aber sage ihm auch: Ich trage ihm nichts nach. Möge er in Frieden regieren. Der Wesir, bewegt von diesen Worten, trug sie dem König weiter, und Yunus hörte sie in einem Schweigen, das schwer war wie Stein. Die Jahre vergingen.
Der König blieb blind. Er regierte sein Land mit dem Ohr statt mit dem Auge, und man sagt, er wurde mit der Zeit weiser als viele Herrscher vor ihm, denn er lernte, Menschen an ihrer Stimme zu messen, nicht an ihrem Gesicht. Karim, der erste Minister, stieg nie höher, als er bereits gestiegen war, denn Yunus, der ihm einmal geglaubt hatte, begann mit den Jahren, die Stille zwischen den Worten zu hören, und in Karims Stille hörte er etwas, das ihn frösteln ließ. Ob er je bereute, dem Arzt nicht vertraut zu haben, sagte er niemandem.
Aber es heißt, dass er in stillen Nächten, wenn der Palast schlief, manchmal die Hände vor das blinde Gesicht legte, so, wie Rujan es einst getan hatte, und lange so verharrte, als wolle er eine Wärme spüren, die längst vergangen war. Und Rujan? Man sagt, er zog weiter nach Westen, durch Wüsten und über Meere, und überall, wo er hinkam, heilte er Menschen mit geduldigen Händen und ruhigen Worten.
Manche sagen, er lebe noch immer irgendwo, in einer kleinen Stadt am Rand einer Oase, unter Palmen, die im Abendwind rauschen, umgeben von Kräutern und Büchern und dem leisen Duft alter Weisheit. Ob das wahr ist, weiß niemand. Aber wer in einer klaren Nacht lange genug in den Sternenhimmel schaut, der spürt manchmal etwas, eine Stille, die nicht leer ist, sondern voll, wie ein Herz, das vergeben hat und nun endlich ruht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.