Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen

Der adelige Junggeselle

An einem ruhigen Nachmittag brachte die Post Sherlock Holmes einen vornehmen Brief, dem man schon am schweren Papier und am adligen Wappen den hohen Absender ansah. Wenig später wurde der Verfasser selbst gemeldet: Lord Robert St. Simon, der Sohn eines der ältesten Häuser des Landes, ein gepflegter Herr in mittleren Jahren, dessen feines Gesicht jedoch von Sorge gezeichnet war. Holmes hieß ihn höflich Platz nehmen, und der Lord trug sein Anliegen vor, das in jenen Tagen halb London beschäftigte. Es ging um seine Hochzeit, oder vielmehr um deren rätselhaftes, schmähliches Ende.

Lord St. Simon, so erzählte er, habe vor Kurzem geheiratet. Seine Braut sei eine junge Amerikanerin gewesen, Fräulein Hatty Doran, die Tochter eines sehr reichen Mannes aus Kalifornien, der sein Vermögen einst in den Goldfeldern gemacht hatte. Sie sei schön, lebhaft und von freiem, herzlichem Wesen, und die Verbindung, altes Adelshaus und neues Vermögen, sei von beiden Seiten gern gesehen worden. Die Trauung habe in aller Form in einer Londoner Kirche stattgefunden, und alles sei festlich und glücklich verlaufen. Nur eine kleine Begebenheit sei ihm im Rückblick aufgefallen: Während der Zeremonie habe die Braut ihren Brautstrauß fallen lassen, und ein Herr aus einer der vorderen Bänke habe ihn ihr aufgehoben und zurückgereicht.

Beim anschließenden Hochzeitsfrühstück aber, fuhr der Lord fort, habe sich seine junge Frau plötzlich verändert. Sie sei still und bedrückt geworden, habe schließlich gesagt, sie fühle sich unwohl, und sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Dort habe sie rasch ihr Brautkleid gegen ein schlichtes Tageskleid getauscht — und sei dann verschwunden. Niemand habe sie fortgehen sehen; sie sei einfach nicht mehr da gewesen. Seither fehle von ihr jede Spur. Man munkelt allerlei, sagte der Lord bitter. Eine frühere Bekanntschaft von mir, eine gewisse Flora Millar, hatte vor der Kirche eine Szene gemacht; nun verdächtigt die Polizei sie gar, meiner Frau etwas angetan zu haben, da man einige ihrer Kleidungsstücke nahe einem Teich gefunden hat. Ich aber, Herr Holmes, weiß weder ein noch aus.

Holmes hatte mit jenem ruhigen, halb geschlossenen Blick zugehört, der bedeutete, dass in seinem Kopf bereits die Fäden zusammenliefen. Er stellte ein paar gezielte Fragen: Ob die Braut vor der Trauung gut gelaunt gewesen sei? Ja, vollkommen. Wann genau ihre Stimmung umgeschlagen sei? Erst nach der Zeremonie, beim Frühstück. Und ob ihm bei dem Herrn, der den Strauß aufhob, irgendetwas aufgefallen sei? Der Lord überlegte. Nein, eigentlich nicht, nur dass seine Frau in jenem Augenblick zu dem Fremden hinübergeblickt habe, einen Moment zu lang vielleicht. Holmes nickte zufrieden. Ich glaube, Mylord, sagte er, die Sache ist weit weniger düster, als Sie befürchten. Geben Sie mir bis heute Abend Zeit.

Als der Lord gegangen war, lächelte Holmes. Was halten Sie davon, Watson? Ich gestand, ich fürchte ein Unglück. Im Gegenteil, sagte Holmes. Bedenken Sie: Die Braut war heiter, bis sie in der Kirche einen bestimmten Mann erblickte, jenen, der ihr den Strauß zurückgab. Von da an war sie verstört. Und kaum war sie verheiratet, da legte sie ihr Brautkleid ab und ging fort, freiwillig und in aller Ruhe. Das ist nicht das Bild eines Verbrechens, Watson. Das ist das Bild einer Frau, die im entscheidenden Augenblick jemandem wiederbegegnet ist, den sie für immer verloren glaubte.

Und so kam es. Holmes’ Nachforschungen, rasch und sicher geführt, brachten die ganze Wahrheit ans Licht, eine Wahrheit, die mehr mit dem Herzen zu tun hatte als mit einem Verbrechen. Hatty Doran, so stellte sich heraus, hatte vor Jahren in den rauen Tagen der kalifornischen Goldfelder einen jungen Mann geliebt und ihn heimlich geheiratet: einen gewissen Frank Moulton. Kurz darauf aber sei er bei den Wirren jener wilden Gegend verschollen; man habe ihn für tot gehalten, ja, sie habe sichere Nachricht von seinem Tod erhalten. In aufrichtigem Glauben, Witwe zu sein, sei sie mit ihrem Vater nach England gekommen und habe schließlich in die Werbung des Lord St. Simon eingewilligt.

Doch ihr erster Mann war nicht tot. Frank Moulton hatte überlebt, hatte sie über die Meere hinweg gesucht und sie endlich aufgespürt, ausgerechnet am Tag ihrer zweiten Hochzeit. Er war es, der in der Kirche in der vorderen Bank saß; er war es, der ihr den gefallenen Strauß zurückreichte und ihr dabei heimlich ein Zeichen, ein paar geflüsterte Worte zukommen ließ. In jenem Augenblick wusste Hatty, dass ihr rechtmäßiger, geliebter Mann lebte. Beim Frühstück, hin- und hergerissen, fasste sie ihren Entschluss: Sie legte das Brautkleid ab und eilte fort, um zu ihm zurückzukehren, zu dem, dem sie zuerst und von Herzen gehörte. Kein Unglück also, kein Verbrechen, nur eine Liebe, die stärker war als der Tod, den man ihr gemeldet hatte.

Holmes führte die beiden, Hatty und ihren wiedergefundenen Frank Moulton, noch am selben Abend zusammen mit dem Lord. Es war eine peinvolle Begegnung. Lord St. Simon, in seinem Stolz tief getroffen, nahm die Sache zunächst kühl und verschlossen auf, wie es einem Mann seines Standes entsprach. Doch als ihm die ganze, aufrichtige Geschichte dargelegt wurde, dass die junge Frau ihn niemals hatte täuschen wollen, sondern selbst in gutem Glauben gehandelt hatte, da blieb auch ihm nichts, als sich mit Würde zu fügen. Hatty bat ihn um Verzeihung für den Kummer, den sie unwissentlich verursacht hatte. Holmes aber, der die versöhnliche Lösung liebte, hatte für alle ein kleines, kühles Abendessen bereiten lassen, und so endete der Tag der seltsamen Hochzeit doch noch in einigermaßen freundlichem Frieden.

Sehen Sie, Watson, sagte Holmes, als wir wieder allein waren, die Polizei suchte nach einer Leiche, wo es in Wahrheit nur ein liebendes Herz zu finden gab. Manchmal ist die einfachste Erklärung zugleich die menschlichste. Eine junge Frau, die ihren totgeglaubten Mann lebend wiedersieht, mehr Rätsel steckte nicht dahinter. Und so wurde aus einem vermeintlichen Verbrechen eine glückliche Wiedervereinigung; Hatty und Frank durften endlich beieinander sein, und auch der adelige Junggeselle fand mit der Zeit seinen Frieden.

So endete der Fall vom adeligen Junggesellen, eine Geschichte ohne Schurken, in der am Ende nur die Liebe siegte. Nun ist es still im Zimmer, das Feuer glüht sanft, und alles ist gut ausgegangen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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