Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Demeter und Persephone – warum es Jahreszeiten gibt

In jenen alten Tagen, als die Erde noch kein Wintergesicht kannte und die Felder das ganze Jahr über golden in der Sonne standen, war es Demeter, die Herrin des Korns, die über Wachstum und Ernte wachte. Sie wandelte zwischen den Menschen, wie eine Mutter zwischen ihren Kindern wandelt, aufmerksam, fürsorglich, mit Händen, die das Korn aus dem Boden riefen, als wäre es eine alte Vertrautheit zwischen ihr und der Erde. Die Ähren beugten sich, wenn sie vorüberging. Die Olivenbäume trugen schwer. Kein Hunger kannte die Welt in jenen Tagen, und kein Feld lag brach.

An ihrer Seite war Persephone, ihre Tochter, das hellste Wesen, das je über eine Wiese gelaufen war. Das Mädchen liebte Blumen über alles, Narzissen und Hyazinthen, wilde Krokusse und den zarten Asphodel, der am Wegrand wuchs. An einem stillen Nachmittag, während Demeter in den Getreidekammern der Erde beschäftigt war, lief Persephone allein über eine blühende Wiese in Sizilien, dort, wo das Gras weich ist und das Meer zwischen den Hügeln blitzt. Sie folgte einer Blume, dann noch einer, und entfernte sich weit von allem, was sie kannte. Dann öffnete sich der Boden.

Aus der dunklen Tiefe stieg Hades herauf, der stille Herr der Unterwelt, in einem Wagen aus dunklem Erz, gezogen von Rossen, die kein Licht kannten. Er hatte Persephone gesehen und war gekommen, um sie in sein Reich zu holen, denn er herrschte über eine weite, schweigende Welt, aber er herrschte allein. Was genau in jenem Moment geschah, gehört zu den Dingen, die die Erde in sich behält. Doch der Eingang schloss sich wieder, die Wiese lag still, und Persephone war fort.

Demeter bemerkte es, als der Abend kam und ihre Tochter nicht zurückkehrte. Sie rief. Sie suchte. Sie wanderte die ganze Nacht über die Hügel Siziliens, eine Fackel in jeder Hand, und fragte jeden, den sie traf, Hirten, Nymphen, vorbeiziehende Götter. Niemand hatte etwas gesehen. Niemand wollte etwas gesagt haben. Neun Tage und neun Nächte irrte die Göttin des Korns über die Erde, ohne zu essen, ohne zu rasten, die Fackeln niemals sinkend. Die Felder, die sie durchquerte, erblassten hinter ihr. Das Korn stand noch, aber etwas in ihm zog sich zurück.

Am zehnten Tag traf Demeter die alte Hekate, Herrin des Mondlichts und der Schwelle, die an einem Kreuzweg stand und ihr ruhig entgegenblickte. Hekate hatte einen Schrei gehört an jenem Nachmittag, doch nicht gesehen, wer ihn ausgestoßen hatte. Sie wies Demeter zu Helios, dem Sonnengott, dessen Wagen täglich über die ganze Welt fuhr und dem nichts verborgen blieb, was unter freiem Himmel geschah. Helios sprach offen, denn er kannte die Göttin des Korns und fürchtete ihren Schmerz mehr als Schweigen. Hades hat deine Tochter in die Unterwelt geführt, sagte er. Zeus hat es gewährt. Suche sie nicht auf Erden — sie ist dort unten, und Hades wird sie nicht fortlassen, wenn Zeus es nicht befiehlt.

Demeter hörte diese Worte. Dann tat sie etwas, das die Welt verändern sollte: Sie wandte sich ab vom Olymp. Sie legte ihre Würde als Göttin nicht nieder, aber sie legte ihre Aufgabe nieder. Die Erde, so beschloss sie, sollte nichts mehr tragen, solange ihre Tochter nicht zurück war. Sie zog sich unter die Menschen zurück, in Gestalt einer alten Frau, und ließ das Korn stehen, ohne es zu tragen, ließ die Erde kalt werden, ließ die Samen im Boden schlafen. Langsam, aber unaufhaltsam wurde es Winter auf der Welt.

Die Ähren, die goldbraun gestanden hatten, verschwanden. Die Bäume ließen ihr Laub fallen. Die Erde wurde hart, und die Menschen sahen zum Himmel und verstanden nicht, was geschehen war. In Eleusis, einem kleinen Ort an der Küste Attikas, lebte Demeter eine Weile bei einer menschlichen Familie, alt und grau und still, und wartete. Sie ließ dem Knaben des Hauses, Demophon, ihre Fürsorge zuteilwerden, wie sie nur einer Göttin möglich ist, und hegte ihn mit unsterblicher Sorgfalt. Doch auch das konnte ihren Schmerz nicht stillen, und nach einer Weile zog sie weiter.

Die Götter auf dem Olymp beobachteten die sterbende Erde. Die Menschen brachten keine Opfer mehr, denn ihre Hände waren leer. Hermes, der Götterbote, trug Bitten von Götter zu Göttern. Zeus sah, dass die Welt verkümmern würde, wenn Demeter nicht zurückkehrte zu ihrer Aufgabe. Er schickte die Götter zu ihr, einen nach dem anderen, Iris, die Botin des Regenbogens, und dann viele andere, aber Demeter schüttelte den Kopf. Nur wenn Persephone zurückkehrte, würde die Erde wieder blühen.

Da schickte Zeus den listensinnigen Hermes hinab in die Unterwelt, in die großen, stillen Hallen des Hades, wo die Schatten der Verstorbenen in sanfter Dämmerung wohnten. Hermes trat vor den dunklen Thron, auf dem Hades saß, und neben ihm, bleich wie Mondlicht, aber unversehrt, Persephone. Hermes sprach die Worte des Zeus: Die Göttin des Korns trauere so, dass die Welt verhungere, und Persephone müsse zurückkehren.

Hades schwieg eine Weile. Er war kein grausamer Herrscher, er herrschte über die Toten, nicht aus Bosheit, sondern weil jemand es tun musste. Doch er ließ Persephone gehen, und während er ihr half, in den Wagen zu steigen, gab er ihr einige Kerne des Granatapfels zu essen, jener Frucht, die im Totenreich wächst. Persephone aß sie, sechs oder vier, je nachdem, welcher Wind die Geschichte trägt. Ob sie wusste, was das bedeutete, oder ob sie es vergaß in ihrer Freude über die Rückkehr, das weiß niemand mehr genau.

Aber die Gesetze der Erde und der Tiefe waren eindeutig: Wer die Speise der Unterwelt gekostet hatte, gehörte ihr für einen Teil des Jahres. Hermes lenkte die Rosse nach oben, und das Licht wuchs, und schließlich trat Persephone auf die Erde, und Demeter lief ihr entgegen. Die Umarmung dieser beiden war so voll und so still, dass die Nymphen ringsum weinten und die Wiese um sie herum augenblicklich ergrünte.

Aber die Kerne des Granatapfels lagen bereits in Persephone. Rhea, die weise Mutter der Götter, trat als Vermittlerin auf, und Zeus sprach das Urteil, das seither gilt: Persephone verbringt einen Teil des Jahres bei Hades in der Unterwelt und kehrt dann wieder zurück zu ihrer Mutter ans Licht. Die Zahl der Monate, die sie unten verbringt, entspricht der Zahl der Kerne, die sie aß.

Und so ist es seither. Wenn Persephone in die Tiefe hinabsteigt, zieht sich Demeter in sich zurück, und die Erde wird still und kalt, die Bäume schlafen, die Felder ruhen. Wenn Persephone aber die Schwelle der Unterwelt überschreitet und wieder ans Licht tritt, dann erwacht Demeter, und die Erde erwacht mit ihr. Das Korn schießt auf. Die Blumen öffnen sich. Der Wind wird warm über dem weinroten Meer.

Es heißt, dass Persephone in der Unterwelt nicht nur wartet, sondern herrscht, ruhig und würdevoll, an der Seite des Hades, als Königin jener stillen Welt, in der alle Schatten schließlich Frieden finden. Wenn der Frühling kommt und sie zurückkehrt, trägt sie das Licht, das sie oben kennt, und die Erinnerung an die Stille, die sie unten kannte, in sich. Beides gehört zu ihr.

Die Menschen lernten in Eleusis, in jenem kleinen Ort an der Küste, die heiligen Riten zu begehen, die Demeter sie gelehrt hatte, Riten des Säens und des Wartens, des Vertrauens auf die Rückkehr des Lichts nach jeder Dunkelheit. Wer einmal in Eleusis eingeweiht worden war, so sagen die Alten, trug eine Gewissheit in sich, die sich nicht in Worte fassen ließ: dass der Winter kein Ende ist, sondern ein Warten.

Dass das, was in die Erde geht, wiederkommt. In der Unterwelt sitzen Persephone und Hades nebeneinander, und die Schatten bewegen sich ruhig durch die Dämmerung. Oben, auf der Erde, streicht Demeter durch die Felder, und das Korn neigt sich ihr zu wie immer. Und irgendwo zwischen oben und unten dreht sich das Jahr, geduldig und still, wie es sich seit jenen alten Tagen dreht. Dionysos und die Gabe des Weines.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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