Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

David und Jonathan

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein junger Mann namens David. Er war aufgewachsen auf den Hügeln von Betlehem, hatte dort als Knabe die Schafe seines Vaters gehütet, unter einem Himmel voller Sterne, und hatte auf seiner Harfe gespielt, wenn die Nächte still und warm waren. Nun aber war er in den Palast des Königs gekommen, in die große, hallende Welt der Mächtigen, und er war noch jung und das Leben vor ihm weit und unbekannt wie eine Wüste, die man betritt ohne Karte und ohne Wegzeichen.

Es war kurz nach jenem Tag, an dem David sich einem Riesen entgegengestellt hatte und heil davongekommen war, eine Geschichte, die die Menschen in ganz Israel erzählten und weitererzählten, von Dorf zu Dorf, von Hügel zu Hügel. Und so kam David an den Hof des Königs Saul, und das Land schaute auf ihn, und mancher fragte sich, wer dieser junge Mann wohl noch werden würde.

Und an diesem Hof lebte ein Sohn des Königs, dessen Name Jonathan war. Jonathan war ein Krieger und ein Mann von aufrechtem Herzen, ein Sohn, auf den sein Vater stolz war, und doch war in ihm etwas, das über das bloße Kämpfen und Siegen hinausging. Er hatte ein Herz, das Menschen sehen konnte, nicht nur ihre Taten und Stärken, sondern das, was in ihnen war, tief und wahr und verborgen.

Und als Jonathan David sah, geschah etwas, das sich nicht leicht in Worte fassen lässt. Es war kein Blitz und kein lautes Ereignis. Es war stiller als das. Es war, als erkenne man einen Menschen und wisse in demselben Augenblick, dass man ihn schon immer gekannt hat. Jonathans Herz öffnete sich für David, so wie sich ein Fenster öffnet und das Morgenlicht hereinlässt, und von diesem Tag an war zwischen den beiden Männern etwas entstanden, das stärker war als Verwandtschaft, tiefer als Zufall.

Jonathan nahm seinen eigenen Mantel und legte ihn David um die Schultern. Er gürte ihm sein Schwert um, gab ihm seinen Bogen und seinen Gürtel, Dinge, die einem Krieger teuer sind wie das Leben selbst. Es war eine Geste ohne viele Worte, und doch sprach sie mehr als viele Worte je hätten sprechen können. Sie sagte: Ich sehe dich. Ich vertraue dir. Was mir gehört, das gehört auch dir.

Und so begannen die Tage, in denen David und Jonathan einander Freunde waren, echte und treue Freunde, wie man sie vielleicht einmal im Leben findet, wenn man Glück hat und das Herz offen hält. David diente dem König mit seiner Harfe und seinem Mut, und Jonathan war an seiner Seite, und das Leben am Hof hatte eine Wärme, die David vielleicht nicht erwartet hatte, als er die Hügel von Betlehem hinter sich gelassen hatte.

Doch das Leben am Hof des Königs Saul war nicht immer ruhig. Saul war ein mächtiger Mann, aber er war auch ein Mann, dessen Herz unruhig war, ein Mann, den dunkle Stunden überfielen wie Wolken, die ohne Warnung aufziehen. Und je mehr das Volk David lobte, je mehr die Menschen auf den Straßen seinen Namen riefen und Lieder über ihn sangen, desto schwerer wurde das Herz des Königs. Die Freude der anderen war für Saul keine Freude mehr, sondern eine Bedrohung, und in jenen Stunden schlich sich Misstrauen in ihn hinein wie Sand, der durch eine Ritze dringt.

Jonathan spürte das. Er kannte seinen Vater, kannte dessen Dunkelheiten und dessen Stärken, und er wusste, dass sich zwischen dem König und David eine Gefahr zusammenbraute. Und doch ließ er David nicht allein. Er ging zu seinem Vater und sprach für David, ruhig und klar, wie ein Mensch spricht, der die Wahrheit liebt und sie auch dann sagt, wenn sie nicht leicht zu hören ist. Er sprach von Davids Treue, von seinen Diensten, von allem, was er für den König und für Israel getan hatte.

Und manchmal hörte Saul auf seinen Sohn. Es gab Tage, an denen das schwere Herz des Königs sich ein wenig öffnete, Tage, an denen Saul wieder der Vater war, den Jonathan kannte, und in denen David wieder sicher war am Hof. Jonathan brachte David die Nachricht, und es war, als bringe er ihm einen Becher frisches Wasser nach einem langen, staubigen Weg. Sei ohne Furcht, sagte er zu ihm, heute bist du in Sicherheit.

Aber die ruhigen Zeiten kamen und gingen wie das Wetter über dem Hügelland, und die dunklen Stunden des Königs kehrten immer wieder. Es kam ein Tag, an dem David zu Jonathan kam und fragte, was ihm im Herzen brannte: Er fragte, was er getan habe, dass der König ihm so zürne, und ob es noch eine Möglichkeit gebe, zu bleiben, oder ob er gehen müsse. Es war die Frage eines Mannes, der ehrlich wissen will, wo er steht, der keine falschen Tröstungen sucht, sondern die Wahrheit.

Und Jonathan antwortete ehrlich, so wie nur ein echter Freund antworten kann. Er sagte David, er werde herausfinden, wie seines Vaters Herz in Wahrheit stehe, und er werde es ihm sagen, ganz gleich was er erfahre. Und die beiden Männer trafen eine Abmachung miteinander, feierlich und still, wie man sie trifft, wenn man weiß, dass das, was man verspricht, schwerer wiegt als alles Leichte und Flüchtige des Lebens. Sie schworen einander Treue, nicht nur für diesen Tag, sondern für alle Tage, die noch kommen würden.

Es war ein Versprechen, das im Wind stand und im Sternenlicht, ein Versprechen, das über den Hof und die Streitigkeiten der Mächtigen hinausging. Jonathan sprach von Davids Haus und seinen Nachkommen, und seine Worte hatten eine Weite, die über das Greifbare hinausreichte, wie wenn man nachts auf die Sterne schaut und spürt, dass sie weiter weg sind als man sich vorstellen kann, und doch leuchten sie, und man sieht sie.

Es wurde ein Zeichen zwischen ihnen verabredet. Jonathan würde Pfeile schießen, draußen auf dem Feld, und seine Worte an seinen Diener würden David sagen, was er wissen musste, ob er sicher war oder ob er fliehen sollte. Es war ein stilles, kluges Zeichen, eines von denen, die nur zwei Menschen verstehen, die sich ganz kennen. Und als Jonathan seine Pfeile schoss und seine Worte rief, da wusste David, was sie bedeuteten. Und er wusste, dass es Zeit war zu gehen. Er kam aus seinem Versteck hinter den Steinen des Feldes, und die beiden Männer standen voreinander, und das Herz eines jeden war schwer, so wie das Herz schwer wird, wenn man weiß, dass etwas Gutes zu Ende geht, wenigstens für eine Weile.

Sie hielten einander fest, und sie weinten beide, und ihre Trauer war ohne Scham, denn das ist die Art echter Trauer, die nicht verbergen muss, dass etwas wertvoll war. Jonathan sagte zu David: Geh in Frieden. Was wir einander versprochen haben, das steht, heute und immer. Und das stand es. David ging hinaus in das weite Land, in die Hügel und die Wüsten und die Wege, die noch vor ihm lagen. Und Jonathan kehrte zurück in den Palast seines Vaters. Ihre Wege trennten sich, aber das Band zwischen ihnen blieb, unsichtbar wie die Luft und doch so wirklich wie das Brot auf dem Tisch.

Das ist die Geschichte von David und Jonathan, eine Geschichte darüber, dass es Freundschaften gibt, die tiefer reichen als Blut und tiefer als Vorteil, Freundschaften, die dem anderen das Beste wünschen, auch dann, wenn es einem selbst viel kostet. Und solche Geschichten halten sich, durch all die vielen, vielen Jahre, weil das Herz eines jeden Menschen etwas in ihnen erkennt, still und sicher wie das Licht eines Sterns in einer klaren Nacht. Und so war es in jenen fernen Tagen, und so wird es sein, solange Menschen füreinander fühlen und füreinander einstehen, ruhig, treu, und ohne viele Worte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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