Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

David und der Riese Goliath

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Volk in den Hügeln und Tälern zwischen dem großen Meer und der Wüste. Es war ein Volk, das seine Herden hütete, seine Felder bestellte und seine Lieder sang, Lieder voller Sehnsucht und Vertrauen. Und in jenen Tagen kam eine Zeit der Bedrängnis, eine Zeit, in der sich zwei Heere gegenüberstanden auf beiden Seiten eines Tals, das tief eingeschnitten lag zwischen sanften Hügeln. Die Männer standen da und warteten, und der Wind trug den Staub über das trockene Land.

Auf der einen Seite des Tales lagerte das Heer der Philister, ein kriegserfahrenes Volk aus den Küstenstädten am Meer. Und aus ihren Reihen trat jeden Morgen und jeden Abend ein Mann hervor, dessen Anblick den Atem stocken ließ. Er hieß Goliath, und er war von einer Größe, wie man sie selten sah unter den Menschen. Seine Rüstung war schwer wie Stein, sein Schild glänzte in der Sonne, und seine Stimme rollte wie Donner über das Tal. Jeden Tag trat er heraus und rief hinüber zu dem anderen Heer, und seine Worte waren eine Herausforderung: Ein einziger Kämpfer solle sich gegen ihn stellen, und wer siegt, der siegt für alle. Die Männer auf der anderen Seite hörten ihn, und sie schwiegen.

Weit entfernt von diesem Tal, in den sanften Hügeln rund um Bethlehem, lebte derweil ein junger Mann namens David. Er war der jüngste von vielen Brüdern, aufgewachsen unter freiem Himmel, vertraut mit dem Geruch des Grases und dem Klang des Windes. Drei seiner älteren Brüder dienten im Heer, und eines Tages schickte ihr alter Vater den jungen David zu ihnen, beladen mit Brot und Käse und guten Worten von zu Hause. David machte sich auf den Weg durch die Hügel, das Herz leicht, die Augen offen für alles, was er sah.

Als David das Lager erreichte, herrschte eine merkwürdige Stille. Die Männer standen beisammen und sprachen leise miteinander, und ihre Gesichter trugen den Ausdruck von Menschen, die etwas hören, das sie lieber nicht hören würden. Dann drang die Stimme des Riesen herüber aus dem Tal, laut und schwer, eine Herausforderung, die schon vierzig Tage lang jeden Morgen das Lager erreichte. David stellte seine Last nieder und fragte die Männer um ihn herum, was das bedeute. Sie erklärten es ihm mit gedämpfter Stimme: Dieser Goliath, sagten sie, sei unbesiegbar. Niemand getraue sich, ihm entgegenzutreten.

David hörte zu und schwieg eine Weile. Dann begann er Fragen zu stellen, ruhige, sachliche Fragen, wie ein Mensch sie stellt, der nachdenkt und nicht voreilig urteilt. Sein ältester Bruder, der dies hörte, schalt ihn und schickte ihn fort: Was wolle der Jüngste hier, er solle zurückgehen zu seinen Schafen. David aber ließ sich nicht beirren. Er war ein Mensch, der in der Stille der Hügel gelernt hatte, mehr zu vertrauen als zu fürchten. Die Nächte draußen unter den Sternen, die Stunden mit der Herde, wenn der Wind durch das lange Gras strich, all das hatte in ihm etwas heranwachsen lassen, das ruhiger und tiefer war als Angst.

Das Gespräch des jungen Mannes wurde weitergetragen, bis es die Ohren des Königs erreichte. König Saul ließ David zu sich rufen, und die beiden standen einander gegenüber: der König in seinen Jahren und seiner Sorge, und der junge Hirtenjunge aus Bethlehem. David sprach ruhig und klar. Er wolle dem Riesen entgegentreten. Der König sah ihn an, und zögerte. Du bist jung, sagte er, und jener Mann ist ein Krieger seit seiner Jugend. Ich habe in der Herde meines Vaters Löwen verjagt und Bären, antwortete David schlicht, und die Kraft, die mich dabei beschützt hat, ist dieselbe, auf die ich jetzt vertraue. Der König schwieg lange. Dann nickte er.

Saul wollte dem jungen Mann seine eigene Rüstung anlegen, schweres Erz, ein mächtiger Helm, ein Schwert. David versuchte es und schüttelte dann den Kopf. Er war es nicht gewohnt, so zu gehen. Behutsam legte er die Rüstung wieder ab. Stattdessen ging er zu einem Bach, der leise durch das Tal murmelte, und wählte dort fünf glatte Steine aus dem Wasser, rund geschliffen von vielen Jahren, kühl in der Hand. Er steckte sie in seine Hirtentasche. Dann nahm er seine Schleuder, wie er sie hundertmal benutzt hatte draußen auf den Weiden, und machte sich auf den Weg in das Tal.

Die Männer auf beiden Seiten sahen, was geschah. Der Riese Goliath trat heraus wie jeden Morgen, und dann sah er, wer ihm entgegenkam. Er sah den jungen Mann, und sein Gesicht verdunkelte sich vor Verachtung. Seine Worte waren laut und zornig: Was solle das sein? Schickte man ihm einen Knaben entgegen? David stand in der Mitte des Tales im Morgenlicht und antwortete mit ruhiger Stimme. Er sprach klar und ohne Zittern, und seine Worte sagten dem Riesen, dass er nicht auf sein eigenes Können vertraue, sondern auf eine Kraft, die größer sei als Rüstung und Schwert. Die Worte flogen hinüber wie Vögel über das stille Tal.

Dann lief David auf den Riesen zu. Seine Hand griff in die Tasche, zog einen der glatten Steine heraus, legte ihn in die Schleuder und ließ ihn fliegen, mit einer Bewegung, so vertraut wie das Atmen, so sicher wie das Aufgehen der Sonne. Der Stein flog durch die Morgenluft. Und Goliath, der große und unbesiegte, schwankte und fiel zur Erde, langsam und gewaltig wie ein alter Baum.

Stille senkte sich über das Tal. Eine lange, weite Stille, in der die Vögel aufhörten zu fliegen und der Wind innehielt. Dann, allmählich, brach auf der einen Seite des Tales ein Aufschrei los, nicht der Schrei der Angst, sondern der Laut von Menschen, die nicht glauben können, was ihre Augen gerade gesehen haben. Und David stand in der Mitte des Tales, einen glatten Stein in der Hand, und der Morgenwind strich durch sein Haar.

Es war nicht der Stein und nicht die Schleuder, die diesen Morgen entschieden hatten. Es war das Vertrauen eines jungen Mannes, der seine Nächte unter den Sternen verbracht hatte, der gelernt hatte, in der Stille zu hören und in der Dunkelheit keine Angst zu haben. Dieselbe Stille, die ihn auf den Hügeln umgeben hatte, war auch hier mit ihm gewesen, mitten im Tal, unter dem weiten Himmel.

Später, als die Sonne höher stieg und das Land sich in goldenes Licht tauchte, kehrte David zurück in das Lager. Die Männer kamen ihm entgegen, und ihre Gesichter trugen nun einen anderen Ausdruck als zuvor. König Saul ließ ihn rufen, und viele fragten nach seinem Namen und nach seinem Vater und nach dem Ort, aus dem er kam. David antwortete auf alle Fragen geduldig und ruhig, wie ein Mensch, den das Staunen anderer nicht verwirrt, weil er selbst am meisten gestaunt hat.

Und in jener Nacht, wenn man sich vorstellt, wie er dalag unter dem weiten Sternenhimmel, den er so gut kannte, mag er gedacht haben an die glatten Steine im Bach, an das Gewicht der Schleuder in seiner Hand, an die Stille des Tals in dem Augenblick, bevor alles geschah. Die Sterne standen wie immer an ihrem Platz, klar und ruhig, und das Land war weit und still, und irgendwo in der Ferne blökten Schafe auf einem dunklen Hügel. David schloss die Augen, und der Schlaf kam sanft über ihn, wie er immer gekommen war, draußen auf den Weiden, unter demselben alten Himmel.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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