Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

David und Abigail

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, wo die Hügel sich in sanften Wellen bis an den Horizont erstreckten und die Olivenbäume silbern im Wind leuchteten, lebte ein Mann, dessen Ruf weit durch das Land hallte. Sein Name war David, und er war ein Mann, der Lieder kannte und Steine zu führen verstand, der Schafe gehütet und Riesen überwunden hatte. Doch in jenen Tagen war er noch kein König. Er zog durch die Wildnis, mit seinen Männern, und das Land trug ihn wie eine große, offene Hand.

Es war eine Zeit zwischen den Zeiten. David hatte Freunde und Feinde, und er lebte so, wie die Wüste lebt: von einem Tag zum nächsten, unter wechselnden Sternen. Er und seine Männer hatten in der Nähe der Herden eines reichen Mannes gelagert, und sie hatten diese Herden beschützt, ohne je dafür zu bitten oder zu fordern. Sie waren wie ein stiller Wall gewesen, unsichtbar und doch verlässlich, durch die langen Nächte hindurch, wenn die Wölfe in der Ferne heulten und die Hirten froren.

Jener reiche Mann hieß Nabal, und sein Name bedeutete Torheit, und manche sagten, er trage diesen Namen zu Recht. Er war vermögend und besaß große Herden, Weinberge und Felder. Doch sein Herz war hart wie der Kalkstein der Berge, und seine Zunge war scharf wie ein ungezähmtes Schwert. Er wusste von David. Alle wussten von David. Doch Nabal wollte nicht wissen, was er wusste, wenn das Wissen ihm etwas kosten sollte.

David sandte Boten zu Nabal, freundliche Männer mit höflichen Worten. Sie grüßten ihn in Davids Namen und erinnerten ihn daran, wie seine Hirten beschützt worden waren, wie keine Herde verloren gegangen war, wie die Nächte sicher gewesen waren. Sie baten bescheiden um ein wenig von dem, was Nabal in Fülle besaß, Brot vielleicht, etwas Wein, was immer er entbehren könne an diesem Festtag, da er seine Schafe schor und das Haus voll war von Überfluss.

Nabal hörte die Worte und schnitt sie ab wie einen losen Faden. Er fragte höhnisch, wer dieser David denn sei und warum er irgendetwas von seinem Tisch erwarten solle. Er sprach wegwerfend und ohne Würde, und die Boten kehrten zu David zurück mit leeren Händen und schweren Herzen. David hörte, was sie berichteten, und er stand auf. In seinem Innern loderte etwas auf wie ein Feuer, das lange gewartet hat auf seinen Augenblick. Und David rüstete sich und vierhundert seiner Männer, und sie machten sich auf den Weg durch die Hügel in der Abenddämmerung.

Doch da war noch eine andere. Nabal hatte eine Frau, und ihr Name war Abigail. Sie war klug wie der Morgen hell ist, und schön wie die Hügel nach dem Regen, und ihr Herz war so weit wie der Himmel über der Wüste. Sie hatte von alledem gehört, was geschehen war, ein junger Knecht hatte ihr berichtet, wie die Boten Davids abgewiesen worden waren, und wie gut jene Männer Nabals Hirten behandelt hatten, ohne je Böses zu tun. Abigail verstand sofort, was dies bedeutete.

Sie handelte, ohne zu zögern, aber ohne Lärm zu machen. Sie ließ Brote bereiten, zweihundert, und Schläuche mit Wein, und fünf gebratene Schafe, und geröstetes Korn, und Feigenkuchen, und Rosinenkuchen. All dies lud sie auf Esel, und sie sagte den Dienern, sie sollten vorausgehen. Ihrem Mann Nabal aber sagte sie nichts davon, denn sie wusste, dass Worte mit ihm in diesem Augenblick verloren wären wie Wasser im Sand.

Sie ritt hinaus in die sinkende Nacht, den Hügel hinab, und der Wind trug den Duft von trockenem Gras und fernem Rauch. Und an einem Hohlweg, wo der Pfad sich zwischen zwei Felsen hindurchschlängelte, begegnete sie David und seinen Männern, die mit finsteren Gesichtern herabkamen. Abigail stieg von ihrem Esel und neigte sich tief vor David. Sie sprach mit einer Stimme, die weder zitterte noch drängte, sondern ruhig war wie ein Brunnen in der Hitze. Sie bat ihn, ihr zu erlauben zu reden, und David hielt inne.

Mein Herr, sprach sie, die Torheit liegt bei mir. Nabal ist sein Name, und Torheit ist sein Wesen. Doch ich, deine Dienerin, habe die Boten nicht gesehen, die du sandtest. Nun aber habe ich dieses Geschenk gebracht, und ich bitte dich: Vergib die Schuld. Denn du bist kein Mann, der Blut vergießt ohne Grund. Du bist ein Mann, dessen Weg noch weit vor ihm liegt, und dein Herz sollte frei sein, wenn du diesen Weg gehst.

David stand still und ließ die Worte auf sich wirken wie den Regen auf trockene Erde. Diese Frau hatte etwas in ihm berührt, das tiefer lag als der Zorn. Sie hatte zu ihm gesprochen wie zu dem Mann, der er wirklich war, nicht zu dem Soldaten, der er gerade sein wollte. Und David erkannte, dass sie recht hatte. Er atmete langsam aus, und das Feuer in ihm wurde kleiner und ruhiger.

Gesegnet sei dein Verstand, sagte David, und gesegnet seiest du selbst, der du mich heute zurückgehalten hast. Er nahm, was sie mitgebracht hatte, und dankte ihr. Und Abigail ritt zurück durch die Dunkelheit, den Hügel hinauf, zu ihrem Haus. Das Land lag still um sie her, und die Sterne standen hoch und klar. Als Nabal am nächsten Morgen nüchtern war, erzählte Abigail ihm, was geschehen war. Und das Herz des Mannes erstarrte in seiner Brust, und er wurde krank und starb binnen weniger Tage. David hörte davon, und er dachte an die Weisheit, die ihn vor einer unheilvollen Tat bewahrt hatte, und er war dankbar.

Da sandte David Boten zu Abigail und ließ sie fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Und Abigail stand auf und verneigte sich tief und sagte: Ich bin bereit, meinem Herrn zu dienen und seinen Weg zu gehen. Sie rüstete sich rasch und ritt mit ihren Dienerinnen davon, dem Boten hinterher, und so wurde sie Davids Frau. Es ist eine alte Geschichte, und sie handelt von Zorn und Klugheit, von dem Augenblick, in dem ein Mensch an einer Weggabelung steht und wählt. David hätte an jenem Abend einen anderen Weg gehen können, einen dunkleren. Doch eine Frau ritt ihm entgegen auf einem schmalen Pfad in der Dämmerung, und ihre Worte waren sanfter als Waffen und wirkungsvoller als jede Rüstung.

Das Land ruhte in der Nacht. Die Hügel lagen still. Die Esel standen angebunden und schliefen im Stehen, wie Esel es tun. Irgendwo bellte ein Hund einmal, dann schwieg er wieder. Und über allem wölbte sich der Himmel, weit und dunkel und voller Sterne, so wie er sich immer gewölbt hat über dieses alte, staubige, schöne Land. Und der Frieden dieser Nacht hüllte alles ein wie ein weiches Tuch, und die Welt schlief ruhig bis zum Morgen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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