Nach Arthur Conan Doyle · 17 Minuten zu lesen
Das Zeichen der Vier — Erster Teil
An einem trüben Nachmittag saßen Sherlock Holmes und ich, Doktor Watson, in unserem Wohnzimmer in der Baker Street. Holmes war in einer seiner ruhelosen, schwermütigen Stimmungen, wie sie ihn befielen, wenn er keine Aufgabe hatte, an der sich sein scharfer Geist erproben konnte. Als Arzt sah ich mit Sorge, dass er in solchen leeren Stunden zu einem künstlichen Mittel griff, um seine Unrast zu betäuben. Ich machte ihm offen und eindringlich Vorhaltungen. Bedenken Sie den Schaden, den Sie sich zufügen, sagte ich ernst. Es mag Ihren Geist für einen Augenblick beleben, doch es zehrt an Ihren Kräften und wird sich rächen. Es ist ein schlechter Tausch.
Holmes hörte mir geduldig zu. Sie haben gewiss recht, Watson, gab er zu. Mein Verstand sträubt sich gegen den Stillstand. Gebt mir Arbeit, gebt mir Rätsel, und ich brauche kein anderes Mittel. Es ist die Eintönigkeit, die ich nicht ertrage. Ich nahm mir vor, ihm so bald wie möglich eine echte Aufgabe zu wünschen, die ihn auf gesündere Weise fordern würde.
Um ihn von seiner Trübsal abzulenken, lenkte ich das Gespräch auf seine erstaunliche Beobachtungsgabe. Sie behaupten, sagte ich, aus den kleinsten Dingen die Geschichte eines Menschen ablesen zu können. Nun gut, hier ist eine Uhr, die erst seit Kurzem in meinen Besitz gelangt ist. Können Sie mir etwas über ihren früheren Eigentümer sagen? Ich reichte ihm meine Taschenuhr, im Stillen überzeugt, ihn diesmal in Verlegenheit zu bringen, denn die Uhr stammte aus dem Nachlass meines verstorbenen Bruders. Holmes wog sie in der Hand, öffnete den Deckel, betrachtete das Werk durch seine Lupe und gab sie mir nach einer Weile zurück.
Sie gehörte Ihrem älteren Bruder, sagte er ruhig, der sie von Ihrem Vater geerbt hatte. Das lesen Sie an den Anfangsbuchstaben, gewiss, sagte ich. Richtig, sagte er. Doch mehr noch: Ihr Bruder war ein unordentlicher Mensch, nachlässig und sorglos. Er hatte gute Aussichten, vergeudete sie aber; es ging ihm zeitweise gut, dann wieder schlecht, mehrmals wechselte das. Schließlich verfiel er einem Laster, dem Trunk, und ist daran früh zugrunde gegangen. Ich fuhr auf, fast unwillig. Das ist Ihrer nicht würdig, Holmes! Sie haben sich nach meinem armen Bruder erkundigt und tun nun, als hätten Sie es erschlossen. Mein lieber Watson, sagte Holmes sanft, ich versichere Ihnen, ich wusste nicht einmal, dass Sie einen Bruder hatten. Es steht alles in der Uhr geschrieben.
Und nun erklärte er es mir, und ich konnte nur staunen. Sehen Sie die Beulen und Kratzer am Gehäuse, sagte er. Das verrät einen sorglosen Besitzer, der die kostbare Uhr achtlos mit Münzen und Schlüsseln in dieselbe Tasche steckte. Im Inneren aber finden sich, klein eingeritzt, mehrere Nummern, die Zeichen eines Pfandleihers. Die Uhr wurde also mehrmals versetzt und wieder ausgelöst: ein Zeichen für Zeiten der Not, gefolgt von Zeiten, da wieder Geld da war. Und sehen Sie um das Schlüsselloch herum die vielen feinen Schrammen, wo der Schlüssel beim Aufziehen abrutschte. Eine ruhige Hand hinterlässt solche Spuren nicht. Es war die unsichere Hand eines Mannes, der die Uhr nachts mit zitternden Fingern aufzog. Da ist nichts Geheimnisvolles dabei, nur das geduldige Lesen kleiner Zeichen.
Beschämt über meinen Argwohn bat ich ihn um Verzeihung; die Erinnerung an meinen unglücklichen Bruder hatte mich empfindlich gemacht. Holmes aber winkte freundlich ab. Kaum hatten wir dies Gespräch beendet, da klopfte es, und unsere Wirtin trat ein. Eine junge Dame wünscht Sie zu sprechen, Herr Holmes, meldete sie. Eine Miss Mary Morstan. Holmes’ Augen, eben noch matt und müde, gewannen mit einem Schlag ihren alten Glanz zurück. Führen Sie sie herein, sagte er lebhaft und richtete sich auf. Da, Watson, vielleicht bringt uns diese junge Dame eben die Arbeit, nach der ich mich gesehnt habe. Vergessen wir die trübe Stunde; das Spiel beginnt.
Und so trat, ohne dass wir es ahnten, in diesem Augenblick eine junge Frau in unser Leben, die für mich zur wichtigsten von allen werden sollte. Die junge Dame, die nun eintrat, war von zierlicher Gestalt, geschmackvoll gekleidet, mit einem feinen, gütigen Gesicht und klaren, ausdrucksvollen Augen. Ich gestehe, dass ich im ersten Augenblick eine ungewohnte Bewegung in meinem Herzen verspürte; selten hatte ich ein Antlitz gesehen, das von einem so reinen und freundlichen Wesen sprach.
Sie war sichtlich erregt, doch sie nahm gefasst Platz und brachte ihr Anliegen vor. Herr Holmes, begann sie, ich komme zu Ihnen, weil mir ein höchst seltsames Rätsel keine Ruhe lässt, ein Rätsel, das mit dem Verschwinden meines Vaters zusammenhängt und mit Dingen, die ich nicht zu deuten weiß. Man hat mir gesagt, Sie könnten Licht in das Dunkelste bringen. Erzählen Sie, sagte Holmes freundlich und lehnte sich zurück, die Augen halb geschlossen, ganz Aufmerksamkeit.
Und Mary Morstan erzählte. Mein Vater war Offizier bei der Armee in Indien, begann sie. Als ich noch ein Kind war, schickte er mich zur Erziehung nach England. Vor etwa zehn Jahren erhielt er Heimaturlaub und kam nach London. Er telegrafierte mir, er sei wohlbehalten angekommen und ich solle ihn in seinem Hotel aufsuchen. Doch als ich voller Freude dort eintraf, fuhr sie mit bewegter Stimme fort, da war mein Vater fort. Am Abend zuvor war er ausgegangen und nie zurückgekehrt. Spurlos verschwunden, als hätte ihn die Erde verschluckt. Alle Nachforschungen blieben vergeblich. Seit jenem Tag habe ich nie wieder ein Lebenszeichen von ihm erhalten. Das ist nun zehn Jahre her, sagte sie leise. Und das war erst der Anfang des Sonderbaren.
Denn vor etwa sechs Jahren, fuhr Mary Morstan fort, erschien in der Zeitung eine Anzeige, die nach meiner Adresse fragte. Ich meldete mich, und am selben Tag erhielt ich mit der Post ein kleines Päckchen. Darin lag eine Perle von erlesener Schönheit, ohne ein Wort der Erklärung. Und seither, sagte sie, kommt Jahr für Jahr, am gleichen Tag, eine ebensolche Perle, stets ohne Absender, ohne jede Botschaft. Ein unbekannter Wohltäter, der im Verborgenen bleibt. Ich habe nun sechs dieser kostbaren Perlen.
Holmes setzte sich auf. Das ist in der Tat höchst merkwürdig, sagte er. Und was führt Sie gerade heute zu mir? Dies hier, sagte Mary und zog einen Brief hervor. Heute Morgen kam dieses Schreiben. Darin heißt es, mir sei Unrecht geschehen, und man wolle es gutmachen. Ich solle mich heute Abend an einem bestimmten Ort einfinden, und ich dürfe zwei Freunde mitbringen, doch keine Polizei. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, und ich fürchte mich ein wenig, allein zu gehen.
Holmes überflog den Brief und nickte. Eine kluge Vorsicht, dass Sie nicht allein gehen wollen, sagte er. Doktor Watson und ich werden Sie gern begleiten. Ich glaube, hinter diesem Rätsel verbirgt sich eine zusammenhängende Geschichte: das Verschwinden Ihres Vaters, die geheimnisvollen Perlen, dieser Brief, all das hängt gewiss miteinander zusammen. Ich beeilte mich zu versichern, dass ich Miss Morstan mit Freuden meinen Schutz anbiete, und ich fürchte, ich tat es mit größerem Eifer, als die bloße Höflichkeit verlangte, denn die anmutige junge Dame hatte es mir bereits angetan. Mary Morstan dankte uns mit einem warmen, erleichterten Lächeln, das mir ans Herz ging, und es wurde verabredet, dass wir uns am Abend treffen würden, um gemeinsam dem geheimnisvollen Ruf zu folgen.
Als sie gegangen war, rieb sich Holmes vergnügt die Hände. Ein hübscher Fall, Watson, sagte er. Verschwundene Väter, geheimnisvolle Perlen, anonyme Briefe, das ist Nahrung für den Geist. Dann sah er mich von der Seite an und lächelte fein. Und Sie, mein Freund, scheinen die Klientin überaus reizend zu finden. Ich gestand es nicht, doch ich konnte ein Erröten nicht verbergen. Eine ungewöhnlich anziehende junge Dame, sagte Holmes leichthin. Doch für mich, Watson, darf das keine Rolle spielen. Ein Detektiv muss kühlen Kopf bewahren; Gefühle trüben das Urteil. Für Sie aber, fügte er gutmütig hinzu, mag die Sache anders liegen. Ich schwieg, doch in meinem Herzen wusste ich bereits, dass dieser Abend mehr für mich bereithielt als nur ein Abenteuer.
Am Abend trafen wir uns mit Mary Morstan an einem belebten Theater, wie es der geheimnisvolle Brief bestimmt hatte. Dort erwartete uns ein Kutscher, der ohne ein Wort der Erklärung uns drei in eine Droschke bat und uns durch die abendlichen Straßen Londons davonfuhr. Lange ging die Fahrt durch ein Gewirr von Gassen, durch ärmliche, halb dunkle Viertel, bis der Wagen endlich vor einem unscheinbaren Häuschen in einer trostlosen Häuserzeile hielt. Wir waren ein wenig beklommen, doch als sich die Tür öffnete, traten wir aus der dürftigen Umgebung unversehens in ein Inneres von erlesenem Luxus: dicke Teppiche, kostbare Vorhänge, Lampen aus dem Morgenland, ein Duft von Weihrauch. Inmitten all dieser Pracht erwartete uns ein kleiner, kahlköpfiger Mann, der nervös die Hände rang und dessen Gesicht unaufhörlich zuckte.
Er stellte sich als Thaddeus Sholto vor und hieß uns mit ängstlicher Höflichkeit willkommen. Verzeihen Sie das sonderbare Vorgehen, sagte er mit dünner, hastiger Stimme, aber die Sache ist heikel, und ich bin ein kränklicher, nervöser Mensch, der die Aufregung scheut. Doch setzen Sie sich, bitte. Ich habe Ihnen viel zu erzählen, Dinge, die vor allem Sie, Miss Morstan, von Herzen angehen. Mary, blass vor Erwartung, nahm Platz, und wir lauschten gespannt, während der kleine Mann seine seltsame Geschichte begann.
Mein Vater, begann Thaddeus Sholto, war Major John Sholto, einst Offizier in Indien. Dort diente er gemeinsam mit Ihrem Vater, Miss Morstan, mit Hauptmann Morstan. Die beiden waren Kameraden, und sie teilten ein Geheimnis: einen großen, kostbaren Schatz, der ihnen in Indien zugefallen war, ein wahres Vermögen an Gold und Edelsteinen. Mein Vater kehrte als reicher Mann nach England zurück und lebte fortan in Wohlstand auf seinem Landsitz. Doch eines lastete schwer auf ihm. Thaddeus senkte die Stimme. Vor zehn Jahren kam Ihr Vater, Hauptmann Morstan, nach England und suchte meinen Vater auf, um seinen Anteil an dem Schatz einzufordern. Es kam zu einem heftigen Streit zwischen den beiden alten Kameraden.
Und nun, fuhr Thaddeus mit bebender Stimme fort, muss ich Ihnen etwas Trauriges sagen, Miss Morstan, und ich bitte Sie, tapfer zu sein. Ihr Vater hatte ein schwaches Herz. In der Hitze des Streites, in größter Erregung, brach er plötzlich zusammen und war auf der Stelle tot, ohne dass ihn jemand berührt hätte. Es war sein eigenes Herz, das versagte. Mary erbleichte und schlug die Hand vor den Mund; nun endlich erfuhr sie, nach zehn langen Jahren des Ungewissen, das Schicksal ihres Vaters.
Mein Vater geriet in Panik, fuhr Thaddeus leise fort. Er fürchtete, man werde ihn des Mordes verdächtigen, und überdies hing sein Herz an dem ungeteilten Schatz. So traf er die unselige Entscheidung, den Tod zu verbergen. Darum ist Ihr Vater damals scheinbar spurlos verschwunden. Es war keine böse Tat an ihm, nur die Furcht eines schwachen Mannes. Mary weinte still, doch in ihren Tränen lag auch Erleichterung, endlich Gewissheit zu haben.
Mein Vater, erzählte Thaddeus weiter, trug dieses Geheimnis viele Jahre mit sich herum, und es zehrte an ihm. Als er im Sterben lag, rief er meinen Bruder Bartholomew und mich zu sich, um uns alles zu offenbaren: den Schatz, sein Versteck und das Unrecht, das er Ihrem Vater und Ihnen angetan hatte. Er sagte uns, Sie, Miss Morstan, hätten ein Anrecht auf einen gerechten Anteil, und er bat uns, es wiedergutzumachen. Doch gerade als er das Versteck des Schatzes nennen wollte, da überkam ihn ein jäher Schreck, er starrte zum Fenster, als sähe er dort ein furchtbares Gesicht, und mit diesem Schrecken erlosch sein Leben, ehe er das Geheimnis ganz preisgeben konnte. So blieb uns nur die Gewissheit, dass irgendwo ein Schatz verborgen lag, doch nicht das Wo. Mein Bruder und ich suchten lange vergeblich.
Eines aber tat ich von mir aus, sagte Thaddeus, und ein gütiger Zug trat in sein nervöses Gesicht. Da ich das Unrecht an Ihnen nicht ertrug, Miss Morstan, sandte ich Ihnen Jahr für Jahr im Geheimen eine Perle aus einer kleinen Truhe, die uns geblieben war, damit Sie wenigstens einen kleinen Teil dessen erhielten, was Ihnen zustand. Sie also waren mein unbekannter Wohltäter, rief Mary bewegt. Der nämliche, sagte Thaddeus mit einem scheuen Lächeln. Und nun gibt es eine große Neuigkeit: Mein Bruder Bartholomew hat den Schatz endlich gefunden! Er lag all die Jahre verborgen in einem geheimen Winkel unseres alten Hauses. Nun ist es an der Zeit, dass Ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Darum habe ich Sie rufen lassen. Lassen Sie uns alle gemeinsam zu meinem Bruder fahren und Ihren rechtmäßigen Anteil einfordern.
So brachen wir auf, hinaus in die Nacht, dem Schatz und, wie sich zeigen sollte, einem neuen, dunklen Geheimnis entgegen. Unsere Droschke brachte uns schließlich vor ein großes, düsteres Anwesen, das von einer hohen Mauer umgeben war: Pondicherry Lodge, das alte Haus der Sholtos. Schon im Schein der Laternen sahen wir, dass der ganze Garten umgewühlt und durchwühlt war, voller Gruben und Erdhaufen, die Spuren jahrelangen, vergeblichen Suchens nach dem verborgenen Schatz. Ein alter Diener ließ uns ein, doch eine sonderbare Unruhe lag über dem Haus. Thaddeus wurde immer nervöser. Mein Bruder erwartet uns, sagte er, doch seine Tür ist verschlossen, und er antwortet nicht.
Eine dumpfe Ahnung beschlich uns alle, als wir die Treppe hinaufstiegen zu dem Zimmer, in dem Bartholomew Sholto sich mit dem gefundenen Schatz eingeschlossen hatte. Wir klopften und riefen, keine Antwort. Durch ein kleines Fenster über der Tür spähte Holmes hinein, und sein Gesicht wurde ernst. Dann brachen wir gemeinsam die Tür auf. Im Inneren bot sich uns ein trauriger Anblick: Bartholomew Sholto saß reglos in seinem Sessel, und es war sogleich klar, dass kein Leben mehr in ihm war. Er war tot, doch ohne sichtbare schwere Verletzung. Nur ein winziger dunkler Dorn steckte in seiner Haut, kaum größer als ein Splitter. Ich, als Arzt, untersuchte ihn behutsam und erkannte rasch: Dieser kleine Dorn war mit einem starken, raschen Gift versehen gewesen. So lautlos und so schnell hatte der Tod ihn ereilt.
Und der Schatz? Die schwere eiserne Truhe, in der Bartholomew das gefundene Vermögen verwahrt hatte, stand offen und leer. Der ganze Agra-Schatz war fort, gestohlen in eben dieser Nacht. Auf dem Tisch aber lag ein Zettel, mit groben Buchstaben beschrieben. Holmes hob ihn auf und las die seltsamen Worte vor: Das Zeichen der Vier. Das also, murmelte er nachdenklich, ist die Unterschrift der Täter. Vier Männer, die durch ein altes Band verbunden sind. Hier, Watson, liegt der Schlüssel zu einer langen, dunklen Geschichte, die bis nach Indien zurückreicht. Der arme Thaddeus war außer sich vor Schreck und Kummer über den Tod seines Bruders, und Mary Morstan, kaum dass sie vom Schicksal ihres Vaters erfahren hatte, sah sich nun in ein neues, finsteres Geheimnis verstrickt.
Holmes aber bewahrte die Ruhe und begann sogleich, das Zimmer mit seinem geübten Blick zu mustern. Sehen Sie, sagte er leise, der Schatz wurde nicht durch die verschlossene Tür fortgeschafft. Die Diebe müssen einen anderen Weg gefunden haben. Sein Blick wanderte zur Decke, wo eine kleine Luke in den Dachboden führte, und zu dem Seil, das vom Fenster herabhing. Hier beginnt sich das Bild zu fügen, sagte er. Zwei Männer waren am Werk, das lese ich bereits aus den Spuren. Doch lassen Sie mich erst alles genau betrachten, ehe ich spreche. Und während die anderen erschüttert beieinanderstanden, machte sich Sherlock Holmes mit seiner Lupe ans Werk, ruhig und unbeirrt, und las das stumme Zeugnis des Zimmers wie ein offenes Buch.
Er kroch durch das Zimmer und über den Dachboden, untersuchte das Seil, den Staub, die Fensterbank, und nach und nach setzte sich vor seinen Augen zusammen, was in dieser Nacht geschehen war. Hören Sie, was ich lese, sagte er endlich und richtete sich auf. Zwei Männer haben den Schatz geraubt. Der eine ist ein kräftiger Mann mit einem Holzbein; seine Spuren und die Art, wie er sich am Seil emporzog, verraten ihn deutlich. Er kam durch das Fenster herein. Der andere aber, fuhr Holmes fort, ist höchst sonderbar: ein winziger, flinker Gefährte mit ganz kleinen, nackten Füßen. Er gelangte durch die Dachluke ins Zimmer und ließ dem Großen das Seil herab. Sehen Sie die kleinen Fußabdrücke im Staub, sie sind kaum größer als die eines Kindes, und doch sind es die eines erwachsenen, sehr kleinen Menschen.
Und der vergiftete Dorn, fragte ich. Der kam von ihm, sagte Holmes. Der kleine Gefährte führte ein Blasrohr, mit dem er solche Giftdornen verschießt, eine Waffe aus fernen Ländern. Damit traf er den armen Bartholomew. Ich vermute, der kleine Mann stammt von den Andamanen-Inseln, fernab in Indien; nur dort kennt man solche Pfeile und solche kleinen Menschen. Ich staunte, wie Holmes aus ein paar Spuren ein ganzes Bild der Tat erstehen ließ, zwei Gestalten, einen hünenhaften Holzbeinmann und seinen winzigen, gefährlichen Begleiter, die in der Nacht über das Dach gekommen waren, um den Schatz zu rauben. Es sind zwei von den vieren, die der Zettel nennt, sagte Holmes. Und der Holzbeinmann, ich wette, sein Name wird uns bald begegnen.
Indessen war auch die Polizei eingetroffen, in Gestalt eines selbstgefälligen Beamten namens Athelney Jones. Dieser Herr, voller Eifer und ohne Holmes’ feinen Blick, sah sich kurz um und glaubte sogleich, alles zu durchschauen. Ein klarer Fall, verkündete er und ließ kurzerhand den erschütterten Thaddeus Sholto sowie ein paar Hausbewohner als Verdächtige festnehmen, Menschen, die mit der Tat nicht das Geringste zu schaffen hatten. Holmes lächelte nur nachsichtig über so viel Eifer am falschen Ort. Lassen Sie ihn, sagte er leise zu mir. Er verhaftet die Unschuldigen, während die wahren Täter mit dem Schatz entkommen. Wir aber werden unsere eigene Spur verfolgen, und sie wird uns weiterführen als alle Vermutungen dieses guten Mannes.
So überließ Holmes die Polizei ihrem Irrtum und ging seinen eigenen, sichereren Weg. Der Holzbeinmann und sein kleiner Gefährte sind über das Dach geflohen, sagte Holmes, und der Kleine ist dabei in etwas Klebriges getreten, in Kreosot, einen teerartigen Stoff, der einen scharfen Geruch hinterlässt. Diesen Geruch, sagte Holmes mit blitzenden Augen, können wir nutzen. Wie das, fragte ich. Mit einem treuen Helfer auf vier Beinen. Ich kenne einen Hund namens Toby, ein hässliches, doch wunderbares Tier mit der feinsten Nase Londons. Wenn jemand eine Kreosot-Spur durch die ganze Stadt verfolgen kann, dann Toby. So wurde der Hund geholt, und bald stand das eifrige, zottige Tier schwanzwedelnd vor uns, bereit, uns auf der unsichtbaren Duftspur der Diebe zu führen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.