Nach den Brüdern Grimm · 7 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Das Waldhaus
Ein armer Holzhauer wohnte mit seiner Frau und drei Töchtern am Rand eines großen Waldes. An einem Wintermorgen, als der Frost noch in den Fensterritzen saß, sagte er beim Anziehen zu seiner Frau, ich gehe heute weit hinein, dort steht das gute Holz. Schick mir die Älteste mit dem Mittagessen nach, sonst werde ich nicht fertig. Und damit sie den Weg findet, streue ich Hirsekörner. Dann nahm er die Axt auf die Schulter und trat in den grauen Morgen hinaus, und die Tür fiel hinter ihm zu.
Um die Mittagszeit machte sich die Älteste auf. Sie hatte den Topf in ein Tuch geschlagen und trug ihn vor sich her, damit die Wärme nicht zu schnell hinausging. Aber die Körner lagen nicht mehr da. Die Vögel des Waldes waren gekommen, Meise und Fink und Amsel, und hatten alles aufgepickt bis auf das letzte. So ging das Mädchen weiter, wie es meinte geradeaus, und der Wald wurde dichter, und der Schnee zwischen den Stämmen lag so unberührt, dass jeder Schritt darin zu hören war.
Der Nachmittag verging schnell, wie er im Winter vergeht. Erst wurde der Himmel dunkler als der Schnee, dann waren die Stämme nur noch Striche. Das Mädchen blieb stehen und rief, und niemand antwortete. Die Finger taten weh vom Henkel, und das Essen im Topf war längst kalt. Da hörte es aus der Dunkelheit einen Laut, der kein Waldlaut war. Eine Kuh muhte, lang und ruhig, so wie eine Kuh im Stall muht, wenn sie jemanden kommen hört. Das Mädchen ging dem Ton nach, und der Ton kam wieder.
Zwischen den Bäumen stand ein niedriges Haus, und durch die Ritzen der Läden fiel ein rötlicher Schein. Das Mädchen klopfte, und eine Stimme rief herein. Drinnen saß ein steinalter Mann am Herd, und sein Bart lag ihm über die Knie bis auf die Dielen. Am warmen Ofen hockten ein Hühnchen und ein Hähnchen, und in der Ecke, wo das Stroh lag, ruhte eine schöne bunte Kuh und wiederkäute. Es roch nach Rauch und nach warmem Tier, und dem Mädchen fiel das Sprechen schwer vor lauter Wärme.
Endlich bat es um ein Nachtlager. Der Alte antwortete nicht selbst, sondern wandte sich um und sprach, schön Hühnchen, schön Hähnchen, und du schöne bunte Kuh, was sagst du dazu? Duks, machten die drei, und das hieß in ihrer Sprache so viel wie, wir sind es zufrieden. Da sagte der Alte, hier sei genug für alle, das Mädchen solle nur in die Küche gehen und ihnen etwas kochen. Es fand Mehl und Speck und machte eine Speise daraus und stellte sie auf den Tisch.
Es aß mit dem Alten und aß sich satt, und an die Tiere dachte es nicht. Dann sagte es, nun sei es müde, wo denn ein Bett stehe. Da antworteten die drei vom Herd her, du hast mit ihm gegessen, du hast mit ihm getrunken, du hast an uns gar nicht gedacht, nun sieh auch, wo du bleibst die Nacht. Der Alte sagte nur, geh die Treppe hinauf, oben ist eine Kammer. Das Mädchen ging hinauf und schlief bald ein, und in der Nacht kam der Alte und ließ das Bett hinunter in den Keller.
Am Abend kam der Holzhauer heim und schalt, dass man ihn habe hungern lassen. Am nächsten Tag nahm er Linsen, die seien größer und besser zu sehen, und schickte die zweite Tochter hinterher. Die Linsen waren fort, ehe sie ging, und nur eine einzige lag noch da, in eine Fußspur eingefroren, und ließ sich mit dem Nagel nicht herausbrechen. Da sah die Zweite ein, dass sie den Weg allein finden musste, und ging schneller, als gut war, und das Licht wurde ihr unter den Händen weg dunkel.
Auch sie hörte die Kuh rufen, auch sie fand das niedrige Haus und den roten Schein in den Ritzen der Läden. Der Alte fragte seine Tiere, und die Tiere sagten Duks. Sie kochte und aß und sah nicht hin, als das Hühnchen dicht an ihren Schuh trat und stehen blieb, und sie hörte nicht, dass die Kuh in der Ecke aufhörte zu kauen, solange sie am Tisch saß. Als sie um ein Lager bat, sagten die drei am Herd ihren Spruch, und der Alte wies sie die Treppe hinauf. Und am Morgen war ihr Platz am Tisch daheim so leer wie der Platz der Schwester.
Am dritten Tag streute der Vater Erbsen und schickte die Jüngste. Sie ging im letzten Licht durch den Schnee, und der Wind trieb ihr feinen Staub von den Zweigen ins Gesicht. Sie hörte die Kuh, fand das Haus und klopfte an, und der Alte fragte seine Tiere, und die Tiere sagten Duks. Sie kochte dem Alten ein Essen und trug es ihm auf, aber sie setzte sich nicht dazu. Sie sagte, sollen wir uns hier satt essen, und die guten Tiere haben nichts? Draußen steht Futter genug, ich will ihnen zuerst geben.
Sie holte Gerste und streute sie dem Hühnchen und dem Hähnchen hin, dass beide zu scharren anfingen, und sprach ihnen gut zu dabei. Der Kuh brachte sie einen Arm voll duftendes Heu und einen Eimer Wasser, und weil das Wasser eiskalt war, hielt sie den Eimer erst eine Weile nah an den Herd. Die Kuh soff in langen Zügen, und man hörte nichts als das Wasser und das Feuer. Dann erst setzte sie sich zu dem Alten, aß, was übrig war, und ihr wurde warm bis in die Fingerspitzen.
Als sie um ein Lager bat, sagten die Tiere nichts Böses. Sie sagten, du hast mit uns gegessen, du hast mit uns getrunken, du hast uns alle wohl bedacht, wir wünschen dir eine gute Nacht. Der Alte wies ihr die Kammer oben. Sie schlief rasch ein. Um Mitternacht ging ein Rühren durch das Haus, ein Knarren und Rücken, als würde etwas Schweres gehoben, und ein Ton wie von vielen Stimmen weit weg. Sie hörte es halb im Schlaf, zog die Decke höher und schlief weiter.
Als sie am Morgen die Augen aufschlug, lag sie in einem hohen Bett mit seidenen Vorhängen. Auf einem Stuhl daneben hingen Kleider, und durch ein Fenster, so groß wie zu Hause die Tür, kam das weiße Licht des Schnees herein. Sie zog sich an und trat hinaus, und da war keine niedrige Kammer mehr und keine Treppe aus rohem Holz, sondern ein Saal, und Diener standen darin und verneigten sich, und in der Tür stand ein junger Königssohn.
Er sagte ihr, wer er war. Eine böse Zauberin hatte ihn und sein Gesinde verwünscht, ihn selbst in einen alten Mann mit einem Bart bis auf die Erde, und drei seiner treuesten Leute in ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine bunte Kuh. Erlöst werden konnte er nur, wenn ein Mensch käme, der nicht bloß gegen ihn ein gutes Herz hätte, sondern auch gegen die Tiere. Ihre beiden Schwestern seien wohl aufgehoben, und man werde sie heraufholen, sobald es hell genug wäre.
Boten fuhren an den Waldrand und holten den Holzhauer und seine Frau, und es wurde Hochzeit gehalten. Der Vater saß in dem hellen Saal, drehte seine Mütze in den Händen und wusste nicht, wohin er zuerst sehen sollte, und die Mutter hielt die ganze Zeit die Hand ihrer Jüngsten fest. Die beiden älteren Schwestern brachte man zu einem Köhler tief im Wald. Dort blieben sie in Dienst und hüteten das Feuer unter den Meilern, so lange, bis sie sich gebessert hätten.
Am Nachmittag trat die junge Königin vor das Tor und sah dorthin, wo das niedrige Haus gestanden hatte. Da lag jetzt eine breite Treppe aus hellem Stein, und der Schnee auf den Stufen war schon fortgekehrt. Weiter draußen aber, wo der Weg in den Wald hineinging, standen noch die kleinen Spuren der Vögel kreuz und quer im Schnee, dicht an dicht und ohne Ordnung, dort, wo sie die Hirse und die Linsen und die Erbsen aufgelesen hatten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.