Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen

Das verzauberte Schloss

In den Zeiten der Kalifen, als die Nacht über den Dächern von Bagdad lag wie ein schweres, sternbesticktes Tuch und die Öllampen in den Gassen ihr letztes Licht verbrannten, da begab es sich, dass ein junger König namens Badr in seinem Palast saß und nicht schlafen konnte. Sein Reich war friedlich, seine Untertanen zufrieden, seine Schatzkammern voll, doch in seinem Herzen war eine Leere, so still und so tief wie ein Brunnen, in den man ruft und keine Antwort hört. Er trat hinaus auf die Terrasse, atmete den Duft des Jasmins ein, der die Säulen umrankte, und blickte in die Wüste hinaus, die sich jenseits der Stadtmauern bis zum Horizont erstreckte.

Dort, weit draußen, wo die Wüste aufhörte und das Mondlicht auf etwas fiel, das kein Dünenland sein konnte, schimmerte etwas. Badr rieb sich die Augen. Es war kein Irrlicht, kein Spiegelbild, kein Traum — es war ein Glanz, ruhig und stetig wie ein zweiter Mond, der sich am Boden niedergelassen hatte. Er rief seinen treuesten Wesir, einen alten Mann mit weißem Bart und klugen Augen, und zeigte ihm das Leuchten. Der Wesir schwieg lange.

O mein Herr, sprach er schließlich, die alten Bücher berichten von einem Schloss aus weißem Stein, das in der Wüste steht und in keiner Karawane je eingezeichnet war, ein Schloss, das manchmal erscheint und manchmal nicht, je nach dem Willen dessen, der es bewohnt. Badr ließ sich nicht halten. Noch in derselben Nacht rüstete er ein kleines Gefolge aus, nur drei treue Männer und zwei Kamele, und ritt hinaus in die Wüste, dem Leuchten entgegen. Die Luft war kühl und duftete nach trockenem Gras und fernem Regen. Die Sterne standen so tief, dass man meinte, sie berühren zu können, und der Sand unter den Hufen der Kamele flüsterte bei jedem Schritt.

Je weiter sie ritten, desto deutlicher wurde der Glanz, bis sie schließlich, als die Nacht ihren tiefsten Punkt erreicht hatte, vor einem Tor standen, das aus reinem weißem Marmor gefertigt war, eingelegt mit blauen Fliesen und stillen Brunnen zu beiden Seiten. Das Schloss war von einer Schönheit, die den Atem stocken ließ. Türme erhoben sich wie Finger in den Nachthimmel, ihre Kuppeln golden beschlagen und vom Mondlicht angestrahlt, als wären sie aus Licht selbst gemacht. Die Mauern waren mit Mosaiken bedeckt, Vögel, Blumen, verschlungene Linien, die das Auge immer weiter führten, immer tiefer, immer ruhiger.

In den Gärten, die zwischen den Innenhöfen lagen, blühten Rosen von einer Farbe, die Badr nie zuvor gesehen hatte, nicht rot, nicht rosa, sondern beides zugleich, wie die Farbe des Himmels in dem Moment, bevor die Sonne wirklich aufgeht. Doch das Schloss war still. Keine Wachen standen am Tor. Keine Diener huschten durch die Korridore. Keine Stimmen klangen aus den erleuchteten Fenstern.

Nur die Brunnen plätscherten, und irgendwo in der Tiefe des Gebäudes sang jemand, leise, kaum hörbar, eine Melodie ohne Worte, die sich in die Nachtluft wob wie Rauch in Wind. Badr ließ seine Männer am Tor zurück und trat allein ein, denn er spürte, dass dies ein Ort war, an dem man allein sein musste. Er schritt durch Säulenhallen, deren Böden aus schwarzem und weißem Marmor gefertigt waren und in denen die Öllampen in ihren vergoldeten Halterungen ein warmes, goldenes Licht verbreiteten.

Er schritt durch Zimmer voller Bücher, die in Regale aus Zedernholz gereiht waren, und Zimmer voller Stoffe, Seide, Brokat, Kaschmir, in Farben, die wie Träume aussahen. Er schritt durch einen Garten unter einem Glasdach, in dem Zitronenbäume wuchsen und Nachtigallen schliefen, die Köpfe unter die Flügel gesteckt. Und schließlich fand er sie. Sie saß in einem Zimmer, dessen Wände mit Spiegeln bedeckt waren, und jeder Spiegel zeigte ein anderes Bild, einen anderen Ort, eine andere Zeit, eine andere Welt. Sie selbst war in weißen Seide gekleidet, ihr Haar offen und dunkel wie die Nacht, ihre Hände auf den Knien gefaltet. Sie sah ihn an, als hätte sie ihn erwartet.

Wisse, o Fremder, sprach sie ruhig, ich bin Qamar, Tochter eines Dschinns und einer Sterblichen, und dieses Schloss ist mein Gefängnis und mein Palast zugleich. Ich wurde hierher gebracht, als ich noch ein Kind war, und seitdem bin ich hier, nicht unglücklich, doch allein. Badr setzte sich ihr gegenüber auf ein Kissen aus Purpur und hörte zu. Sie erzählte ihm von dem Dschinn, der ihr Vater war, einem mächtigen, aber nicht bösen Geist, der sie hierher gebracht hatte, um sie zu schützen, nachdem ihre Mutter gestorben war.

Sie erzählte ihm von den Jahren, die vergangen waren wie Wasser, ruhig und stetig, und von den Büchern, die sie gelesen hatte, und den Liedern, die sie komponiert hatte, und den Gärten, die sie angelegt hatte. Und sie erzählte ihm, dass das Schloss sichtbar wurde, wann immer jemand an seine Türen klopfte, der nicht von Gier oder Angst getrieben war, sondern von jener stillen, unerklärlichen Sehnsucht, die manchmal Menschen nachts aus dem Schlaf treibt.

Badr verstand. Er hatte nicht gewusst, warum er geritten war — er hatte das Leuchten gesehen und war ihm gefolgt, ohne zu fragen, ohne zu zögern, wie man einem Traum folgt, der einen bei der Hand nimmt. Jetzt saß er in einem verzauberten Schloss in der Wüste, einer Frau gegenüber, die er seit einer Stunde kannte und die er zu kennen schien seit dem Beginn der Zeit.

Die Nacht lag um sie wie ein warmer Mantel. Sie sprachen bis zum Morgengrauen, über Bücher und über Sterne, über die Stille der Wüste und das Rauschen des Meeres, das Qamar nur aus Beschreibungen kannte, über Träume und über die seltsame Kunst, in einer Welt zu leben, die größer ist als man selbst. Als die ersten Streifen Helligkeit den Horizont berührten, stand Badr auf und sagte: Ich werde wiederkommen. Qamar lächelte, und ihr Lächeln war ruhig und gewiss, wie das Aufgehen der Sonne. Ich weiß, sagte sie nur.

Und er kam wieder. Nacht für Nacht ritt er hinaus in die Wüste, und Nacht für Nacht war das Schloss da, wartend, leuchtend, still. Er brachte ihr Bücher aus seiner Bibliothek, Früchte aus seinen Gärten, Geschichten aus seinem Reich. Sie zeigte ihm die Spiegel, von denen jeder ein Fenster in eine andere Welt war, und lehrte ihn, darin zu lesen wie in einer Schrift, die keine Buchstaben kennt, nur Bilder. Die Nächte wurden kürzer, wie Nächte es im Sommer tun, und doch schienen sie länger zu werden, reicher, voller, schwerer von Bedeutung.

Schließlich, in einer Nacht, als der Mond vollständig war und sein Licht das Schloss in reines Silber tauchte, erschien der Dschinn. Er war riesig und strahlend, sein Gewand aus Flammen und sein Bart aus Rauch, doch seine Augen waren die Augen eines Vaters, prüfend, aber nicht ungnädig. Er betrachtete Badr lange. Er betrachtete seine Tochter. Er betrachtete die Bücher, die zwischen ihnen lagen, und die leeren Teeschalen, und die Stille, die zwischen den beiden so vertraut war wie ein altes Lied. O König, sprach der Dschinn, und seine Stimme war wie Wind in hohen Kuppeln, du hast meine Tochter nicht mit Reichtum oder Macht umworben, sondern mit Aufmerksamkeit. Das ist die seltenste Gabe, die ein Mensch besitzt.

Er streckte seine Hand aus, eine Hand so groß wie ein Tor, und legte sie sacht auf die Schultern der beiden. Das Schloss wird bleiben, sagte er, doch von nun an wird seine Tür auch am Tag offen stehen. Und so geschah es. Das Schloss in der Wüste blieb bestehen, sichtbar nun für alle, die es suchen, ein Ort der Bücher und der Gärten, der Spiegel und der Nachtigallen, der ruhigen Gespräche und der langen Nächte. Badr und Qamar regierten gemeinsam, er sein Reich, sie ihr Schloss, und wer des Weges kam und klopfte, wurde eingelassen und bewirtet und durfte in den Spiegeln lesen, bis er müde wurde und einschlief.

Und noch heute, so sagen die alten Männer am Hafen und die Händler auf den Karawanenwegen, wenn man in der Wüste nachts ein Leuchten sieht, ruhig und stetig, wie ein zweiter Mond am Boden, dann ist es gut, ihm zu folgen, denn es führt zu einem Ort, an dem die Bücher nach altem Papier und Zedernholz duften, die Brunnen sanft plätschern und die Nacht so warm und so weit ist wie der Schlaf selbst.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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