Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen
Das verlorene Königreich
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne noch Namen trugen und die Wüste ihre Geheimnisse flüsterte an alle, die lauschen wollten, lebte in der Stadt Bagdad ein alter Gelehrter namens Harun ibn Zayd. Er kannte die Bewegungen der Gestirne, die Sprache der Vögel und die sieben Namen des Windes, doch das eine, wonach er sich am meisten sehnte, war ein Reich, von dem die alten Schriften sprachen, ein Königreich, das einst mitten in der Wüste gestanden hatte, schöner als jeder Palast, reicher als jede Schatzkammer, und das nun seit vielen Jahrhunderten verschwunden war.
Eines Abends, als die Lampen im Basar erloschen und der Duft von Kardamom und Zedernholz noch in den Gassen hing, fand Harun in seinem Büchersaal eine Rolle, die er nie zuvor gesehen hatte. Das Pergament war so dünn wie Mondlicht, die Schrift so fein wie Spinnenfäden. Mit zitternden Händen entrollte er sie und las, was dort in goldener Tinte geschrieben stand: eine Karte, ein Name, eine Warnung. Das Königreich Iram der Säulen liegt dort, wo der Morgenstern auf die Erde trifft, doch nur jener findet es, dessen Herz ohne Gier ist.
Harun saß lange in der Stille seiner Kammer, den Kopf in die Hände gestützt, das Herz schwer und zugleich erfüllt von einer Sehnsucht, die er nicht benennen konnte. Er war kein junger Mann mehr, seine Finger waren von der Tinte gefärbt, sein Rücken von den Jahren gebogen, und doch fühlte er, wie etwas in seiner Brust aufflammte, warm und unaufhaltsam, wie eine Öllampe, die nach langer Dunkelheit wieder entzündet wird. Er beschloss noch in jener Nacht, das verlorene Königreich zu suchen.
Am nächsten Morgen, bevor der Muezzin rief und die Stadt erwachte, band Harun sein bescheidenes Reisegepäck zusammen: ein paar Brote, einen Schlauch Wasser, seine Schreibrolle und die geheimnisvolle Karte. Er nahm kein Gold mit, keine kostbaren Gewänder, nur das Notwendigste, wie es ein Pilger trägt, der nicht die Welt beeindrucken, sondern sie verstehen will. Eine alte Karawane zog nach Osten, und Harun schloss sich ihr an, ohne großes Aufsehen, ein stiller Mann unter stillen Männern. Die Reise dauerte viele Tage.
Die Wüste empfing sie mit ihrer unnachgiebigen Weite, ein Meer aus goldrotem Sand, das sich bis zum Horizont erstreckte, als hätte die Erde selbst aufgehört zu existieren und wäre zu reinem Licht geworden. Die Karawane rastete in Oasen, wo Dattelpalmen ihre Fächer über stillen Teichen ausbreiteten, und die Nächte waren so klar und kühl, dass Harun meinte, er könne die Sterne mit den Fingern berühren. Jeden Abend entfaltete er die Karte und verglich die Sternbilder am Himmel mit den Zeichen auf dem Pergament. An einem Abend, als die Karawane früh die Zelte aufschlug und die Männer erschöpft schliefen, sah Harun etwas am Horizont:
einen einzigen, leuchtenden Punkt, heller als alle anderen Sterne, der langsam zur Erde hinabzusinken schien. Er stand auf, ohne ein Wort, und folgte dem Licht, durch Dünen, die im Mondschein silbern schimmerten, vorbei an Felsen, die wie Schlafende aus dem Sand ragten, immer weiter, immer tiefer in die Stille der Nacht. Dann blieb er stehen. Vor ihm erhob sich aus dem Sand ein Stadttor, uralt, aus Stein gemeißelt, der wie erstarrtes Feuer schimmerte, rot und golden und warm. Säulen standen zu beiden Seiten, so hoch wie Minarette, mit Inschriften bedeckt in einer Sprache, die er kannte: die Sprache der ersten Menschen, jene Schrift, die man in keinem Büchersaal lernt, sondern nur versteht, wenn das Herz ruhig ist.
Harun legte die Hand an den Stein und spürte eine Wärme, die nicht von der Sonne stammen konnte, denn es war Nacht, und die Wüste war kalt. Das Tor öffnete sich. Hinter dem Tor lagen Straßen, gepflastert mit Mosaiken aus Lapislazuli und Malachit, die im Mondlicht aufleuchteten wie ein schlafendes Meer. Paläste mit goldenen Kuppeln und Türmen aus weißem Alabaster säumten die Wege, ihre Fenster mit Gitter aus Silber versehen, aus denen der Duft von Jasmin und Sandelholz drang wie ein sanfter Atem. Brunnen plätscherten auf Plätzen, die still und leer lagen, und doch hatte Harun das Gefühl, dass die Stadt nicht verlassen war, nur schlafend, wartend, atemlos.
Er wandelte durch die Straßen wie in einem Traum, die Hände leicht ausgestreckt, als wolle er sich vergewissern, dass alles wirklich war. In einem Garten fand er einen Brunnen aus schwarzem Marmor, umgeben von Rosen, deren Blüten so weiß waren wie Schnee. Daneben stand eine Bank aus Zedernholz, auf der eine Schlafende lag, eine alte Frau, das Gesicht so ruhig wie das Gesicht eines Kindes, die Hände gefaltet über einem Buch, das auf ihrer Brust lag. Harun näherte sich leise. Das Buch auf der Brust der Schlafenden war kein gewöhnliches Buch, sein Einband war aus einem Stoff gearbeitet, der weder Leder noch Seide war, und es schimmerte in den Farben des Abendhimmels, blau und rosa und golden.
Vorsichtig, mit dem Atem, den er kaum zu atmen wagte, schlug er es auf, und fand auf der ersten Seite sein eigenes Gesicht, gemalt in feinen Linien, mit seinem eigenen Ausdruck des Erstaunens. Wisse, o Gelehrter, sprach da eine Stimme, und die alte Frau öffnete die Augen, ohne sich zu bewegen, du bist nicht der Erste, der uns gesucht hat. Aber du bist der Erste, der ohne Gier kam. Harun ließ das Buch sachte sinken und verneigte sich tief, denn er erkannte, dass er nicht vor einer gewöhnlichen Frau stand.
O meine Herrin, sprach er, ich habe nicht nach Schätzen gesucht, sondern nach dem, was vergessen ist, nach dem, was einmal schön war und nun nicht mehr gesehen wird. Die Frau lächelte, und ihr Lächeln war wie das Aufgehen des Mondes. Sie erhob sich langsam von der Bank und reichte ihm die Hand, und als Harun sie ergriff, spürte er, wie die ganze Stadt um ihn herum einen stillen Atemzug tat. Die Brunnen plätscherten lauter, der Jasmin duftete stärker, und in den Fenstern der Paläste flackerten Lichter auf, als ob Öllampen entzündet würden, eine nach der anderen, in der Stille der Nacht.
Die Frau führte ihn durch Gärten und über Brücken aus Rosengranit, vorbei an Teichen, in denen Fische aus purem Gold schwammen, und erklärte ihm mit ruhiger Stimme, was das Königreich Iram einst gewesen war: eine Stadt der Weisen, erbaut nicht aus Ehrgeiz, sondern aus dem Wunsch, das Schöne zu bewahren. Die Könige, die hier regiert hatten, hatten keine Heere aufgestellt und keine Nachbarn unterworfen — sie hatten Gärten angelegt und Bibliotheken gebaut, Musik gepflegt und Sternwarten errichtet,
und als die Zeit gekommen war, da die Welt ihre Weisheit nicht mehr hören wollte, hatten sie das Königreich in den Schlaf gelegt, wie ein Mutter ihr Kind bedeckt, behutsam und mit Liebe. Warum zeigst du mir das alles? fragte Harun, als sie auf einer Terrasse standen, von der aus man die ganze Stadt überblicken konnte, ein Meer aus Licht und Mosaiken, stiller als jeder Traum.
Die Frau sah ihn lange an, bevor sie antwortete. Weil es Zeiten gibt, o Gelehrter, da braucht die Schönheit einen Zeugen. Nicht jemanden, der sie besitzt, sondern jemanden, der sie gesehen hat und weitererzählen kann. Harun blieb bis zum Morgengrauen in Iram der Säulen. Er saß in der großen Bibliothek des Palastes, umgeben von Büchern, die er nie zuvor gesehen hatte, und schrieb in seine Rolle, was er sah und hörte und spürte.
Er schrieb von dem Duft des Jasmins und dem Klang der Brunnen, von den Mosaiken unter seinen Füßen und dem Schimmern der goldenen Kuppeln im Mondlicht, von der alten Frau und ihren Worten, die wie Wasser in die Erde sanken und dort blieben. Als der Morgenstern erblasste und das erste Grau des Tages den Himmel berührte, führte die Frau ihn wieder zum Stadttor.
Du wirst nicht zurückkehren können, sagte sie, denn das Tor öffnet sich nur einmal für jeden, der es ohne Gier findet. Aber was du gesehen hast, trägt du in deinem Herzen, und das ist mehr, als die meisten Menschen je tragen. Harun verneigte sich tief, die Hände an der Brust. O meine Herrin, sprach er, ich danke dir, nicht für das, was ich gesehen habe, sondern dafür, dass es noch ist. Er trat durch das Tor, und als er sich umdrehte, war der Sand hinter ihm so glatt und still, als hätte es nie eine Stadt gegeben, nur Wüste, weit und ruhig und golden im Licht des frühen Morgens.
Harun fand die Karawane wieder, die ohne ihn weitergezogen war und erst an der nächsten Oase auf ihn wartete. Die Männer fragten, wo er gewesen war, und er lächelte nur und schüttelte den Kopf. In jener Nacht, als alle schliefen, entfaltete er seine Rolle und las, was er geschrieben hatte, und die Worte leuchteten ihm entgegen, warm und fest, wie Öllampen in der Dunkelheit. Er rollte das Pergament wieder zusammen, lehnte den Rücken an eine Palme und sah hinauf zu den Sternen, die über der Wüste so nah schienen, dass man meinen konnte, jemand habe sie frisch entzündet.
Und in der Stille dieser Nacht, mit dem leisen Rauschen des Windes über dem Sand und dem fernen Ruf einer Nachteule, war Harun ibn Zayd, der alte Gelehrter aus Bagdad, vollkommen zufrieden, nicht weil er das Königreich gefunden hatte, sondern weil er wusste, dass es noch immer dort war, schlafend und schön, unter dem Mondlicht der Wüste, wartend auf den nächsten, der ohne Gier kommt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.