Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Das Urteil des Paris

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Schicksalsfäden der Welt zwischen unsterblichen Fingern ruhten, begann alles mit einer Hochzeit. Peleus, der sterbliche König, vermählte sich mit der Meernymphe Thetis, und der Olymp selbst war geladen zu jenem Fest. Die Götter stiegen herab wie Licht durch Wolken, ihre Gewänder leuchteten in Farben, für die es keinen Namen gibt, und die Nacht über dem Festhain duftete nach Myrrhe und Meersalz.

Nur eine war nicht geladen worden: Eris, die Göttin der Zwietracht. Vielleicht dachten die Götter, eine Hochzeit sei kein Ort für sie. Vielleicht hofften sie, sie würde es nicht bemerken. Doch Eris bemerkte es sehr wohl. Sie trat in den Eingang des Haines, warf einen einzigen Gegenstand unter die Feiernden und verschwand wieder in der Dunkelheit. Was sie warf, war ein goldener Apfel, klein, makellos, schwer wie ein Versprechen. Und in seine Schale war ein Wort geritzt: der Schönsten.

Der Apfel rollte zwischen den Tischen hindurch und blieb liegen. Drei Göttinnen blickten herab. Hera, die Königin des Olymp, deren Krone niemals schwankte. Athene, die eulenäugige, deren Schild den Mond widerspiegelte. Und Aphrodite, die aus dem Meeresschaum Geborene, deren Lächeln allein schon eine Antwort zu sein schien. Jede der drei streckte die Hand aus, und keine zog sie zurück. Zeus, der wolkenversammelnde Vater der Götter, sah, was geschah, und er erkannte, dass er nicht entscheiden würde. Es war klug von ihm. Wer auch immer die Entscheidung träfe, würde zwei Göttinnen erzürnen, und selbst Zeus scheute den dauerhaften Zorn der Königin des Himmels.

So rief er Hermes zu sich, den flinken Götterdiener, den Träger der Botschaften, und gab ihm einen Auftrag: Der Apfel sollte einem Sterblichen zur Entscheidung gegeben werden. Sein Name war Paris. Paris war ein Königssohn aus Troja, der Großstadt am Hellespont, wo das Ägäische Meer in den Pontos übergeht. Doch er lebte in jener Zeit nicht in den Mauern der Stadt.

Als er noch ein Kind war, hatte ein Orakel seinem Vater Priamos geweissagt, dass dieser Sohn Unheil über Troja bringen würde, und so hatte man ihn auf den Berg Ida gebracht, weit von der Stadt, und dort war er aufgewachsen zwischen Hängen voller Thymian, mit den Ziegen als Gefährten und dem weiten Blick aufs Meer. Er war jung und schön und unberührt von dem, was kommen sollte.

An einem solchen gewöhnlichen Morgen auf dem Ida, während der Tau noch auf den Kräutern lag und die Amseln ihre ersten Lieder probierten, erschien Hermes. Er kam wie ein Windhauch, der plötzlich Gestalt annimmt, geflügelte Sandalen über dem Gras, den goldenen Stab in der Hand. Und hinter ihm kamen die drei Göttinnen, verhüllt in Licht, so dass Paris die Augen beschatten musste wie bei einem Blick in die Sonne. Der junge Hirte wich einen Schritt zurück. Doch Hermes legte die Hand auf seinen Arm und sprach ruhig.

Fürchte dich nicht, Sohn des Priamos. Zeus selbst hat dich erwählt. Du sollst urteilen, welcher der drei Göttinnen dieser Apfel gehört. Dein Urteil gilt. Paris stand einen langen Moment still. Dann richtete er sich auf und nickte, denn was blieb ihm anderes. Und die drei Göttinnen traten vor ihn hin, eine nach der anderen, und jede sprach. Hera trat als erste vor, und um sie her lag die stille Schwere von Macht und Würde. Gib mir den Apfel, sagte sie, und ich mache dich zum Herrscher über die größten Reiche der Erde. Kein König wird mächtiger sein als du.

Athene trat als zweite vor, und ihre Augen hatten die Farbe des Meeres vor einem aufziehenden Sturm. Gib mir den Apfel, sagte sie, und ich schenke dir Weisheit und Kriegskunst. Kein Kampf wird dich je besiegen, kein Rätsel dich je überwältigen. Zuletzt trat Aphrodite vor, und mit ihr kam ein Duft wie nach Rosen und warmem Sommerregen. Gib mir den Apfel, sagte sie, und ich gebe dir die schönste Frau der Welt zur Gefährtin. Sie lächelte, und es war das Lächeln, das schon viele Entscheidungen getroffen hatte, bevor ein Mensch glaubte, er hätte sie selbst getroffen.

Paris stand auf dem Berghang des Ida, unter einem Himmel aus dünnem Blau, und dachte nach. Macht über Reiche schien fern und kühl. Weisheit und Kriegskunst hatten ihren Wert, aber er war kein Feldherr, er war ein junger Mann auf einem Berghang, und er war noch nie verliebt gewesen. Er streckte die Hand aus und legte den goldenen Apfel in Aphrodites Handfläche. Hera und Athene sahen es. Kein Wort sprachen sie. Aber ihr Schweigen hatte Gewicht, und Paris spürte es wie einen Schatten, der über die Sonne zieht. Dann waren die Göttinnen fort, und der Berghang war wieder still, und nur die Ziegen blökten irgendwo weiter unten, als sei nichts geschehen.

Was nun folgte, geschah in kleinen Schritten, wie alle großen Dinge beginnen. Paris fand seinen Weg zurück nach Troja, erkannt und angenommen von seinen Eltern, willkommen hinter den mächtigen Mauern der Stadt. Aphrodite hielt ihr Versprechen und wies ihm den Weg nach Sparta, wo Helena lebte, Helena, die Tochter des Zeus, vermählt mit dem König Menelaos, die schönste Frau der Welt, wie die Menschen sagten, und vielleicht stimmte es. Paris reiste als Gast, und Menelaos empfing ihn nach dem heiligen Gesetz der Gastfreundschaft, ohne Misstrauen.

Was dann geschah zwischen Paris und Helena, trägt die Last vieler Deutungen durch die Jahrhunderte. Genug zu sagen: Sie segelten zusammen fort, zurück nach Troja, und mit ihnen reiste die Ahnung eines Krieges wie ein Unwetter, das man schon hört, bevor man die Wolken sieht. Das Urteil war gesprochen worden auf dem stillen Berghang des Ida, und es ließ sich nicht zurücknehmen.

Oben auf dem Olymp saß Aphrodite mit dem goldenen Apfel in ihren Händen, und ihre Augen ruhten auf dem weinroten Meer, das die Schiffe trug. Hera und Athene wandten sich ab und sannen auf das, was kommen würde. Zeus blickte hinab auf die Welt und schwieg. Denn selbst der Vater der Götter weiß, dass manche Fäden, einmal gezogen, ihren eigenen Weg gehen.

Der Apfel der Zwietracht war verteilt worden, das Urteil des Paris war gesprochen, und die Welt wartete, ohne es zu wissen, auf das, was nun kommen musste, auf Helena und den Beginn des großen Krieges, der alle anderen überragen sollte. Doch das ist eine andere Geschichte, und sie wartet, bis der Schlaf sie bereit macht. Auf dem Berg Ida strich in jener Nacht ein warmer Wind über den Thymian, und die Sterne über dem Ägäischen Meer standen still und klar, wie sie immer gestanden hatten, gleichmütig und unveränderlich, weit über allem, was Menschen und Götter entschieden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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