Nach Ludwig Bechstein · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Das Tränenkrüglein
Am unteren Ende eines Dorfes stand ein kleines Haus mit einem tief herabgezogenen Dach, und in diesem Haus wohnte eine Frau mit ihrem einzigen Kind. Der Winter war früh gekommen. Auf dem Dach lag der Schnee so hoch, dass die Dachrinne nicht mehr zu sehen war, und am Brunnen im Hof hing das Eis in langen Zapfen vom Balken. Drinnen aber war die Stube warm, denn der Ofen brannte vom Morgen an, und über der Bank hingen die Strümpfe zum Trocknen.
Das Kind saß gern auf der Bank am Ofen, wo die Kacheln am wärmsten waren, und schnitzte mit einem stumpfen Messer an einem Holzlöffel, der nie fertig wurde. Es hauchte Löcher in die Blumen aus Frost, die über Nacht an den Scheiben gewachsen waren, und sah durch die Löcher hinaus auf den Weg. Wenn die Mutter am Herd stand, hörte sie hinter sich die kleinen Füße über die Dielen gehen, und sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wo das Kind gerade war.
Dann wurde es krank. Es geschah leise, wie im Winter fast alles leise geschieht. Am ersten Tag wollte es nicht essen, am zweiten lag es still und sah zur Decke hinauf, und am dritten Morgen, als draußen der Schnee zu fallen anfing, war es fort. Die Mutter saß auf dem Rand des Bettes und hielt die kleine Hand noch eine Weile in der ihren, bis sie kalt war wie die Luft an der Tür. Auf dem Ofen stand noch der Topf mit der Milch, die nun niemand mehr trinken würde.
Die Nachbarn kamen und brachten, was man bringt, ein Brot, ein wenig Holz, ein Tuch für den Tisch. Sie sprachen halblaut miteinander im Flur und gingen wieder. Die Mutter dankte allen und hörte nicht, was sie sagten. Als es Abend wurde, war das Haus so still, dass sie den Schnee auf dem Dach rutschen hörte, wenn er in kleinen Stücken über die Ziegel ging und unten in den Hof fiel. Sie hatte das Brot nicht angeschnitten und kein Holz mehr nachgelegt.
In der ersten Nacht weinte sie, ohne aufzuhören. Sie saß auf der Bank am Ofen, wo das Kind gesessen hatte, und die Tränen liefen ihr über die Hände und in den Schoß. Draußen war der Himmel klar geworden. Der Frost griff so scharf zu, dass es in den Balken des Hauses knackte, und im Stall stampfte die Ziege ein paar Mal und wurde dann auch still. Vom Dorf her kam kein Laut, kein Hund, kein Schritt, nur einmal weit weg das Krachen eines Astes, der die Last nicht mehr trug.
Am nächsten Tag ging die Frau durch die Stube und nahm dies und jenes in die Hand. Den Holzlöffel, der nie fertig geworden war. Die kleinen Schuhe, die neben dem Ofen standen und trocken waren, zum ersten Mal seit Wochen. Das Näpfchen im Küchenschrank. Sie stellte alles wieder an seinen Platz, genau dorthin, wo es gestanden hatte, und setzte keinen Teig an und machte kein Licht, bis es ganz dunkel war. Der Ofen ging über dem Nachmittag aus, und sie merkte es nicht.
In der zweiten Nacht schien der Mond. Er lag auf dem Schnee im Hof und machte ihn blau, und der Schatten des Zaunes stand darauf, als hätte ihn jemand hineingelegt. Die Frau saß am Fenster und weinte, und ihr Atem beschlug das Glas, und wo er das Glas erwärmte, zergingen die Frostblumen und liefen in dünnen Fäden nach unten. Von der Kirche her schlug die Uhr, einmal und wieder, und sie zählte nicht mit. Ihre Hände lagen kalt auf dem Fensterbrett und wurden nicht wärmer.
Am dritten Tag ging sie über den Kirchhof, wo der Schnee unberührt lag, bis auf den schmalen Pfad, den die Leute getreten hatten. Sie legte einen Tannenzweig ab und blieb stehen, bis ihr die Finger steif wurden. Auf dem Rückweg zog der Wind über die Felder und trieb den Schnee in feinen Bändern über die Wege, und in den Häusern brannten schon die Lampen, eine nach der anderen, den ganzen Weg entlang. Sie machte den Umweg über die Brücke und ging dabei sehr langsam.
In der dritten Nacht setzte sie sich wieder in die Stube, dorthin, wo das Bett gestanden hatte. Die Kerze war fast heruntergebrannt, der Docht neigte sich in den Talg, und das Licht wurde klein und rund. Es war weit nach Mitternacht. Die Frau weinte noch immer, aber leiser jetzt, so wie man atmet, wenn man müde ist. Und mit einem Mal wurde die Luft im Zimmer anders, wärmer und heller, ohne dass die Kerze größer geworden wäre. Es roch nach Talg und ein wenig nach Sommerheu.
Da stand das Kind. Es stand mitten in der Stube in einem weißen Hemdchen, barfuß auf den Dielen, und es fror nicht. In beiden Händen hielt es ein kleines irdenes Krüglein, so eines, wie man Milch darin holt, und es hielt es vorsichtig, wie man etwas hält, das voll ist bis an den Rand. Die Mutter rührte sich nicht. Sie hatte die Hände im Schoß und sah nur hin. Das Krüglein war schlicht und unglasiert, wie es die Töpfer im Dorf machten.
Liebes Mütterlein, sagte das Kind, weine nicht mehr um mich. Sieh her, in diesem Krüglein sind deine Tränen, alle, die du um mich vergossen hast. Der Engel der Trauer hat sie gesammelt und keine davon verloren. Es ist schon fast voll, Mütterlein. Und weinst du nur noch eine Träne um mich, dann läuft es über, und dann kann ich nicht ruhen und finde droben meinen Frieden nicht. Es sprach ganz ruhig, so wie es sonst gesprochen hatte, wenn es müde war und noch nicht ins Bett wollte.
Die Frau sah in das Krüglein, und es war wahr, das Wasser stand darin hoch und ganz still und bewegte sich nicht, obwohl die kleinen Hände es hielten. Weine nicht mehr um dein Kind, sagte das Kind. Dein Kind ist gut aufgehoben und ist fröhlich, und es hat Gespielen, die es lieb haben. Dann trat es einen Schritt zurück, und wo es gestanden hatte, war nichts mehr als die Diele und ein wenig Helligkeit, die langsam wegging wie Atem von einem Glas.
Die Kerze war ausgegangen. Die Frau saß, bis das Fenster grau wurde, und die Tränen, die noch auf ihrem Gesicht standen, trockneten von selbst, und sie ließ keine neuen nach. Als es hell genug war, stand sie auf, legte Holz in den Ofen und schürte, bis es knisterte und die Wärme wieder in die Ecken der Stube kroch. Draußen lag das Dorf weiß und ohne Laut, kein Weg war schon getreten, und über dem kleinen Haus stieg der Rauch gerade nach oben in die stille Luft.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.