Frei nach Hans Christian Andersens Das stumme Buch · 3 Minuten zu lesen
Das stumme Buch
An der Landstraße, im Grünen, lag ein Bauernhof, und in seiner offenen Scheune stand an einem Sommermorgen ein stiller Gast: Ein alter Gelehrter war auf der Wanderschaft hier eingekehrt und in der Nacht friedlich gestorben, und nun ruhte er auf Stroh und frischen Zweigen, das Gesicht ruhig wie einer, der angekommen ist. Unter seinem Kopf aber lag, seinem letzten Wunsch gemäß, ein großes dickes Buch, und wer hineinsah, fand keine einzige gedruckte Zeile darin. Es war ein Herbarium: Zwischen den grauen Blättern lagen gepresste Blumen und Kräuter, jedes sorgsam eingelegt, ein stummes Buch — und doch stand sein ganzes Leben darin.
Der junge Sohn des Hauses blätterte behutsam, und der Vater, der den Gast am Abend noch gesprochen hatte, wusste zu manchem Blatt die Geschichte. Das Eichenblatt dort war von dem Baum, unter dem der Gelehrte als Student mit seinem liebsten Freund den Bund fürs Leben geschlossen hatte; der Freund war fern in der Welt begraben. Die kleine welke Rose hatte ihm einst ein Mädchen gegeben, das dann einen anderen nahm; sie lag zwischen den Seiten wie am ersten Tag. Und die Wasserrose, die noch immer einen Schimmer von Weiß hatte, die hatte er sich selbst gepflückt, an einem See, an dem er sehr glücklich und sehr traurig gewesen war, beides in einem Sommer.
Der Vater und der Gast waren am Abend zuvor noch lange auf der Bank vor dem Haus gesessen, erzählte der Vater, und der alte Gelehrte hatte von seinem Wandern gesprochen, wie einer, der weiß, dass es sein letztes ist, und dem das keine Angst macht. Ich habe mein Leben lang gesammelt, hatte er gesagt und aufs Buch geklopft, erst Wissen, das steht in anderen Büchern, dann dies hier, das steht nur in meinem. Und wenn Ihr mich fragt, was am Ende mehr wiegt: Das Wissen hat mich ernährt, aber die Blumen haben mich am Leben gehalten. So etwas versteht man erst spät. Darum sage ich es gern früh weiter.
Der Junge fragte, ob man denn nicht wenigstens die Namen hätte aufschreiben sollen, zu jeder Blume den Namen und die Geschichte, damit nichts verloren gehe. Der Vater dachte darüber nach, wie er über alles gründlich nachdachte. Nein, sagte er dann, ich glaube nicht. Die paar, die er mir gestern abend erzählt hat, hast du nun von mir. Die andern gehörten ihm, und er hat sie mitgenommen, so war es richtig. Aber das, was sie ihn gelehrt haben — dass man sammeln soll, was blüht, und ehren, was war —, das hat er dagelassen, das hast nun du. Geschichten sind wie der Duft, Junge: Man kann ihn nicht pressen. Aber man kann neue Blumen ziehen. Dafür sind die alten Bücher da, auch die stummen. Gerade die stummen.
Blatt um Blatt: ein Hälmchen aus einem Kirchgarten, ein Zweiglein Rosmarin, eine Feder Waldmeister — lauter Tage, die längst niemand mehr kannte, von Menschen, die längst niemand mehr nannte. Ein ganzes Leben, gesammelt und gepresst und aufgehoben, und kein Wort dabei. Vielleicht, sagte der Vater leise, sind das die ehrlichsten Bücher: die, in denen nichts behauptet wird. Es wird nur gezeigt, was geblüht hat.
Am Nachmittag trugen sie den stillen Gast zur Ruhe, unter die Linden am Kirchhof, und das stumme Buch legten sie ihm unter den Kopf, wie er es gewollt hatte; es gehörte zu ihm wie sein Gesicht. Verwahrt ist nicht vergessen, sagte der Vater auf dem Heimweg, und der Junge dachte lange darüber nach. Am Abend pflückte er hinterm Haus das erste Blatt für ein eigenes Buch — eine ganz gewöhnliche Butterblume, denn es war ein ganz gewöhnlicher, guter Tag gewesen. So fangen die stummen Bücher an.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.