Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 15 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Das singende springende Löweneckerchen

Ein Mann wollte eine weite Reise machen und rief beim Abschied seine drei Töchter zusammen, damit jede sich etwas ausbitte. Die älteste wollte Perlen, die zweite wollte Diamanten. Die jüngste aber legte den Kopf schief und sagte, lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes springendes Löweneckerchen. Der Vater lachte und versprach es, denn er hielt es für eine Kinderei. Perlen und Diamanten hatte er bald beisammen. Nach dem Vogel aber fragte er in jeder Stadt, und niemand konnte ihm sagen, wo einer zu bekommen wäre.

Auf dem Heimweg kam er durch einen großen Wald, und tief in dem Wald stand ein Schloss, und vor dem Schloss stand ein Baum, und ganz oben in dem Baum sang und sprang ein Vogel. Der Mann hielt an und sagte zu seinem Knecht, steig hinauf und fang mir den, du kommst mir gerade recht. Der Knecht war noch nicht am zweiten Ast, da brach unten das Gebüsch, und ein Löwe sprang heraus und brüllte so, dass die Blätter zitterten. Wer mir mein singendes springendes Löweneckerchen stehlen will, sagte er, den fresse ich auf.

Der Mann bat um sein Leben und sagte, er habe nicht gewusst, dass der Vogel jemandem gehöre. Nichts kann dich retten, antwortete der Löwe, als dass du mir versprichst, was dir daheim zuerst begegnet. Tust du das, so schenke ich dir das Leben und den Vogel obendrein. Der Mann wollte nicht, denn er dachte an seine Töchter. Aber der Knecht sagte, muss es denn gerade Eure Tochter sein, die Euch begegnet, es kann ja auch eine Katze sein oder ein Hund. Da ließ sich der Mann überreden und sagte zu. Er bekam das Löweneckerchen in einen Käfig und ritt weiter, und je näher er kam, desto leichter wurde ihm ums Herz.

Zu Hause aber lief ihm nicht der Hund entgegen, sondern seine jüngste Tochter, die ihn schon vom Fenster aus gesehen hatte, und sie fiel ihm um den Hals. Da fing er an zu weinen und erzählte es ihr. Der Vogel stand auf dem Tisch und sang, und niemand hörte hin. Lieber Vater, sagte das Mädchen, ein Versprechen muss gehalten werden. Ich will hingehen und sehen, ob ich den Löwen nicht besänftige. Am nächsten Morgen ließ sie sich den Weg zeigen und ging in den Wald hinein.

Es war aber kein wildes Tier, das dort auf sie wartete, sondern ein verwünschter Königssohn. Bei Tage war er ein Löwe, und alle seine Leute waren Löwen mit ihm. In der Nacht waren sie wieder Menschen. Als sie ankam, wurde sie freundlich empfangen, und als es dunkel wurde, trat ihr ein schöner junger Mann entgegen. Sie hielten Hochzeit, und danach lebten sie vergnügt miteinander, wachten in der Nacht und schliefen am Tag, und niemand im Haus fand daran etwas Sonderbares.

So verging eine Zeit, und ihnen wurde ein Kind geboren. Dann kam die Nachricht, dass die älteste Schwester Hochzeit halte, und sie wollte den Vater und die Schwestern gern wiedersehen. Der Löwe sagte, geh nur, ich kann nicht mit dir kommen, das Licht der Kerzen tut mir zu weh. Er gab ihr Löwen mit, die sie führten. Zu Hause hatte man sie längst für tot gehalten, und es gab ein großes Freuen. Sie blieb, solange das Fest dauerte, und dann ging sie zurück in ihren Wald.

Nach einiger Zeit heiratete auch die zweite Schwester. Diesmal wollte sie ihren Mann dabeihaben und ließ nicht nach, bis er einwilligte, obwohl er sagte, es ist gefährlich für mich. Fällt der Schein eines brennenden Lichtes auf mich, und wäre er nur so breit wie ein Haar, so werde ich in eine Taube verwandelt und muss sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. Ich gehe trotzdem mit, sagte er dann. Sie nahmen das kleine Kind mit, und sie ließ im Haus ihres Vaters einen Saal mauern für ihn.

Die Wände wurden so dick, dass kein Strahl hindurchkam, und dort sollte er sitzen, wenn die Hochzeitsfackeln angezündet würden. Die Tür aber war aus frischem Holz gemacht, und das Holz sprang, wie frisches Holz springt, und bekam einen feinen Riss, den kein Mensch bemerkte. Der Zug ging mit Fackeln und Lichtern vom Tor herüber, und alles roch nach Wachs und nach Tannengrün, und niemand im Zug dachte mehr an die vermauerte Kammer und an den, der darin saß.

Drinnen saß der Königssohn im Dunkeln und hörte die Schritte und die Trommeln näher kommen, und dann kam der Zug an seiner Tür vorüber. Durch den Riss im frischen Holz legte sich ein Strahl quer über den Boden, dünn wie ein Haar. Er wanderte über die Dielen, über den Fuß des Stuhls, über seinen Schuh und über sein Knie und erreichte seine Hand, die auf der Lehne lag. Weiter kam er nicht. In demselben Augenblick war es geschehen, und als der Zug vorbei war und der Strahl erlosch, war in dem gemauerten Saal nichts mehr zu hören als ein Rascheln von Federn.

Die junge Frau kam später mit einem Licht herein und suchte ihn und fand ihn nicht. Auf dem leeren Stuhl saß eine weiße Taube. Sie hob den Kopf und sagte, sieben Jahre lang muss ich nun mit den Tauben fliegen. Aber ich lasse dir ein Zeichen. Bei jedem siebten Schritt fällt von mir ein Tropfen Blut und eine weiße Feder, daran erkennst du den Weg, und gehst du ihm bis ans Ende nach, so bin ich erlöst. Dann flog sie zur Tür hinaus, dicht an ihrem Gesicht vorbei, und die Luft von den Flügeln fuhr ihr über die Wange.

Die Frau ging hinter ihr her und ging und ging und sah sich nicht um. Alle sieben Schritte lag etwas im Weg, ein weißes Federchen und daneben ein kleiner roter Tropfen, und danach wieder sieben Schritte, und wieder. Auf dem Sommerstaub sah man die Federn kaum, und sie musste sich bücken und mit dem Finger im Staub suchen. Im Winter aber lag der Tropfen im Schnee wie eine Beere, die jemand verloren hatte, und die Feder daneben wie eine Flocke, die nicht schmelzen wollte, und dann ging es leicht.

Sie ging durch Länder, deren Namen sie nie gehört hatte, an Kornfeldern entlang und über Bergrücken, an Höfen vorbei, wo abends die Fenster gelb wurden und es nach Brot roch. Manchmal ließ man sie am Feuer sitzen und fragte, wohin sie wolle, und sie sagte, einem Vogel nach, und dann fragte niemand weiter. Sie zählte die Jahre nicht mit Kummer, sondern wie man Meilen zählt. So vergingen sechs und dann fast das siebente, und an einem Abend auf einer kahlen Höhe, auf der schon der Frost lag, hing die Feder in einem niedrigen Dornbusch und bewegte sich in der Luft, und darunter lag der Tropfen rund und dunkel auf dem harten Boden.

Eines Morgens war nichts mehr da. Die Frau ging sieben Schritte und noch sieben und noch einmal sieben, und es lag keine Feder im Gras und kein Tropfen auf dem Stein. Sie ging den Weg zurück und suchte den halben Tag, bis der Reif von den Halmen war, und fand doch nichts. Da setzte sie sich hin und sagte zu sich selbst, hier kann mir kein Mensch mehr helfen. Und weil sie nicht wusste, wohin sonst, stieg sie hinauf zur Sonne, so hoch, wie man steigen kann, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.

Die Sonne war heiß und schrecklich anzusehen, und der Stein, auf dem die Frau stand, brannte ihr durch die Sohlen. Ich scheine in alle Täler und auf alle Dächer, sagte die Sonne, deine weiße Taube habe ich nicht gesehen. Doch ich will dir ein Kästchen geben. Mach es auf, wenn du in großer Not bist. Die Frau dankte und ging weiter, bis es Abend wurde und der Mond heraufkam. Der Mond war kalt und still, und wo sein Licht hinfiel, lag der Reif am dicksten. Auch ich habe sie nicht gesehen, sagte er, aber hier ist ein Ei. Zerbrich es, wenn du keinen Rat mehr weißt.

Danach kam der Nachtwind über die Wiesen gestrichen und blies ihr durchs Haar. Ich blase über alle Halme, sagte er, gesehen habe ich nichts. Aber ich will die anderen fragen. Der Ostwind kam und hatte nichts gesehen. Der Westwind kam und hatte nichts gesehen. Zuletzt kam der Südwind, warm und langsam, und sagte, die weiße Taube kenne ich. Sie ist zum Roten Meer geflogen. Die sieben Jahre sind vorbei, und am Ufer ist aus ihr wieder der Löwe geworden, und der Löwe kämpft dort mit einem Lindwurm.

Der Lindwurm aber, sagte der Südwind, ist eine verwünschte Königstochter. Da sprach der Nachtwind, ich will dir raten. Geh an das Rote Meer, am rechten Ufer stehen große Ruten. Zähle sie, schneide die elfte ab und schlage den Lindwurm damit, dann kann der Löwe ihn bezwingen, und beide bekommen ihre menschliche Gestalt zurück. Danach sieh dich um, dort sitzt der Vogel Greif am Roten Meer. Setz dich mit deinem Liebsten auf ihn, er trägt euch beide über das Wasser nach Haus.

Und hier ist eine Nuss, sagte der Nachtwind weiter. Wenn ihr mitten über dem Meer seid, lass sie fallen. Sie wird sogleich aufgehen, und ein großer Nussbaum wächst aus dem Wasser, auf dem der Vogel ausruhen kann. Könnte er nicht ausruhen, so wäre er nicht stark genug, euch hinüberzutragen, und vergisst du die Nuss, so lässt er euch ins Meer fallen. Die Frau nahm die Nuss und ging, und der Wind blies noch eine Weile hinter ihr her, als wollte er sie schieben.

Sie fand alles so, wie er gesagt hatte. Die Ruten standen hoch und trocken am Ufer und raschelten, und das Wasser war grau und ohne ein Segel. Sie zählte, schnitt die elfte ab und ging hin, wo der Sand aufgewühlt war, und sie tat mit der Rute den einen Schlag, um den man sie gebeten hatte, und dann wandte sie das Gesicht ab. Es dauerte nicht lange. Als es still wurde und sie wieder hinsah, standen zwei Menschen im Sand, ein junger Mann und eine fremde Königstochter.

Die Frau lief hinzu vor Freude. Aber die fremde Königstochter war schneller. Sie nahm den Jüngling beim Arm, setzte sich mit ihm auf den Vogel Greif, und der hob die Flügel und trug die beiden über das Wasser fort, ehe jemand ein Wort gesagt hatte. Da stand die arme Wanderin allein am Ufer. Der Wind hatte sich gelegt. Sie setzte sich in den Sand, der noch die Wärme des Tages hielt, und weinte, und dann stand sie auf und ging weiter, weil ihr nichts anderes einfiel.

Nach langer Zeit kam sie in ein Land und zu einem Schloss, und im Dorf davor sagten die Leute, hier wohnen die beiden, und in wenigen Tagen wird Hochzeit gehalten. Die Frau ging aus dem Dorf hinaus auf eine Wiese, setzte sich hin und machte das Kästchen der Sonne auf. Darin lag ein Kleid, das so glänzte wie die Sonne selbst. Sie zog es an und ging damit hinauf ins Schloss, und alles blieb stehen und sah sie an, und die Braut kam selbst und wollte das Kleid haben.

Ist es feil, fragte die Braut. Nicht für Geld und Gut, antwortete die Frau, aber für Fleisch und Blut. Was das heißen solle, fragte die Braut. Da sagte sie, lass mich eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Bräutigam schläft. Die Braut mochte nicht, und das Kleid mochte sie doch, und zuletzt sagte sie ja, aber sie befahl den Dienern, dem Königssohn einen Schlaftrunk zu geben. Am Abend, als er schon fest schlief, führte man die Fremde in die Kammer und schloss die Tür hinter ihr zu.

Sie setzte sich an das Bett und sagte, sieben Jahre bin ich dir nachgegangen. Ich bin bei der Sonne gewesen und beim Mond und bei den vier Winden und habe nach dir gefragt, und am Roten Meer habe ich die Rute für dich geschnitten. Hast du das alles vergessen. Der Königssohn aber schlief so tief, dass ihm das alles nur vorkam, als rauschte draußen der Wind in den Tannenbäumen. Am Morgen führte man sie wieder hinaus, und das goldene Kleid war fort und half ihr nichts.

Sie ging auf die Wiese hinaus, setzte sich ins Gras und zerbrach das Ei des Mondes. Da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein, und alle waren aus lauterem Gold. Sie liefen umher und pickten und krochen der Mutter wieder unter die Flügel, und es war das Schönste, was man auf der Welt sehen konnte. Die Frau trieb sie über die Wiese, bis die Braut sie vom Fenster aus sah, und es ging wie beim ersten Mal. Nicht für Geld und Gut, sagte sie, aber für Fleisch und Blut.

An diesem Tag aber fragte der Königssohn seinen Kammerdiener, was das für ein Murmeln und Rauschen gewesen sei in der Nacht zuvor. Da erzählte ihm der Diener alles, wie er ihm einen Schlaftrunk habe geben müssen, weil eine arme Frau heimlich in seiner Kammer geschlafen habe, und dass er ihm heute wieder einen geben solle. Der Königssohn sagte, gieß den Trank neben das Bett aus. Am Abend trank er nichts und legte sich hin und lag wach im Dunkeln und hörte auf die Tür.

Sie kam herein und fing an zu erzählen, wie sie erzählt hatte, mit derselben leisen Stimme. Und kaum hatte sie den zweiten Satz gesprochen, kannte er sie an der Stimme, sprang auf und rief, jetzt erst bin ich frei. Es ist mir gewesen, als hätte ich die ganze Zeit geträumt. Die Fremde hatte es mir angetan, dass ich dich aus dem Sinn verlor, und nun ist es von mir abgefallen. Sie standen im Dunkeln und hielten einander fest, und draußen ging der Wachtposten vorbei und merkte nichts, und im Hof schlief alles.

Noch in derselben Nacht schlichen sie sich aus dem Haus, denn der Vater der fremden Braut verstand sich auf Zauberei, und vor dem hatten sie beide Angst. Sie setzten sich auf den Vogel Greif, und der hob sich schwer vom Ufer und trug sie über das Rote Meer, und unter ihnen war nichts als Wasser. Nach einer Weile ging er tiefer, und sie spürte, wie die Flügelschläge kürzer wurden. Da ließ sie die Nuss fallen und sah ihr nach, bis sie unten war, und im nächsten Augenblick kam etwas herauf, das nicht aufhörte zu wachsen, und ein Nussbaum stand mitten im Meer und rauschte mit allen Blättern, als stünde er auf gutem Boden.

Der Greif setzte sich hinein, und die Zweige gaben unter ihm nach und federten wieder, und die beiden saßen zwischen den Blättern und ruhten und sagten nichts, und tief unter ihnen ging das Wasser hin. Dann hob der Vogel sich noch einmal, und der Baum sank hinter ihnen ins Meer zurück, so still, als hätte er nie dort gestanden. Am Nachmittag lag unter ihnen wieder Land, mit Schnee in den Furchen der Äcker, und der Greif ging nieder auf dem Feld hinter dem Haus.

Es war schon Abend, und in den Fenstern des Hauses stand Licht, und die Scheiben waren von innen beschlagen. Ihr Kind stand unter der Tür, groß und schön geworden, und sah die beiden über den Hof kommen und blieb stehen und wartete, bis es die Mutter erkannte. Drinnen am Fenster aber fing das Löweneckerchen an zu singen und zu springen in seinem Käfig, so wie es damals gesungen hatte, als niemand hinhörte, und es hörte an diesem Abend nicht mehr damit auf.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

Noch etwas zu lesen