Frei nach Hans Christian Andersens Svanereden · 3 Minuten zu lesen
Das Schwanennest
Zwischen der Ostsee und der Nordsee liegt ein altes Schwanennest, und das heißt Dänemark. In ihm sind Schwäne ausgebrütet worden, deren Namen die Zeit überdauert haben und nicht verklingen werden. Vor langer, langer Zeit flog eine Schar dieser Schwäne über die Alpen hinweg nach Süden, in die grünen Ebenen hinein, wo es lieblich wohnen war; das waren die alten Nordmänner, deren Fittiche weit trugen. Und die Jahrhunderte gingen über das Nest am Meer, und es brütete immer neue Schwäne aus, einen immer anderen Federkleids.
Die Nachbarvölker haben über das kleine Land oft die Köpfe geschüttelt: so wenig Erde, so viel Wasser drumherum, und der Wind hat freien Zutritt von allen Seiten. Wie hält sich so ein Nest? Die Antwort steht in keiner Festungslehre. Das Nest hält, weil es gut gebaut ist — aus Halmen, nicht aus Balken: aus einer Sprache, in der man gern erzählt, aus Liedern, die jeder kann, aus einer Art, an langen Winterabenden Licht anzuzünden und beieinanderzusitzen, als sei das Beieinandersitzen selbst ein Handwerk. Solche Halme sehen schwach aus und halten Jahrhunderte. Es sind dieselben, aus denen die Schwäne ihre Kraft haben: Wer aus einem warmen Nest kommt, fliegt weiter.
Einer flog mit mächtigem Flügelschlag durch den Nebel der Unwissenheit und maß den Himmel aus: Das war der Sternenkundige, der die Bahnen der Lichter berechnete, dass die Gelehrten aller Länder zu ihm aufsahen wie zu einem neuen Stern. Ein anderer schlug mit seinem Flügel an den harten Marmor, dass es klang, und aus dem Stein traten Gestalten hervor, schöner, als man sie je gesehen hatte: Das war der Bildhauer, dessen weiße Werke heute in der stillen Halle in Kopenhagen stehen, und um dessen Grab die Rosen blühen — du erinnerst dich, die Rosen von den Nachbarfamilien; die Geschichten dieses Buches kennen einander. Und ein dritter Schwan, ein schmaler mit hellen Augen, spann Fäden aus Worten, die um die ganze Erde reichen: Das war der Märchendichter selbst, dessen Geschichten wir seit vielen Abenden erzählen. Auch er kam aus dem Nest zwischen den Meeren.
Es sind auch stillere Schwäne aus dem Nest gekommen, von denen kein Fremder weiß, und die gehören ebenso dazu: der Dorfschullehrer, der drei Geschlechtern das Lesen beibrachte; die Frau auf der Hallig, die in Sturmnächten das Licht ins Fenster stellte; der Arzt, der bei jedem Wetter über das Watt ritt. Ihre Namen stehen in keinem Buch, aber ihre Flügelschläge sind im Land geblieben — in einem Brauch, in einem Sprichwort, in einer Freundlichkeit, die sich vererbt hat, ohne dass jemand mehr weiß, von wem. Ein Nest wird nicht nur von den berühmten Flügeln warm gehalten. Es wird von allen warm gehalten, die je darin gewohnt haben. Das ist bei Schwanennestern so und bei Ländern auch.
So sagen es die Leute dort im Norden, halb im Ernst und halb im Lied: Unser Land ist ein Schwanennest, und solange über dem Wasser Nebel liegen und Stürme gehen, werden darin neue Schwäne ausgebrütet, und man wird sie fliegen sehen. Es klingt stolz, aber es ist ein friedlicher Stolz: Diese Schwäne erobern nichts. Sie messen die Sterne, sie wecken den Stein auf, sie erzählen Kindern in aller Welt beim Einschlafen Geschichten. Von solchen Vögeln darf ein kleines Land am Meer ruhig träumen. Jetzt liegt das Nest im Abendlicht, die Meere rundum werden dunkel, und die Schwäne, die es eben gibt, stecken die Köpfe ins Gefieder. Und das alte Nest träumt gut — aus ihm kommt noch mancher weiße Flügel.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.