Andreas’ Nacht

Nach Asbjørnsen und Moe · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Das Schloss Soria Moria

Es war einmal ein Ehepaar, das hatte einen einzigen Sohn, und der hieß Halvor. Solange er denken konnte, hatte er nichts lieber getan, als in der Asche zu sitzen und darin herumzuscharren. Die Eltern gaben ihn in eine Lehre und in noch eine, und jedes Mal war er nach ein paar Tagen wieder da und saß am Herd, die Hände grau bis zum Handgelenk. Eines Winters kehrte ein Schiffer bei ihnen ein und fragte, ob der Junge nicht mit ihm zur See wolle und fremde Länder sehen. Da stand Halvor auf.

Sie fuhren lange. Dann kam ein Sturm, der trieb sie an eine Küste, die keiner von ihnen kannte, und als es still wurde, lag das Schiff da, ohne einen Hauch in den Segeln. Halvor bat, an Land gehen zu dürfen. Der Schiffer sah seine Lumpen an und meinte, viel Staat sei damit nicht zu machen, aber er ließ ihn ziehen. Drinnen im Land lagen Ebenen und Wiesen, und kein Mensch war zu sehen, und mitten hindurch lief ein Weg, so glatt, dass man ein Ei darauf hätte rollen lassen können, ohne dass es zerbrach.

Er ging den Weg entlang, bis der Abend kam, und da sah er weit vorn Lichter, und die Lichter gehörten zu einem großen Schloss. In der Küche brannte ein großes Feuer, und hinter einer Tür saß eine Königstochter am Spinnrad. Um Gottes willen, sagte sie, wie kommst du hierher. Geh, ehe es dunkel wird. Hier wohnt ein Troll mit drei Köpfen. Halvor sagte, er sei von weit her und habe seit dem Morgen nichts gegessen, und ob nicht doch etwas übrig sei. Da lachte sie ein wenig und setzte ihm auf, was da war, und es war warm und reichlich.

An der Wand hing ein Schwert. Nimm es herunter, sagte sie. Er fasste zu und brachte es nicht vom Nagel. Dann trink aus der Flasche daneben, sagte sie, so wie der Troll es tut. Er trank, und beim zweiten Mal hob er das Schwert, als wäre es ein Stock. Bald darauf polterte es draußen, und der Troll kam herein und schnupperte und rief, hutetu, hier riecht es nach Menschenfleisch. Was dann geschah, war schnell vorbei, und alle drei Köpfe lagen still, und die Königstochter hielt sich an der Bank fest.

Sie sagte ihm, dass sie zwei Schwestern habe, die säßen in denselben Nöten weiter drinnen im Land. Halvor ging. Sechs Meilen weiter stand das zweite Schloss. Dort war die zweite Schwester, und in der Halle hing das Schwert höher und die Flasche daneben war größer, und er musste zweimal trinken und dann noch einmal, ehe er es vom Nagel brachte. Der Troll hatte sechs Köpfe, und als der in die Tür trat, ging das Feuer im Herd flach und legte sich zur Seite. Es dauerte länger als beim ersten Mal.

Noch einmal neun Meilen weiter stand das dritte Schloss, das schönste von allen, mit Fenstern bis auf den Boden und Schnee auf allen Simsen. Dort saß die jüngste. Als sie ihn sah, hielt sie das Rad an und sagte, geh wieder hinaus, hier kommt heute Nacht einer herein, der neun Köpfe hat. Halvor blieb. Er trank aus der Flasche, bis ihm heiß wurde bis in die Fingerspitzen, und hob das Schwert, und als es vorbei war, saß er lange auf der Schwelle, ehe er wieder aufstehen konnte, und die Königstochter setzte sich neben ihn und sagte nichts.

Als es vorüber war, kamen die drei Schwestern zusammen und konnten sich nicht satt sehen an ihm und nicht satt reden. Sie zogen ihm die Lumpen aus und kleideten ihn so fein, wie sie nur konnten, und dann saßen sie viele Tage beieinander in den Sälen, in denen es nach nichts mehr roch als nach Kerzenwachs. Zuletzt aber fing Halvor an, an daheim zu denken, an die Mutter und an den kalten Hof. Da gaben sie ihm einen Ring und sagten, wünsche dich damit hin und wieder zurück.

Nur verlier ihn nicht, sagten sie, und nenne unsere Namen nicht. Halvor sprach, wäre ich doch daheim, und im selben Augenblick stand er vor der Kate seiner Eltern. Sie kannten ihn nicht in den feinen Kleidern und wiesen ihn zum großen Hof hinüber, dort sei Platz für solche Herren. Er blieb trotzdem und setzte sich an den Herd und fing an, in der Asche zu scharren, wie er es immer getan hatte. Da fiel das Feuer auf, und die Mutter schlug die Hände zusammen und rief, Herrgott, bist du das, Halvor.

Am Abend nahm sie ihn mit auf den großen Hof, wo die Mädchen zusammensaßen und spannen, und alle wollten sehen, was aus dem Aschenjungen geworden war. Sie fragten und lachten und drehten sich um ihn, und Halvor sagte, das sei alles nichts, er kenne drei, gegen die sähen sie alle aus wie Werktag. Sie glaubten ihm nicht. Da rief er, wären sie doch jetzt hier. Und kaum war es heraus, standen sie in der Stube, und es wurde so still, dass man das Rad noch auslaufen hörte.

Am nächsten Tag gingen sie zusammen hinunter an das Wasser. Es war einer von den hellen Wintertagen, an denen das Eis am Rand knackt und die Sonne nicht wärmt. Halvor legte den Kopf in den Schoß der jüngsten, und sie kämmte ihm das Haar, und dabei schlief er ein. Da zog sie ihm den Ring vom Finger und steckte ihm einen anderen an. Dann fasste sie die Schwestern und sagte, ich wollte, wir wären auf Soria Moria. Als er aufwachte, lag der Kamm neben ihm im Gras, und sonst war niemand da.

Er lief los und fragte alle, und niemand hatte je von Soria Moria gehört. Für sein letztes Geld kaufte er ein Pferd und ritt, bis er an eine uralte Kate kam. Darin saß eine Frau mit einer Nase, die so lang war, dass sie damit im Feuer schürte, und sie sagte, den Weg kenne ich nicht, aber ich frage. Sie fragte den Mond, und der Mond sagte, das letzte Mal stand eine Wolke davor. Dann fragte sie den Westwind. Und der Westwind sagte, doch, dort war ich, dorthin trage ich die Wäsche zum Trocknen.

Die Alte gab ihm ein Paar alte Stiefel, mit denen tat man einen weiten Schritt auf einmal, und nahm dafür das Pferd, und sie freute sich, denn nun konnte sie zur Kirche reiten. Wenn du mithalten kannst, sagte der Westwind, so komm. Sie liefen über Berge und über Wasser, und Halvor kam vor lauter Laufen nicht zum Frieren. Zuletzt hielt der Wind an und sagte, dort unten am Bach stehen die Mägde und waschen. Morgen ist Hochzeit, und die Braut ist die jüngste von den dreien.

Halvor war von dem langen Weg hinter dem Westwind her durch Busch und Bruch und Moor so zerrissen und grau, dass er sich niemandem zeigen mochte. Bei den Mägden am Bach erbat er sich einen alten Mantel und zog ihn über die feinen Kleider. Er blieb in seinen Lumpen abseits, ging keinem in den Weg und wartete, bis der letzte Tag des Hochzeitsfestes gekommen war. Erst an dem Abend trat er in den Saal und stellte sich hinten zu den anderen armen Leuten. Als der Becher für die Braut gefüllt wurde, ließ er den Ring hineingleiten. Die Königstochter trank und setzte den Becher ab, und dann saß sie ganz gerade und sah hinein, und dann stand sie auf, und der ganze Saal wurde still.

Wer hat mich mehr verdient, fragte sie, der mich von den Trollen losgemacht hat, oder der hier neben mir sitzt. Da war keiner im Saal, der nicht dasselbe gesagt hätte. Halvor streifte die Lumpen ab, und darunter lag das Gold, und die drei Schwestern liefen ihm entgegen. Den anderen Bräutigam schickte man mit langer Nase fort, und er ließ sich nicht wieder blicken, und die jüngste hielt noch an demselben Abend ihre Hochzeit mit Halvor. Später standen sie zu viert am hohen Fenster, und draußen unter dem Mond lag die Ebene, und mitten hindurch lief der glatte helle Weg, den er einmal heraufgekommen war, bis an den Rand des Landes.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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