Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 12 Minuten zu lesen

Das schlafende Königreich

Es begab sich, dass Tariq eines Tages einen alten Gewürzhändler auf dem Basar traf, der auf einem Säckchen Zimt saß und Dinge murmelte, die niemand verstehen konnte. Der Alte hatte Augen wie polierter Bernstein und Finger, die zitterten wie Palmwedel im Wind. Als Tariq ihm einen Becher Wasser reichte, denn der Tag war heiß und der Alte sah durstig aus, hielt der Alte ihn am Handgelenk fest und sah ihn lange an. Wisse, o junger Mann, sprach er schließlich, dass du ein Herz trägst, das groß genug ist für ein schlafendes Königreich.

Tariq wollte fragen, was er damit meine, doch der Alte hatte sich bereits wieder über seine Waren gebeugt und schien ihn nicht mehr zu sehen. An jenem Abend aber fand Tariq beim Aufräumen der Werkstatt seines Vaters, hinter einem Stapel alter Teppichrollen, eine kleine Messingschatulle, die er noch nie zuvor bemerkt hatte. Sie war verziert mit Ranken und Sternen, und ihr Deckel ließ sich ohne Mühe öffnen, als hätte sie darauf gewartet. Darin lag ein einziges zusammengefaltetes Stück Pergament, vergilbt und brüchig am Rand, beschrieben mit einer Handschrift, die so fein war wie gesponnenes Garn. Tariq trug die Schatulle ans Licht der Öllampe und entfaltete das Pergament mit großer Sorgfalt, und was er las, ließ ihn lange schweigen.

Auf dem Pergament stand geschrieben, dass es jenseits der großen Sandwüste, drei Tagesmärsche hinter dem Fels, den die Karawanen den Zahn des Löwen nannten, ein Königreich gebe, unsichtbar für jene, die nicht nach ihm suchten, und doch so wirklich wie Brot und Wasser. Dieses Königreich schlafe seit hundert Jahren unter einem Bann, den ein Dschinn aus Neid und Schmerz über es gelegt hatte, und alle, die darin wohnten, schliefen einen Schlaf ohne Traum, tief wie der Grund eines Brunnens.

Nur wer das Pergament finde und den Weg gehe mit einem Herzen ohne Falsch, könne das Tor finden, und vielleicht, vielleicht, den Schlaf lösen. Tariq saß lange in der stillen Werkstatt und hörte dem Atem der schlafenden Stadt zu. Er dachte an den alten Gewürzhändler und seine Bernsteinaugen. Er dachte an das, was der Mann gesagt hatte. Dann faltete er das Pergament sorgfältig zusammen, legte es zurück in die Messingschatulle, trank einen letzten Schluck Wasser und bereitete sich auf den Morgen vor.

Bei Sonnenaufgang verließ Tariq die Stadt Nur al-Qamar mit einem leichten Bündel auf dem Rücken: Fladenbrot und getrocknete Datteln, einen Schlauch frisches Wasser, eine wollene Decke für die kalten Wüstennächte und die Messingschatulle, die er nah am Körper trug. Die Wüste empfing ihn mit ihrer gewohnten Stille, einem Schweigen, das nicht leer war, sondern voll von unsichtbarem Leben, voll von Hitze und Licht und dem leisen Singen des Sandes im Wind. Tariq ging ruhig und ohne Eile, denn er wusste, dass wer die Wüste hastet, die Wüste verliert.

Am ersten Abend lagerte er an einer kleinen Oase, wo drei Palmen ihre Wedel über einen flachen Teich neigten, dessen Wasser so klar war, dass man den Grund sehen konnte. Der Mond stieg über den Dünen auf und warf sein Licht auf das Wasser, und Tariq aß seine Datteln und hörte den Fröschen zu, die am Ufer sangen. Es war eine vollkommene, ruhige Stunde, eine jener Stunden, in denen die Welt sich einen Atemzug lang ganz richtig anfühlt.

Am zweiten Tag wurde die Wüste rauer und wilder, die Dünen höher, der Wind schärfer. Tariq fand keine Oase mehr, und sein Wasservorrat wurde weniger. Doch er blieb ruhig, denn das Pergament hatte einen Weg beschrieben, und er folgte ihm Schritt für Schritt: zuerst nach dem Stern Kanopus, den die Seefahrer den Südlichen Wächter nannten, dann nach dem Fels, den die Karawanen den Zahn des Löwen nannten.

Und am Abend des zweiten Tages sah er ihn tatsächlich, einen einzelnen aufragenden Felsen in der Ferne, der im letzten Licht der Sonne tatsächlich wie ein gewaltiger Zahn aussah, dunkel und eindrucksvoll gegen den orangefarbenen Himmel. Er schlief unter dem Felsen und träumte von nichts, und das war ein tiefer, guter Schlaf. Am Morgen des dritten Tages, als die Luft noch kühl und blaßgolden war, machte er sich auf den letzten Teil des Weges. Drei Stunden nach Sonnenaufgang blieb er stehen. Vor ihm war nichts als Sand und Stille. Doch dann, als er das Pergament in der Hand hielt und die Augen schloss und ganz ruhig stand, ganz ohne Eile und ganz ohne Erwartung, dann begann er etwas zu spüren.

Es war wie das Kribbeln vor einem Gewitter, wie das leise Summen einer fernen Musikquelle. Die Luft vor ihm schimmerte, kaum wahrnehmbar, ein Flimmern wie über heißem Stein, und doch anders. Und dann, langsam, wie wenn Schleier von einer Lampe fallen, erschien es: ein Tor aus dunkelrotem Sandstein, eingerahmt von zwei mächtigen Säulen, über die Weinranken aus Stein gemeißelt kletterten. Hinter dem Tor war eine Straße, gepflastert mit flachen hellen Steinen, und hinter der Straße,

Minarette, Kuppeln, Mauern, Türme, eine ganze Stadt, in der goldenen Morgensonne leuchtend wie ein Traum. Tariq trat durch das Tor. Die Stadt war vollkommen, und vollkommen still. Die Brunnen liefen, das Wasser plätscherte leise über die Steine der Plätze, der Wind bewegte die Seidenbanner an den Türmen, doch kein Mensch war zu sehen, der sich bewegte oder sprach. Auf dem Marktplatz saßen Händler hinter ihren Auslagen, Datteln, Gewürze, gefaltete Tücher in allen Farben, doch sie saßen mit geschlossenen Augen und ruhigen Gesichtern, als schliefe jeder in seiner Tätigkeit ein. In der großen Moschee knieten Gläubige im Gebet, die Stirn auf dem Teppich, lautlos.

In den Gärten lagen Kinder zwischen Blumen, in den Häusern ruhten Menschen auf ihren Teppichen und Polstern, und auf dem Thron im Palast saß ein alter Kalif mit silbernem Bart, die Hände in den Schoß gelegt, den Kopf ein wenig geneigt, und schlief. Tariq ging durch die leise Stadt wie durch einen Traum, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er gut oder schwer war. Er berührte vorsichtig die Schulter eines schlafenden Kindes, die Haut war warm, der Atem ruhig, das Gesicht friedlich. Niemand war krank. Niemand litt.

Sie schliefen einfach, alle miteinander, seit hundert Jahren, in der Mitte eines vollkommen normalen Tages, und warteten. Im Innenhof des Palastes fand Tariq einen Brunnen, und neben dem Brunnen saß, auf einem Stein, eine Gestalt, halb Rauch, halb Mensch, mit Augen wie glühende Kohlen und einem Gesicht, das alt war jenseits aller Vorstellung. Der Dschinn. Er sah Tariq an, ohne sich zu bewegen, und sein Blick war nicht böse — er war nur sehr, sehr müde. Du bist also gekommen, sprach der Dschinn, und seine Stimme klang wie Sand, der über Stein weht. Hundert Jahre habe ich hier gesessen und gewartet, ob jemand kommt. Viele kamen bis zum Tor. Keiner trat ein. Du bist eingetreten.

Tariq verbeugte sich tief und sprach ruhig: Wisse, o alter Geist, ich bin gekommen ohne Waffe und ohne Forderung. Ich trage nur ein Herz, das fragen möchte: Warum schläft dieses Königreich? Der Dschinn schwieg lange. Dann begann er zu sprechen, und was er erzählte, war die Geschichte eines Schmerzes, der so groß gewesen war, dass er nicht hatte ertragen werden können. Vor hundert Jahren hatte der damalige Kalif dem Dschinn etwas weggenommen, das ihm teurer gewesen war als alles andere, einen Garten, den er seit dem Anbeginn der Zeit gepflegt hatte, voller Bäume, die nirgendwo sonst auf der Welt wuchsen. Der Kalif hatte den Garten roden lassen für die Mauern eines neuen Palastes, ohne zu fragen, ohne zu wissen, was er vernichtete.

Und der Dschinn, erfüllt von einem Schmerz, für den er keine Worte kannte, hatte aus diesem Schmerz heraus getan, was er nicht hätte tun sollen — er hatte das ganze Königreich in den Schlaf gelegt, damit nichts mehr verändert, nichts mehr zerstört werden konnte. Und nun? fragte Tariq leise. Bist du heute noch so zornig? Der Dschinn sah ihn lange an, und in seinen Kohleaugen flackerte etwas auf. Ich weiß es nicht mehr, sagte er schließlich, sehr leise. Ich habe so lange hier gesessen, dass ich vergessen habe, wie Zorn sich anfühlt.

Ich fühle nur noch, Erschöpfung. Und vielleicht, Bedauern. Tariq setzte sich neben den Dschinn auf die Brunnenmauer. Er fragte ihn nach dem Garten, wie er ausgesehen hatte, welche Bäume dort gewachsen waren, wie die Blüten gerochen hatten. Und der Dschinn begann zu erzählen, erst zögernd, dann immer fließender, mit einer Stimme, die sanfter wurde mit jedem Satz. Er sprach von Bäumen mit silbernen Blättern, die im Wind wie Glocken klangen. Er sprach von einer Quelle tief im Garten, deren Wasser nach Kardamom und Rosen schmeckte.

Er sprach von einer Nacht in jedem Jahr, in der alle Bäume gleichzeitig blühten und der Duft so stark war, dass Menschen in der fernen Stadt davon träumten, ohne zu wissen, warum. Als der Dschinn geendet hatte, war die Sonne höher gestiegen und das Licht im Innenhof warm und golden. Tariq schwieg einen Moment. Dann sprach er: Ich kann den Garten nicht zurückbringen. Das liegt nicht in meiner Macht. Aber ich bin ein Weber, ich webe Teppiche. Wenn du den Schlaf löst, werde ich einen Teppich weben, der deinen Garten zeigt, so wie du ihn beschrieben hast, jeden Baum, jede Blüte, jede Nacht. Damit er nicht verloren ist.

Der Dschinn sah ihn an, sehr lange, sehr still. Und dann geschah etwas, das Tariq nie vergessen würde: Aus den Kohleaugen des Dschinn traten keine Tränen, denn Dschinne weinen anders als Menschen, aber ein Licht erschien in ihnen, warm und weich wie das erste Morgenlicht. Der Dschinn stand auf, sehr langsam, streckte die Hände aus und flüsterte etwas in einer Sprache, die älter war als alle Sprachen der Menschen, eine einzige, lange Zeile, die klang wie das Aufwachen selbst.

Und die Stadt erwachte. Es geschah nicht schnell — es geschah wie ein langsames Aufblühen, wie wenn die Sonne nach einer langen Nacht am Horizont erscheint. Ein Kind regte sich zwischen den Blumen. Ein Händler hob den Kopf. Ein Brunnen, der still gewesen war, begann plötzlich lauter zu plätschern. Und dann, Stimmen, zuerst eine, dann viele, dann ein ganzes Meer von Stimmen, Schritte auf den gepflasterten Gassen, Lachen, Rufe, das Klirren von Schalen, der Ruf des Muezzin von einem Minarett. Der Kalif auf dem Thron öffnete die Augen, sah sich um und sprach nach hundert Jahren das erste Wort: Ist es schon Abend?

Tariq lächelte. Hinter ihm, wo der Dschinn gesessen hatte, war niemand mehr, nur ein Hauch von Jasmin in der Luft und, auf dem Stein, ein einziges kleines Blatt von einem Baum mit silbernen Rändern, das sich im warmen Wind bewegte. Er blieb drei Tage in dem erwachten Königreich. Die Menschen wunderten sich über das, was geschehen war, und sprachen davon in Gruppen an den Brunnen und vor den Moscheen, leise und staunend.

Tariq erzählte dem Wesir, was er wusste, und der Wesir hörte ihm ernsthaft zu und nickte. Am dritten Tag schenkte der Kalif Tariq einen kleinen Beutel Gold und eine Rolle feinster Wolle in allen Farben des Gartens, Silber und Dunkelgrün, Safrangelb und das tiefe Rotbraun guter Erde. Als Tariq zurück nach Nur al-Qamar ging, trug er die Wollrolle auf dem Rücken und die Messingschatulle nah am Herzen. Die Wüste war dieselbe, weit, still, golden im Abendlicht. Doch sie fühlte sich anders an als auf dem Hinweg. Leichter. Als hätte sie ihm etwas zugeflüstert, das er jetzt trug.

In seiner Werkstatt zu Hause spannte Tariq die Wolle auf den Webstuhl seines Vaters, und in den langen, ruhigen Nächten, wenn die Stadt schlief und nur die Grillen sangen, webte er. Er webte Bäume mit silbernen Blättern, eine Quelle in der Mitte eines Gartens, Blüten, die in einer einzigen Nacht im Jahr aufleuchten. Er webte das Licht, wie es in jener Nacht gewesen sein musste, und den Duft, den er sich nur vorstellen konnte, aber beim Weben schien er ihn fast zu riechen: Kardamom, Rosen, alte Erde und etwas Süßes, das keinen Namen hatte.

Der Teppich, als er fertig war, war nicht groß, er passte auf den Boden eines kleinen Zimmers, und doch war er von einer Schönheit, die alle, die ihn sahen, für einen langen Moment verstummen ließ. Tariq rollte ihn sorgfältig auf, band ihn mit einem Stück Seide zusammen und trug ihn zurück in die Wüste. Er ließ ihn an dem Stein, auf dem der Dschinn gesessen hatte, lehnte ihn vorsichtig dagegen und legte daneben das Blatt mit den silbernen Rändern, das er die ganze Zeit aufbewahrt hatte. Am nächsten Morgen waren Teppich und Blatt verschwunden.

Tariq kehrte nach Hause zurück, setzte sich vor seinen Webstuhl und legte die Hände in den Schoß, wie der Kalif es getan hatte, und war eine Weile ganz still. Draußen plätscherten die Brunnen der Stadt Nur al-Qamar, und der Wind trug den Geruch von Jasmin und warmem Brot durch die Fenster, und irgendwo in der Ferne rief jemand den Namen eines Freundes, und die Antwort kam hell und klar zurück durch die ruhige Abendluft.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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