Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen

Das Rätsel von Boscombe Valley

An einem Morgen erhielt Sherlock Holmes ein Telegramm, das ihn aufs Land rief, nach Herefordshire, in den Westen Englands, wo ein rätselhafter Todesfall die Gemüter erregte. Wollen Sie mitkommen, Watson, fragte er. Die Luft und die Landschaft werden uns guttun, und der Fall verspricht, nicht alltäglich zu sein. Meine gute Frau hatte nichts dagegen, und so saßen wir bald im Zug, der durch sanfte grüne Hügel nach Westen rollte. Unterwegs legte mir Holmes die Sachlage dar, so wie er sie den Zeitungen und dem Telegramm des Polizeibeamten Lestrade entnommen hatte.

In jener ländlichen Gegend, erzählte er, lägen zwei Anwesen nahe beieinander. Das eine gehöre einem wohlhabenden Mann namens John Turner, der vor langer Zeit in Australien zu Vermögen gekommen sei und nun als angesehener Gutsherr lebe. Das andere, einen Pachthof, bewirtschafte ein gewisser Charles McCarthy, ebenfalls ein alter Australienheimkehrer, der einst mit Turner aus der Ferne zurückgekommen sei. Auffällig sei, dass der reiche Turner dem ärmeren McCarthy stets sehr entgegengekommen sei: Er habe ihm den Hof überlassen und ihn auf mancherlei Weise begünstigt, ohne dass jemand recht wusste, warum.

Nun aber sei McCarthy tot. Man habe ihn am Boscombe-Teich gefunden, einem kleinen, schilfumstandenen Gewässer im Wald, leblos, mit einer schweren Verletzung am Kopf. Und der Verdacht falle schwer auf seinen eigenen Sohn, den jungen James McCarthy. Denn man habe Vater und Sohn kurz zuvor in heftigem Streit gesehen, und der junge Mann sei wenig später, sichtlich erschüttert, in der Nähe der Leiche aufgegriffen worden. Lestrade hält ihn für schuldig, sagte Holmes. Ich aber halte mein Urteil zurück, bis ich den Ort mit eigenen Augen gesehen habe. Es gibt da einige Kleinigkeiten, die mir zu denken geben.

In Herefordshire angekommen, sprachen wir zunächst mit der jungen Alice Turner, der Tochter des reichen Gutsherrn. Sie war voll Sorge und glaubte fest an die Unschuld des jungen James, den sie offensichtlich von Herzen gern hatte. Sie erzählte, die beiden Väter hätten gewünscht, dass James und sie einander heirateten; James aber habe sich seltsamerweise gesträubt, was den alten McCarthy erzürnt habe. Glauben Sie mir, sagte sie eindringlich, James könnte seinem Vater niemals etwas zuleide tun. Es muss anders gewesen sein.

Dann besuchten wir den jungen James McCarthy im Gefängnis. Er war ein offener, ehrlicher Bursche, verzweifelt über den Tod des Vaters und über den Verdacht, der auf ihm lastete. Seine Aussage war merkwürdig. Er sei an jenem Tag durch den Wald gegangen, ohne zu wissen, dass sein Vater am Teich war. Da habe er aus der Ferne einen eigentümlichen, langgezogenen Ruf gehört, mit dem sein Vater ihn manchmal gerufen habe, einen Ruf, den die beiden noch aus Australien kannten. Er sei dem Ruf gefolgt und auf den Vater getroffen; es sei zu einem heftigen Wortwechsel gekommen, weil der Vater auf der Heirat mit Alice bestand. James sei dann zornig fortgegangen. Kaum aber sei er ein Stück entfernt gewesen, da habe er einen Schrei gehört, sei zurückgeeilt — und habe den Vater sterbend am Boden gefunden.

Und seine letzten Worte, fragte Holmes leise. Mein Vater murmelte etwas, sagte der junge Mann. Es klang wie eine Ratte, mehr konnte ich nicht verstehen. Und er deutete schwach mit der Hand. Dann war er fort. Holmes’ Augen leuchteten auf, doch er sagte nichts. James berichtete noch, er habe in der Nähe einen grauen Mantel am Boden liegen sehen, der einen Augenblick später wieder verschwunden gewesen sei. Holmes hörte all dies mit größter Aufmerksamkeit und dankte dem jungen Mann freundlich.

Am nächsten Morgen gingen Holmes und ich allein hinaus zum Boscombe-Teich. Während ich nur Schilf, Schlamm und niedergetretenes Gras sah, las Holmes den Boden wie ein offenes Buch. Auf Händen und Knien, das Vergrößerungsglas vor dem Auge, verfolgte er Spuren, die mir völlig entgangen waren. Nach einer Weile richtete er sich auf, und in seinem Gesicht lag jene ruhige Befriedigung, die ich kannte, wenn er seiner Sache sicher war. Es war nicht der Sohn, sagte er schlicht. Hier war noch ein anderer Mann.

Er zählte mir auf, was er gelesen hatte. Ein großer Mann sei am Teich gewesen, der mit dem linken Fuß fester auftrete als mit dem rechten, also rechts ein wenig lahme; er habe schwere, grobe Stiefel getragen und einen grauen Mantel. An einer Stelle, hinter einem Baum, habe dieser Mann eine Weile gewartet und dabei eine Zigarre geraucht. Holmes fand sogar die Asche und den Rest und erkannte die Sorte, eine indische, die man mit einer Spitze raucht. Dieser Mann, sagte Holmes, rief mit dem alten Ruf den McCarthy zu sich, ehe der Sohn in der Nähe war. Und dieser Mann ist der wahre Täter. Den jungen James trifft keine Schuld.

Aber wer ist es, fragte ich. Denken Sie an die letzten Worte des Sterbenden, sagte Holmes. Eine Ratte, glaubte der Sohn zu hören. Doch der alte McCarthy stammte aus Australien. Und in Australien gibt es einen Ort namens Ballarat. Der Sterbende sprach keine Ratte aus, er sprach die letzte Silbe eines Namens: Ballarat. Er versuchte, seinen Mörder zu nennen. Holmes hatte bereits eine Vermutung, wer der große, rechts lahmende, reiche Mann war, der einst in Ballarat in Australien gewesen sein musste — und es gab nur einen, auf den all das passte.

Noch am selben Tag suchte Holmes diesen Mann auf: John Turner, den reichen Gutsherrn. Und was sich nun zutrug, erzählte mir Holmes erst später, mit ungewöhnlicher Ernsthaftigkeit. Der alte Turner sei ein gebrochener, todkranker Mann, dem die Ärzte nur noch wenige Monate gaben. Vor Holmes habe er alles gestanden. In seiner wilden Jugend in Australien, in den rauen Tagen der Goldfelder von Ballarat, sei Turner kein ehrenwerter Mann gewesen; er habe damals auf unrechten Wegen sein erstes Vermögen gemacht. Charles McCarthy aber habe ihn aus jenen alten Tagen gekannt — und ihn seither sein Leben lang dafür ausgenutzt. Das war das Geheimnis hinter Turners Großzügigkeit: Es war kein Wohlwollen, es war ein stiller, jahrelanger Zwang. McCarthy hatte ihn in der Hand.

Zuletzt habe McCarthy verlangt, sein Sohn James solle Turners Tochter Alice heiraten, damit der Sohn des Erpressers eines Tages über Turners ganzes Vermögen und über seine geliebte Tochter gebieten würde. Das sei dem alten, sterbenden Mann unerträglich gewesen. Am Teich habe er McCarthy noch einmal beschworen, von diesem Plan abzulassen; als der ihn höhnisch abwies und auch noch den eigenen Sohn vor ihm demütigte, da habe ihn in seiner Verzweiflung und seinem Zorn die Besinnung verlassen. Es sei rasch geschehen und sogleich bitter bereut. Ich bin ein sterbender Mann, habe Turner gesagt, und ich möchte nicht als Mörder vor meinen Schöpfer treten. Aber dass mein Kind glücklich wird, das war mein letzter Wunsch.

Holmes stand vor einer schweren Entscheidung. Der unschuldige James McCarthy musste freikommen, das stand außer Frage. Doch den alten, todkranken Turner ans Messer zu liefern, der seine Tat schon so bald mit dem Leben bezahlen würde, das brachte Holmes nicht übers Herz. Er nahm Turner das vollständige Geständnis ab, schriftlich, und verwahrte es. Vor Gericht trug er so viel vor, dass jeder Zweifel an der Unschuld des jungen James zerstob; der Bursche wurde freigesprochen. Das Geständnis des alten Turner aber hielt Holmes zurück, solange dieser noch lebte. Und Turner lebte nur noch wenige Monate. So blieb die ganze dunkle Wahrheit verborgen.

James McCarthy und Alice Turner heirateten bald darauf. Sie wurden ein glückliches Paar, in Frieden und Wohlstand — und ahnten nichts von der dunklen Wolke, die über der Vergangenheit ihrer Väter gelegen hatte. Manchmal, sagte Holmes nachdenklich auf der Heimfahrt, ist es das Gerechteste, nicht alles ans Licht zu zerren. Das Gesetz hat seinen Lauf genommen; der Unschuldige ist frei, und der Schuldige steht vor einem höheren Richter, als ich es bin. Ich schwieg und sah hinaus auf die sanften, grünen Hügel, die im Abendlicht vorüberzogen, friedlich und still, als hätten sie nie ein Geheimnis gehütet.

So endete das Rätsel von Boscombe Valley, ein ernster Fall, doch einer, in dem am Ende die Unschuld gerettet und das Glück junger Menschen bewahrt wurde. Nun ist alles gesagt, der Zug rollt sanft dahin, und die Dämmerung legt sich weich über das Land.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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