Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen

Das Pferd aus Ebenholz

In den Zeiten der großen Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner tausend Öllampen leuchtete und die Minarette ihre Schatten auf blütenbedeckte Innenhöfe warfen, begab es sich, dass zum Fest des Neuen Jahres Gelehrte und Zauberer aus allen Himmelsrichtungen am Hof des mächtigen Königs Sabur zusammenkamen. Sie brachten Geschenke mit, die kein Auge je zuvor erblickt hatte, Automaten aus Silber und Gold, mechanische Vögel, die wirklich sangen, und Uhren, die die Ewigkeit selbst zu messen schienen. Doch das seltsamste Geschenk von allen war ein Pferd, schwarz und glatt wie die Nacht, gefertigt aus dem tiefsten Ebenholz, mit Augen aus Rubinen und einem Sattel aus Seide, auf dem goldene Muster schimmerten wie Sternbilder.

Der Magier, der dieses Pferd brachte, war ein alter Mann mit einem Gesicht wie verwitterter Stein und Augen, die zu viel gesehen hatten. Er verneigte sich tief vor dem König und sprach: O mein Herr, wisse, dass dieses Pferd kein gewöhnliches Geschöpf ist. Es trägt seinen Reiter durch die Lüfte, wohin immer sein Herz begehrt, über Berge und Meere, über Wüsten und Wälder, schneller als der Wind, ruhiger als der Schlaf. Der König betrachtete das schwarze Tier mit wachsender Faszination, doch sein Sohn, Prinz Kamar, war es, dessen Augen aufleuchteten wie zwei Sterne in der Abenddämmerung.

Der Prinz war jung und mutig und kannte die Welt noch nicht in ihrer ganzen Weite. Er trat vor seinen Vater und bat ihn: O mein Herr und Vater, erlaubt mir, dieses Wunderpferd zu erproben. Der König zögerte, denn wie alle Väter, die ihre Söhne lieben, spürte er eine Unruhe in der Brust, wenn Abenteuer lockten. Doch der Prinz hatte bereits den Sattel ergriffen, bereits den Fuß in den Steigbügel gesetzt, und die Neugier war stärker als jede Vorsicht.

Der alte Magier trat näher und flüsterte ihm zu, welcher der beiden kleinen Knöpfe am linken Schulterblatt des Pferdes es aufsteigen ließ, doch den Knopf für die Landung vergaß er zu nennen, ob aus Versehen oder aus anderen Gründen, das wusste nur er allein. Kamar drehte am Knopf, und das Ebenholzpferd lebte auf. Ein Zittern lief durch seinen schwarzen Leib, die Rubinaugen leuchteten warm, und dann stieg es in die Luft, erst langsam, dann immer schneller, bis der Prinz hoch über den Dächern des Palastes schwebte und die Menschen unten klein wie Ameisen wurden.

Bagdad lag unter ihm wie ein Teppich aus Licht und Schatten, von Kanälen durchzogen wie Silberfäden, umgeben von der weiten, dunklen Wüste. Es war wunderschön, und der Prinz lachte vor Freude, bis ihm einfiel, dass er nicht wusste, wie er wieder landen sollte. Er suchte und tastete an jedem Teil des Pferdes, an jedem Schnörkel und jeder Naht, bis seine Finger am rechten Schulterblatt einen zweiten Knopf fanden. Aber statt zu sinken, flog das Pferd noch schneller, über Wolken, über Länder, deren Namen er nicht kannte, über Meere, die kein Bagdader Kaufmann je befahren hatte.

Die Nacht brach herein, kühl und sternenklar, und der Prinz hielt sich fest und vertraute dem Pferd, das ihn sanft und sicher trug, auch wenn er nicht wusste wohin. Schließlich, als der erste Schimmer des Morgens den Horizont rötete, begann das Pferd von selbst zu sinken, langsam, wie ein Blatt, das zu Boden schwebt, und landete auf dem Dach eines weißen Palastes, dessen Zinnen im Morgenlicht wie Perlen glänzten. Kamar saß im Sattel und schwieg einen Augenblick, atemlos und staunend.

Der Palast gehörte, wie er bald erfahren sollte, dem König von Persien, und in seinen Gemächern schlief eine Prinzessin, deren Name Schams al-Nahar war: Sonne des Tages. Sie erwachte von einem sanften Geräusch auf dem Dach und ließ durch ihre Dienerin nachsehen, was dort oben sei. Als die Dienerin zurückkehrte und von einem jungen Mann berichtete, so schön wie der Mond, sitzend auf einem Pferd aus schwarzem Holz, da konnte die Prinzessin ihre Neugier nicht zähmen.

Sie trat hinaus in die kühle Morgenluft, das Haar noch nicht aufgesteckt, die Augen noch schwer vom Schlaf, und erblickte Kamar. Und Kamar erblickte sie. Wer von beiden zuerst das Herz verlor, lässt sich nicht sagen. Es geschah einfach, so wie der Morgen geschieht, unaufhaltsam und strahlend. Sie sprachen miteinander in gebrochenem Persisch und Arabisch, mit Händen und Augen, wie Menschen sprechen, die dieselbe Sprache des Herzens kennen, auch wenn ihre Zungen verschieden sind. Er erzählte ihr von Bagdad und vom Ebenholzpferd, sie erzählte ihm von ihrem Leben in den weißen Mauern dieses Palastes, von Gärten voller Granatäpfel und Brunnen, die das ganze Jahr rauschten. Doch das Glück der ersten Begegnung ist zart wie Morgenrauch.

Die Wachen des persischen Königs fanden den fremden Prinzen auf dem Dach, und bald stand Kamar vor dem Vater der Prinzessin, einem Mann mit strengen Augen und einer Krone, die schwerer wirkte als Gold. Es drohte Ungemach, denn kein Vater sieht gerne einen Fremden neben seiner Tochter. Doch Kamar trug Würde und Mut in gleichen Teilen, er sprach mit Ehrerbietung und Offenheit, und der König, obwohl misstrauisch, ließ ihn nicht töten.

Stattdessen befahl er, den Fremden einzusperren, bis seine Herkunft geklärt sei, und das Ebenholzpferd ließ er in sein eigenes Gemach tragen, fort von Kamars Händen. Nun begann eine Zeit der Prüfung. Kamar saß in einem kühlen, nicht unfreundlichen Gemach, aß persisches Brot und trank Minztee, und dachte an die Prinzessin, die er kaum kannte und doch schon vermisste wie das Licht. Schams al-Nahar dachte an ihn, und ihre Gedanken waren wie Vögel, die gegen Gitterstäbe fliegen — sie konnten nicht fort, und sie konnten nicht ruhen.

Durch ihre treue Dienerin sandten sie sich Worte hin und her, gefaltet in kleine Tücher, verborgen unter Obstschalen, zwischen Blütenblättern versteckt, die alten Listen der Liebenden, die keine Zeit kennt und keine Mauer. Schließlich fanden die beiden einen Plan. Schams al-Nahar überredete ihren Vater, den Fremden zu sich zu rufen, und während die Wachen abgelenkt waren und der alte König in seinem Mittagsschlaf döste, führte die Prinzessin Kamar in jenes Gemach, wo das Ebenholzpferd stand. Es wartete geduldig, die Rubinaugen ruhig im Halbdunkel.

Kamar fasste die Hand der Prinzessin, und sie fasste die seine, und ohne viele Worte, denn Worte braucht man nicht, wenn das Herz bereits entschieden hat, saßen sie gemeinsam im Sattel, er hinter ihr, beide Arme schützend um sie gelegt. Er drehte den Knopf. Das Pferd stieg auf. Durch das offene Fenster des Palastes hinaus in den blauen persischen Himmel, über die Zitronengärten und die Palmenhaine, über den glitzernden Streifen eines Flusses, der sich durch die Ebene schlängelte.

Schams al-Nahar hielt die Augen erst geschlossen, denn die Höhe war neu für sie, und der Wind ungewohnt, doch dann öffnete sie sie langsam, und was sie sah, ließ sie den Atem vergessen. Die Welt war so weit und so schön, und sie flog durch sie hindurch wie ein Gedanke, leicht und ohne Gewicht. Sie flogen den ganzen Tag. Als die Sonne sank und die ersten Sterne auftauchten, erkannte Kamar unter sich die vertrauten Konturen, das Schachbrettmuster der Felder, die glänzenden Bänder der Kanäle, den goldenen Glanz der Kuppeln. Bagdad.

Er lenkte das Pferd in die Gärten vor der Stadt, in eine stille Oase mit Palmen und einem Teich, in dem sich der Abendhimmel spiegelte. Dort landeten sie sanft auf dem Gras, und das Pferd stand still wie immer, geduldig wie ein treuer Diener. Der König Sabur, Kamars Vater, hatte in den vergangenen Tagen kaum geschlafen. Er hatte den alten Magier bestraft und befragt und wieder befragt, er hatte Boten in alle Himmelsrichtungen entsandt, er hatte die Nächte wach gelegen und an seinen Sohn gedacht.

Als nun Nachricht kam, dass Kamar in den Gärten vor der Stadt gelandet sei, und nicht allein, eilte der König mit seinem Gefolge hinaus, und die Begegnung zwischen Vater und Sohn war lang und fest und ohne Worte, wie solche Begegnungen sein sollen. Schams al-Nahar wurde mit allen Ehren empfangen, die einer Prinzessin gebührten. Man gab ihr ein Gemach mit Blick auf den Flussgarten, mit Seidenkissen und Öllampen, die in allen Farben brannten. Die Frauen des Palastes brachten ihr Kleider und Schmuck und Jasminwasser, und sie lachte und dankte ihnen, und alle liebten sie auf der Stelle, denn sie hatte jene seltene Art von Freundlichkeit, die nicht lernt, sondern ist. Doch noch war nicht alles geregelt.

Der alte Magier, der das Ebenholzpferd gebracht hatte, hegte Groll in seinem Herzen, denn er hatte gehofft, für sein Geschenk die Hand einer Königstochter zu erhalten, und stattdessen hatte er Strafe erhalten und Schande. Er sann auf Rache, wie alte Männer mit verbittertem Herzen es tun: langsam, gründlich und in aller Stille. Er verließ Bagdad, zog nach Persien, und dort erzählte er dem Vater der Prinzessin, wo seine Tochter war. Der persische König sandte ein Heer aus, doch das ist eine andere Geschichte, die in anderen Nächten erzählt wird.

Was in Bagdad geschah, war dies: Der König Sabur erkannte, dass das Ebenholzpferd mehr Unheil als Freude gebracht hatte, solange es in den falschen Händen war. Er ließ es aus dem Palast tragen und an einem stillen Ort verwahren, unter Tüchern aus weißem Leinen, fernab von neugierigen Fingern. Manche sagen, es steht dort noch heute, geduldig wartend, die Rubinaugen sanft in der Dunkelheit leuchtend, bereit für den nächsten Reiter, der mutig genug ist und weise genug, beide Knöpfe zu kennen. Kamar und Schams al-Nahar aber saßen in jener Nacht in einem Garten, umgeben vom Duft der Orangen und dem leisen Rauschen eines Brunnens, der nie verstummte.

Die Lampen brannten niedrig, und der Mond stand voll und rund über den Palastmauern. Sie sprachen wenig, denn es war die Stunde, in der Worte überflüssig werden und das bloße Dasein genügt, das Wärme des anderen, der Atem, das Licht. Irgendwo in der Stadt sang jemand ein altes Lied, dessen Melodie über die Mauern trug und sich mit dem Rauschen des Brunnens vermischte, und in dieser Musik löste sich alles auf, was Sorge gewesen war. Und so endete jene Reise, wie alle guten Reisen enden, nicht an einem Ort, sondern bei einem Menschen, in der stillen Gewissheit, angekommen zu sein.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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