Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 5 Minuten zu lesen

Das Musgrave-Ritual

An einem regnerischen Abend, als wir beide am Kamin der Baker Street saßen, kam Sherlock Holmes in eine seiner seltenen erzählerischen Stimmungen. Ich will Ihnen von einem meiner allerersten Fälle berichten, Watson, sagte er, aus einer Zeit, lange bevor wir uns kannten. Es ist eine sonderbare Geschichte, die Geschichte vom Musgrave-Ritual. Er holte aus einer alten Kiste ein Bündel vergilbter Papiere hervor, lehnte sich zurück und begann.

In jungen Jahren, erzählte Holmes, habe ihn ein alter Studienbekannter aufgesucht: Reginald Musgrave, der letzte Spross eines uralten Adelsgeschlechts, dessen Stammsitz, das Herrenhaus Hurlstone, seit Jahrhunderten der Familie gehöre. Musgrave sei in großer Verlegenheit gewesen. In seinem Haushalt habe es einen Butler gegeben, einen gewissen Brunton, einen auffallend klugen, gebildeten Mann, der einst Lehrer gewesen war und nun, aus welchen Gründen auch immer, als Diener auf Hurlstone wirkte.

Eines Nachts habe Musgrave diesen Brunton dabei ertappt, wie er heimlich in der Bibliothek über alten Familienpapieren saß und gerade ein ganz bestimmtes Dokument studierte: das sogenannte Musgrave-Ritual. Was ist dieses Ritual, fragte ich. Ein wunderlicher alter Brauch, sagte Holmes. Seit unvordenklichen Zeiten muss jeder Musgrave bei seiner Volljährigkeit eine seltsame Frage-und-Antwort-Formel aufsagen, ein Stück uralter Überlieferung, dessen Sinn längst niemand mehr verstand. Man hielt es für leeres, ehrwürdiges Geplapper.

Holmes entfaltete ein Blatt und las mir den Wortlaut vor. Wem gehörte es? Dem, der gegangen ist. Wer soll es haben? Der, der kommen wird. Wo stand die Sonne? Über der Eiche. Wo fiel der Schatten? Unter der Ulme. Wie schritt man es ab? Nach Norden zehn und zehn, nach Osten fünf und fünf, nach Süden zwei und zwei, nach Westen eins und eins, und so darunter. Was sollen wir dafür geben? Alles, was unser ist. Warum sollen wir es geben? Um der Treue willen.

Musgrave entließ den neugierigen Butler, fuhr Holmes fort, und gab ihm eine Woche Zeit zu gehen. Doch ehe die Woche um war, geschah Seltsames. Eines Morgens war Brunton spurlos verschwunden. Sein Bett war unberührt, seine Kleider lagen noch da, als hätte ihn die Erde verschluckt. Und beinahe zur selben Zeit verschwand auch ein Hausmädchen, Rachel Howells, ein leidenschaftliches Geschöpf, das Brunton einst den Hof gemacht und dann verschmäht hatte. Man fand sie später halb von Sinnen am Ufer des kleinen Sees, doch von Brunton fehlte jede Spur. Da, sagte Holmes, rief Musgrave mich zu Hilfe.

Mir war sogleich klar, sagte Holmes, dass der kluge Brunton das Geheimnis des Rituals durchschaut hatte, ein Geheimnis, das alle Musgraves seit Generationen gedankenlos hergesagt hatten, ohne es zu begreifen. Denn dieses Ritual war kein leeres Geplapper. Es war eine Wegbeschreibung. Eine uralte Anleitung, einen verborgenen Schatz zu finden. Holmes erklärte mir, wie er vorgegangen war. Die Sonne über der Eiche, der Schatten unter der Ulme, das waren Wegmarken im Park von Hurlstone. Die alte Eiche stand noch. Die Ulme aber war vor Jahren gefällt worden.

Wie konnten Sie dann messen, fragte ich. Man hatte einst ihre Höhe vermessen und aufgeschrieben, sagte er. Aus ihrer Höhe und dem Sonnenstand ließ sich genau errechnen, wie weit ihr Schatten einst gereicht hatte. Von dort aus schritt ich die Schritte des Rituals ab, nach Norden, nach Osten, nach Süden, nach Westen, und sie führten mich geradewegs ins alte Haus, hinab in einen längst vergessenen Kellerraum.

Und dort, fuhr Holmes leiser fort, fand ich, dass mir ein anderer zuvorgekommen war. Eine schwere Steinplatte im Boden des Kellers war erst kürzlich bewegt worden. Darunter lag eine kleine, gemauerte Kammer. Und in dieser Kammer fand ich den verschwundenen Butler Brunton. Holmes hielt inne. Er war tot, Watson. Der arme, allzu kluge Mann hatte das Geheimnis gelöst, war hinabgestiegen, um den Schatz zu heben — und die schwere Platte, die ihn verschloss, hatte sich über ihm gesenkt.

Ob es ein Unglück war oder ob eine andere Hand nachgeholfen hat, das ließ sich nie ganz klären. Man darf vermuten, dass das verschmähte Mädchen, Rachel Howells, in jener Nacht zugegen war, und dass ihr Schmerz und ihr Zorn eine Rolle spielten. Doch sie war geflohen und blieb für immer verschwunden, und so nahm sie ihr Geheimnis mit sich. Und der Schatz, fragte ich gespannt. Den fand ich, sagte Holmes, und ein Leuchten trat in seine Augen.

In der Kammer und, wie sich zeigte, zum Teil im nahen See, wohin man einiges geworfen hatte, lag ein alter, verrotteter Sack voll seltsamer Dinge: angelaufenes Metall, dunkle, unscheinbare Steine. Musgrave warf nur einen gleichgültigen Blick darauf. Doch ich erkannte, was wir da in Händen hielten. Holmes lächelte. Es war eine uralte Krone, Watson, das verschollene Diadem der alten Könige von England, das ein treuer Musgrave in stürmischen Zeiten vor Jahrhunderten in Sicherheit gebracht und versteckt hatte.

Wem gehörte es? Dem, der gegangen ist. Wer soll es haben? Der, der kommen wird. Das Ritual war nichts anderes als der Treueschwur, dieses königliche Kleinod über die Jahrhunderte zu bewahren, bis ein rechtmäßiger Herrscher es zurückfordern würde. So hatte eine Familie, schloss Holmes, Generation um Generation getreulich einen Schatz gehütet, ohne auch nur zu wissen, was sie da bewahrte. Erst der kluge Brunton durchschaute das Rätsel — und musste es mit dem Leben bezahlen. Ich aber hatte das Vergnügen, ein Stück alter Geschichte ans Licht zu bringen.

Er legte die vergilbten Papiere beiseite und sah ins Feuer. Es war einer meiner ersten Fälle, Watson, und einer meiner liebsten, ein Rätsel aus uralten Worten, gelöst mit nichts als Geduld und ein wenig Geometrie. So endete die Geschichte vom Musgrave-Ritual: ein verborgener Schatz, eine uralte Formel und ein Geheimnis aus längst vergangenen Tagen. Nun ist es still im Zimmer, der Regen trommelt sanft ans Fenster, und das Feuer brennt ruhig herunter.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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