Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Das Manna in der Wüste

Und es geschah in jenen Tagen, nachdem das Volk den großen Weg durch das Wasser hinter sich gelassen hatte, dass es sich nun auf einem anderen Weg befand, einem langen, stillen, staubigen Weg durch die Wüste. Die Wüste Sinai war ein weites Land aus hellem Stein und blassem Sand, aus Hitze am Tag und erstaunlicher Kälte in der Nacht, aus Stille, die so tief war, dass man meinte, die Sterne über sich atmen zu hören. Es war eine Welt ohne Schatten und ohne Brunnen, eine Welt, in der ein Mensch versteht, wie wenig er aus sich selbst heraus vermag.

Und das Volk zog durch diese Welt, Schritt für Schritt, Tag um Tag, geführt von einer Wolke, die vor ihnen herzog wie ein stiller, geduldiger Wegweiser. In den ersten Wochen hatte das Volk noch Vorräte getragen, Brot aus Ägypten, getrocknete Früchte, ein wenig Öl in kleinen Krügen. Doch wie alle Vorräte so tun, wenn die Tage sich mehren und der Weg länger wird als gedacht — sie gingen zur Neige. Die Krüge wurden leichter, die Säcke leerer, und mit der Leere in den Säcken wuchs auch die Unruhe in den Herzen. Die Menschen schauten auf ihre Kinder, und die Kinder schauten hungrig zurück, und diese Blicke waren schwerer zu tragen als alle Lasten auf ihren Schultern.

Und so begann das Volk zu reden. Zuerst nur in den Zelten, leise, zwischen Mann und Frau, zwischen Bruder und Schwester. Dann lauter, am offenen Feuer des Abends, dann noch lauter, als die Sonne hochstand und der Hunger sein Werk tat. Sie sprachen von Ägypten, nicht von der Mühsal, die sie dort erlitten hatten, nicht von den langen Jahren der Knechtschaft, sondern von den Töpfen, die einst über den Feuern gestanden hatten, vom Brot, das es dort gegeben hatte, von Zwiebeln und Linsen und dem Geruch frischgebackener Fladen in der Morgenluft. Wie seltsam ist das menschliche Herz, das in der Not das Gute des Vergangenen erinnert und das Schwere vergisst.

So ist es immer gewesen mit den Menschen, und wer könnte es ihnen verdenken. Mose hörte ihre Worte, und er trug sie weiter, wie ein Hirte die Sorgen seiner Herde trägt, wortlos und mit ernstem Gesicht. Und in jener Nacht, als das Volk schlief und die Wüste schwieg und die Sterne so zahlreich standen wie Sand am Boden, kam eine Antwort. Sie kam nicht als Donner, nicht als Erschütterung der Erde, sondern still und gewiss wie der neue Morgen selbst. Es war die Zusage, dass das Volk gespeist werden würde. Abends würde Fleisch kommen, und morgens, morgens würde Brot fallen wie Tau aus dem Himmel.

Und so geschah es. Am Abend, als das Licht der Sonne sich golden über die Steine legte und die Schatten lang wurden, kamen Wachteln aus dem Nichts, in solcher Zahl, dass die Luft von ihren Flügeln rauschte und die Erde sich unter ihren kleinen Füßen belebte. Die Menschen standen und staunten, und dann begannen sie einzusammeln, was ihnen geschenkt worden war. An jenem Abend aßen sie Fleisch, und das Feuer brannte hell, und in den Gesichtern der Kinder lag wieder jenes Leuchten, das der Hunger eine Weile ausgelöscht hatte.

Aber der eigentliche Morgen, der war wie kein Morgen, den das Volk je gesehen hatte. Als die Nacht sich zurückzog und das erste, blasse Licht den Himmel berührte, als die Wüstenluft noch kühl war und der Tau noch auf den Steinen lag, da sahen die Menschen etwas, das sie nicht kannten. Der Boden war bedeckt. Eine feine, weiße Schicht lag auf der Erde, rund und zart wie Reif, schimmernd im frühen Licht wie tausend winzige Perlen. Die Menschen traten aus ihren Zelten und blieben stehen, und einer fragte den anderen: Was ist das? Und keiner wusste eine Antwort.

Mose trat zu ihnen und sprach mit ruhiger Stimme: Das ist das Brot, das für euch bereitet wurde. Nehmt davon, was ihr für den Tag braucht, nicht mehr und nicht weniger. Was jeder Mensch essen kann, das sammle er ein. Und so knieten sie sich nieder, die Alten und die Jungen, die Mütter mit ihren Kindern, die Männer mit ihren Körben, und sie sammelten die weißen, runden Körner vom Boden auf. Es schmeckte, so sagten sie, wie Honigkuchen, süß und zart, wie etwas, das man schon immer gekannt hatte und sich doch nicht erinnern konnte, jemals gegessen zu haben.

Und so war es nicht nur an jenem Morgen. Jeden Morgen, wenn die Nacht wich und die Wüste im ersten Licht lag, war der Boden bedeckt. Jeden Morgen sammelten die Menschen ein, was sie brauchten. Es war genug, immer genau genug. Wer viel sammelte, hatte nicht zu viel. Wer wenig sammelte, hatte nicht zu wenig. Es war, als ob das Brot selbst wusste, was ein Mensch braucht, und sich danach richtete. Das Volk nannte es Manna, denn dieser Name war aus jener Frage geboren, die sie am ersten Morgen gestellt hatten: Was ist das?

Es gab eine Regel, die das Volk lernte, und sie lernte sie langsam, wie alle wichtigen Dinge gelernt werden. Was an einem Tag gesammelt wurde, sollte an jenem Tag gegessen werden. Man sollte nichts aufheben bis zum nächsten Morgen, keine Vorräte anlegen, keine Reserven anlegen aus Angst vor dem, was kommen könnte. Und wer es doch versuchte, wer den Körnern misstraute und heimlich etwas zurücklegte, der fand am Morgen, dass das Aufgehobene sich verändert hatte, vergangen und unbrauchbar, als könnte das Manna nicht dort sein, wo man kein Vertrauen hatte. Nur am sechsten Tag war es anders: Da sammelte das Volk doppelt, denn der siebte Tag war ein Tag der Ruhe, an dem kein Manna fiel.

Und das doppelt Gesammelte blieb frisch und gut, als hätte es auf diesen besonderen Tag gewartet. Es gibt etwas Seltsames und Schönes an dieser Lehre des täglichen Brotes. Nicht das Aufgehäufte, nicht der volle Vorratskeller, nicht die Sicherheit des Übermorgen, sondern der heutige Tag, der morgige Morgen, das Genug des Jetzt. Die Wüste ist ein strenger Lehrer, aber auch ein ehrlicher. Sie nimmt alles Unnötige fort und lässt nur das Wesentliche übrig. Und das Wesentliche, so lehrte die Wüste das Volk, kommt nicht aus den eigenen Händen allein.

Die Monate vergingen, und das Manna fiel. Sommer und Winter, in der Hitze und in den kühlen Nächten, wenn die Kinder längst schliefen und die Wächter am Feuer saßen und in die Sterne schauten. Das Volk lernte den Rhythmus dieses Lebens kennen: den Aufbruch am frühen Morgen, das Einsammeln noch vor der großen Hitze, das Mahlen und Backen und Kochen, den Geruch von warmem Brot in der Wüstenluft, der sich mit dem Geruch von Staub und Feuerrauch vermischte zu etwas, das man nur als Zuhause beschreiben kann, auch wenn man kein Haus hatte, auch wenn der Boden unter den Füßen jeden Tag ein anderer war.

Und so zog das Volk durch die große Stille der Wüste, getragen von dem Brot, das jeden Morgen neu aus dem Tau der Nacht stieg, wie ein Versprechen, das sich täglich erneuert, wie ein leises Licht, das nicht erlischt. Der Weg vor ihnen war noch lang. Große Dinge warteten noch: Berge, die rauchten, Worte, die in Stein gemeißelt wurden, Aufbrüche und Ankünfte.

Doch an jedem einzelnen Morgen, bevor all das kam, lag zuerst das Manna auf dem Boden, still und weiß und rund, schimmernd im ersten Licht des neuen Tages. So zogen sie weiter, Schritt für Schritt, durch die weite, alte Wüste, und über ihnen wölbte sich der Himmel, so tief und blau und unendlich, als wolle er das kleine, wandernde Volk mit all seinen Sorgen und Hoffnungen einfach nur beschützen, Tag für Tag, Morgen für Morgen, so weit der Weg auch noch sein mochte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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