Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 9 Minuten zu lesen

Das Märchen vom falschen Prinzen

In der großen Stadt Alexandria lebte vor langer Zeit ein Schneidergeselle namens Labakan, der bei einem ehrbaren Meister in der Lehre stand. Man konnte nicht sagen, dass Labakan ungeschickt gewesen wäre — im Gegenteil, seine Hand führte die Nadel so fein und sicher, dass die schönsten Gewänder unter seinen Fingern entstanden. Und doch war mit Labakan etwas nicht in Ordnung, denn in seinem Herzen wohnte ein sonderbarer Hochmut.

Er saß oft am Fenster, die Arbeit im Schoß, und blickte hinaus, statt zu nähen, und in seinen Gedanken war er längst kein Schneider mehr. Er bildete sich ein, zu Höherem geboren zu sein, hielt sich für vornehm und stattlich und meinte, es sei seiner unwürdig, krumm über einem Stück Tuch zu sitzen. Sah er einen reich gekleideten Herrn vorüberreiten, so seufzte er und dachte: So einer sollte ich sein, ein Fürst, ein Prinz, nicht ein armseliger Schneider.

Der Meister hatte mit dem träumerischen Gesellen seine liebe Not. Wenn Labakan wieder einmal vergessen hatte zu nähen und stattdessen mit hochmütiger Miene dasaß, dann schalt er ihn wohl, doch es half nicht viel. Eines Tages, als der Meister ihm ein besonders prächtiges Festkleid anvertraut hatte und Labakan es voller Stolz anprobierte, statt es abzuliefern, da kam es zwischen den beiden zum Streit, und Labakan beschloss, fortzugehen und sein vermeintliches Glück in der weiten Welt zu suchen.

In der Frühe des nächsten Morgens, ehe der Meister erwachte, schlich Labakan davon. Er hatte sich das schöne Festgewand, an dem er gearbeitet hatte, kurzerhand angeeignet und trug es nun selbst, und so schritt er, prächtig gekleidet und mit erhobenem Haupt, zum Tor der Stadt hinaus. Wer ihm begegnete, hielt ihn wohl für einen vornehmen Herrn, und das tat seinem hochmütigen Herzen wohl.

Er wanderte einige Tage über Land, und der Zufall führte ihn mit einem jungen Reiter zusammen, der denselben Weg hatte. Der junge Mann hieß Omar, war von edler, doch bescheidener Art, und die beiden schlossen sich zusammen und reisten fortan miteinander. Omar war freundlich und mitteilsam, und während sie so dahinzogen, erzählte er Labakan von der wunderbaren Bestimmung, die ihn erwartete.

Er sei, so vertraute ihm Omar an, von einem weisen alten Manne aufgezogen worden, habe aber soeben erfahren, dass er in Wahrheit von hoher Geburt sei. An einem bestimmten Tag, so habe man ihm gesagt, müsse er sich an einer alten Säule einfinden, der Säule El-Serujah, fern in der Wüste; dort werde ein mächtiger Fürst ihn erwarten und als seinen lang verlorenen Sohn erkennen. Zum Zeichen trage er einen kleinen, kostbaren Dolch, an dem der Fürst ihn erkennen werde.

Labakan hörte all dies mit klopfendem Herzen, und in seiner Brust regte sich ein böser, verlockender Gedanke. Wie, wenn er selbst an Omars Stelle träte? Wenn er den Dolch und die feinen Kleider nähme und sich von dem Fürsten als dessen Sohn empfangen ließe? War er nicht ohnehin zum Prinzen geboren, wie er stets gefühlt hatte? Je länger er darüber nachsann, desto fester wurde sein unredlicher Entschluss.

Als die beiden Reisenden in einer Karawanserei übernachteten und Omar in tiefem Schlafe lag, da führte Labakan seinen Plan aus. Leise nahm er dem Schlafenden den kostbaren Dolch, legte dessen feinste Kleider an, bestieg in aller Stille Omars Pferd und ritt davon, hinaus in die nächtliche Wüste, der Säule El-Serujah entgegen. Den arglosen Omar aber ließ er zurück, beraubt um sein Zeichen und sein Erbe.

Am bestimmten Tage erreichte Labakan die alte Säule, und dort harrte bereits ein prächtiger Zug: der mächtige Fürst mit seinem Gefolge, voller Sehnsucht, den verlorenen Sohn endlich in die Arme zu schließen. Als Labakan, im feinen Gewand und mit dem kostbaren Dolch, herangeritten kam, da eilte ihm der Fürst entgegen, umarmte ihn mit Tränen der Freude und rief: Mein Sohn, mein lang vermisster Sohn. Und Labakan ließ sich umarmen und feiern und trat ein in ein Leben voller Pracht.

Nun war Labakan also, was er stets hatte sein wollen: ein Prinz, in Seide gekleidet, von Dienern umgeben, geehrt von allen. Und doch, so sehr er sich auch mühte, vornehm zu erscheinen, sein altes Wesen brach immer wieder durch. Beim festlichen Mahl ertappte er sich dabei, wie er kennerhaft die Naht eines Vorhangs prüfte; ein kostbares Gewand betrachtete er nicht wie ein Prinz, sondern wie ein Schneider, der die Stiche zählt. Manchem am Hofe fiel das Sonderbare an dem neuen Prinzen wohl auf, doch keiner wagte, es auszusprechen.

Indessen war Omar in der Karawanserei erwacht und hatte mit Schrecken bemerkt, dass Dolch, Kleider und Pferd verschwunden waren. Sogleich begriff er den Verrat seines Gefährten. Zu Fuß und in ärmlicher Kleidung machte er sich auf, so schnell er konnte, der Säule El-Serujah entgegen. Doch als er endlich, müde und bestaubt, am Hofe des Fürsten anlangte und sich als den wahren Sohn zu erkennen gab, da lachte man ihn aus und hielt ihn für einen dreisten Betrüger, denn der Prinz war ja längst gefunden.

So standen sich nun zwei junge Männer gegenüber, und ein jeder behauptete, der echte Sohn des Fürsten zu sein. Der alte Fürst geriet in große Verwirrung und Bekümmernis, denn er konnte nicht sehen, wer von beiden die Wahrheit sprach. Der eine kam in feinen Kleidern und mit dem Dolch, der andere zu Fuß und in Lumpen, und doch hatte der Zerlumpte etwas Edles in Blick und Haltung, das den Fürsten irremachte.

In seiner Not wandte sich der Fürst an eine weise Fee, die in jenem Lande lebte und Adolzaide hieß und für ihre Klugheit weithin berühmt war. Die Fee kam, betrachtete die beiden jungen Männer lange und sprach: Lasst uns die Wahrheit nicht aus den Kleidern lesen, denn Kleider lügen, sondern aus dem, was einem jeden im Blute liegt. Ich will jedem von beiden eine Aufgabe stellen, und an seinem Werk soll sich zeigen, wer er in Wahrheit ist.

So ließ die Fee zweierlei vorbereiten und führte die beiden in ein Gemach, in dem allerlei bereitlag. Ein jeder von euch, sprach sie, möge sich eine Arbeit wählen und sie vollenden. Wählt frei, was euch das Herz eingibt. Auf einem Tisch lagen Waffen und edle Geräte, wie sie einem Fürstensohn geziemen; daneben aber lagen Tuch, Schere, Nadel und Faden, das Handwerkszeug eines Schneiders. Und sie ließ die beiden allein, ein jeder vor seiner Wahl.

Omar trat an den Tisch und wusste mit der Nadel und dem Tuch wenig anzufangen, denn er war kein Schneider. Er nahm zögernd ein edleres Gerät zur Hand, mühte sich ungeschickt und brachte doch nichts Rechtes zustande, denn auch darin war er ungeübt.

Labakan aber, kaum dass sein Blick auf Tuch und Nadel fiel, vergaß alle Vorsicht. Seine Augen leuchteten auf, seine Finger zuckten, und die alte Lust am Handwerk übermannte ihn ganz. Mit sicherem Griff nahm er Schere und Faden, schnitt das Tuch, fädelte ein und begann zu nähen. Und wie er nähte! Stich um Stich setzte er, fein und gleichmäßig, mit jener vollendeten Kunst, die nur eine lange Schneiderlehre verleiht. In kurzer Zeit lag ein prächtiges Gewand vor ihm, kunstvoll genäht, ohne Fehl und Tadel — ein Meisterstück, wie es kein Fürstensohn, sondern nur ein geübter Schneider zu schaffen vermag.

Da kehrte die Fee Adolzaide zurück, und sie brauchte nur einen Blick auf die beiden Werke zu werfen, um zu wissen, woran sie war. Sie lächelte und sprach: Nun ist alles klar. Seht her: Dieser hier hat ein Gewand genäht, so vollkommen, dass nur ein gelernter Schneider es gefertigt haben kann. Ein Fürstensohn wächst nicht mit der Nadel auf. Der falsche Prinz ist entlarvt, durch sein eigenes, redliches Handwerk. Und sie deutete auf Labakan.

Beschämt senkte Labakan den Kopf, denn er war überführt, und zwar gerade durch das, worauf er insgeheim doch stolz war. Der alte Fürst aber wandte sich nun dem zerlumpten Omar zu, sah ihm tief in die Augen und erkannte endlich, von Vaterliebe geleitet, die wahren Züge seines Blutes. Er schloss Omar unter Tränen in die Arme, und so fand der echte Sohn nach langer Irrung doch noch heim zu seinem Vater, und großer Jubel erfüllte den Hof.

Man hätte nun erwartet, dass der Betrüger Labakan hart bestraft würde. Doch die weise Fee Adolzaide war milde und sah tiefer als andere. Bestrafen wir ihn nicht, sprach sie, sein Hochmut hat ihn schon genug gestraft. Doch will ich ihm zu seinem Glück verhelfen, wenn auch auf andere Weise, als er es träumte.

Und sie reichte Labakan ein kleines, hübsch gearbeitetes Kästchen und darin eine Nadel und ein wenig Faden. Nimm dies, sagte die Fee, und kehre heim an deinen Platz. Diese Nadel wird dir treu dienen: Solange du fleißig und redlich bei deinem Handwerk bleibst, wird dein Werk gelingen und dir Wohlstand bringen. Doch hüte dich vor neuem Hochmut, denn das Glück wohnt nicht in fremden Kleidern, sondern in einem zufriedenen Herzen. Labakan nahm das Geschenk demütig an, dankte und zog beschämt, aber auch ein wenig erleichtert, von dannen.

So kehrte Labakan nach Alexandria zurück, in die Werkstatt, aus der er hochmütig fortgelaufen war. Diesmal aber war er ein anderer geworden. Er setzte sich an seinen Platz, nahm die wunderbare Nadel zur Hand und nähte — und alles, was er fertigte, geriet ihm vollkommen, sodass bald die vornehmsten Leute der Stadt bei ihm bestellten und er ein angesehener, wohlhabender Meister wurde.

Den Traum vom Prinzentum aber träumte er nie mehr. Er hatte begriffen, dass es kein größeres Glück gibt, als an seinem rechten Platz zu stehen und das, was man kann, mit Liebe und Fleiß zu tun. Und so lebte Labakan zufrieden und geachtet bis an sein Ende, und wenn er an die alte Säule El-Serujah und an den falschen Prinzen dachte, der er einmal hatte sein wollen, dann lächelte er still und war dankbar, dass ihn seine eigene ehrliche Hand zur rechten Zeit verraten hatte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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