Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen
Das letzte Problem
Mit schwerem Herzen greife ich, Doktor Watson, zur Feder, um von jenen Ereignissen zu berichten, die mir den besten Freund nahmen, den ich je besaß. Lange habe ich geschwiegen. Doch nun will ich aufschreiben, was sich wirklich zutrug, ruhig und wahrhaftig, so wie es war. Es ist die Geschichte vom letzten Fall des Sherlock Holmes, und sie führt uns in die Berge der Schweiz, an einen großen, donnernden Wasserfall.
An einem Frühlingsabend trat Holmes unangemeldet in mein Haus, bleich, hager und ungewöhnlich erregt. Watson, sagte er und schloss sorgsam die Läden, haben Sie je vom Professor Moriarty gehört? Ich verneinte. Das ist das Genie und das Wunder dieses Mannes, sagte Holmes leise. Er beherrscht halb London, und niemand kennt ihn. Er ist der Napoleon des Verbrechens, Watson. Ein Mann von höchster Bildung, einst ein gefeierter Professor der Mathematik — und zugleich der ruhende Mittelpunkt eines riesigen Netzes der Übeltat. Er sitzt reglos im Zentrum wie eine Spinne, und tausend Fäden laufen bei ihm zusammen. Jeder einzelne Schurke ist nur ein Werkzeug; er aber denkt, plant und lenkt.
Seit Monaten, fuhr Holmes fort, bin ich seiner Spur gefolgt. Und nun, endlich, ist mein Netz um ihn und seine ganze Bande beinahe geschlossen. In wenigen Tagen wird die Polizei zuschlagen und sie alle fassen. Aber es ist gefährlich geworden, sagte Holmes ernst. Moriarty weiß, dass ich der Baumeister seines Untergangs bin. Er hat mich in der Baker Street aufgesucht und mich gewarnt: Ich solle ablassen, sonst werde es mir schlecht ergehen. Ich habe abgelehnt. Und nun, erzählte Holmes, häuften sich die Anschläge auf sein Leben: Ein Wagen sei auf ihn zugerast, ein Ziegel von einem Dach gestürzt, ein Mann habe ihn auf der Straße überfallen.
Es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis die Bande gefasst ist. Bis dahin aber bin ich meines Lebens nicht sicher. Kommen Sie mit mir auf den Kontinent, Watson, nur für eine kurze Weile, bis alles vorüber ist. Ich sagte ohne Zögern zu, wie ich es immer getan hatte. Am nächsten Morgen reisten wir ab, doch nicht ohne List, denn Moriarty war uns auf den Fersen. Holmes hatte alles wohlbedacht: Wir nahmen Umwege, vertauschten Gepäck, bestiegen im letzten Augenblick einen Sonderzug. Und tatsächlich, als unser Zug anfuhr, sah Holmes auf dem Bahnsteig eine hagere Gestalt heftig winken: Moriarty selbst, der zu spät kam, uns aber mit einer eigens gemieteten Lokomotive nachjagte. So entkamen wir ihm knapp und reisten weiter, quer durch Europa, bis in die stillen Täler der Schweiz, wo wir hofften, für eine Weile Ruhe und Sicherheit zu finden.
Es waren schöne Tage, die wir dort verbrachten, Holmes und ich, beim Wandern durch die frühlingshaften Berge. Doch eine Nachricht trübte sie: Die Polizei in London hatte zugeschlagen und die ganze Bande gefasst; nur der Kopf, Moriarty selbst, war dem Netz entschlüpft und, so hieß es, noch immer auf der Jagd nach Holmes. Wir kamen in das Dorf Meiringen und stiegen in einem freundlichen Gasthof ab. Der Wirt riet uns, auf unserer Wanderung den großen Reichenbachfall nicht zu versäumen, einen gewaltigen Wasserfall, bei dem die Fluten donnernd in einen tiefen, dunklen Schlund stürzen. So gingen wir am Nachmittag hinauf zu jenem furchtbar schönen Ort.
Wir standen am schmalen Pfad und blickten auf die tosenden Wassermassen, die in die Tiefe schossen, eingehüllt in feinen, aufsteigenden Sprühnebel. Da kam ein Junge gelaufen, mit einem Brief vom Gasthof: Eine englische Dame sei dort plötzlich schwer erkrankt und liege im Sterben; sie verlange dringend nach einem englischen Arzt. Mein Pflichtgefühl ließ mir keine Wahl. Holmes drängte mich zu gehen; er werde hier am Fall noch ein wenig verweilen und dann nachkommen. So eilte ich den langen Weg zurück nach Meiringen. Doch im Gasthof wusste niemand von einer kranken Dame. Da durchfuhr es mich eiskalt: Der Brief war eine List gewesen, ein Trick, um mich von Holmes’ Seite fortzulocken. Ich rannte zurück, den Berg hinauf, das Herz voll Angst.
Als ich atemlos den Pfad am Wasserfall erreichte, war niemand mehr da. Holmes’ Bergstock lehnte allein an einem Felsen. Im weichen Boden sah ich die Spuren: Zwei Männer waren den schmalen Weg bis ans Ende gegangen, dorthin, wo der Pfad an der Kante des Abgrunds endet, und keine Spur führte zurück. Auf einem Stein, beschwert von Holmes’ silbernem Zigarettenetui, lag ein Brief. Mit zitternden Händen las ich seine letzten Worte an mich. Ruhig und gefasst hatte er geschrieben: Er wisse, dass Moriarty gekommen sei, um mit ihm abzurechnen, hier, an diesem Ort. Er sei froh, sagte er, seine Laufbahn damit zu beschließen, dass er die Gesellschaft von einem so gefährlichen Mann befreie. Er bat mich, seine letzten Grüße an die Seinen zu bestellen, und nannte mich seinen Freund. Die Spuren und der Brief sagten alles: Holmes und Moriarty hatten an der Kante des Falls miteinander gerungen — und waren, ineinander verschlungen, gemeinsam in die donnernde Tiefe gestürzt.
Lange stand ich allein an jenem furchtbaren Ort, und das Tosen des Wassers war das einzige Geräusch. Ich kehrte heim mit gebrochenem Herzen, in der festen Überzeugung, den besten und klügsten Menschen verloren zu haben, den ich je gekannt habe. So endete, dachte ich damals, die Geschichte des Sherlock Holmes: im Kampf gegen den größten seiner Gegner, hoch in den stillen Bergen, beim großen Wasserfall von Reichenbach. Es war ein edles Ende für einen edlen Mann, und doch lag ein tiefer, langer Schmerz darin.
Und doch, so traurig dieser Abschied war, er war nicht das wirkliche Ende. Das Schicksal hatte mit Sherlock Holmes noch Großes vor, und eines Tages, nach langer, dunkler Zeit, sollte ich die unfassbarste und glücklichste Überraschung meines Lebens erleben. Doch davon erzählt erst die nächste Geschichte. Für diesen Augenblick bleibt nur der Frieden jener stillen Berge, das ferne, gleichmäßige Rauschen des Wassers, das niemals endet und doch beruhigt wie ein altes Lied. Die Berge stehen dunkel und ruhig unter dem Sternenhimmel, der Nebel des Wasserfalls schwebt sanft in der kühlen Nachtluft, und alles Schwere darf für diesen Augenblick ruhen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.